{"id":21736,"date":"2009-08-12T15:55:03","date_gmt":"2009-08-12T15:55:03","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/08\/ein-kriminalliterarischer-saloeng\/"},"modified":"2022-06-07T17:17:05","modified_gmt":"2022-06-07T15:17:05","slug":"ein-kriminalliterarischer-saloeng","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/08\/ein-kriminalliterarischer-saloeng\/","title":{"rendered":"Ein kriminalliterarischer Sal\u00f6ng"},"content":{"rendered":"\n<p>&#8222;Ach Mama!&#8220; Papa seufzt. &#8222;Im Fr\u00fchjahr wolltest du Polo spielen \u2013 du durftest es. Dann war dir Polo zu langweilig und du wolltest lieber beim Unterwassertennis mitmachen. Kein Problem. Und jetzt? Einen literarischen Salon? Warum nicht Bio-Yoga oder bei der TAFEL das alte Gem\u00fcse an die Arbeitslosen verteilen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>&#8222;Ich m\u00f6chte jetzt aber einen literarischen Salon gr\u00fcnden&#8220;, verk\u00fcndet Mama resolut und sagt &#8222;Sal\u00f6ng&#8220;, weil das aus dem Franz\u00f6sischen kommt. &#8222;Wie die Rahel Varnhagen!&#8220;<br \/>&#8222;Musst du immer alles deinen Freundinnen nachmachen?&#8220; fragt Papa gereizt, aber am Ende gibt er nat\u00fcrlich klein bei, kennt man ja.<br \/>Wir haben jetzt also einen literarischen Salon, und weil Mama am liebsten Krimis liest, haben wir eben einen kriminalliterarischen Salon. Jeder muss mithelfen. Meine Schwester Georgette ist f\u00fcr die Schnittchen zust\u00e4ndig, was sie maulend zur Kenntnis nimmt. Bastian, mein gro\u00dfer Bruder, darf sich in einen Smoking zw\u00e4ngen und an der T\u00fcr den Gr\u00fc\u00dfaugust f\u00fcr die G\u00e4ste machen. Und ich? &#8222;Du bist noch zu klein&#8220;, entscheidet Mama, &#8222;wenn du wenigstens Klavier spielen k\u00f6nntest!&#8220; Ich heule, bis Mama weich wird. &#8222;In Ordnung, Lisa-Domenika, du ziehst dir ein sch\u00f6nes Kleidchen an, k\u00e4mmst dir h\u00fcbsch die Locken und gehst mit den Champagnertablett rum. Aber dass du mir nichts versch\u00fcttest!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>So ein kriminalliterarischer Salon ist keine Kleinigkeit. Zuerst einmal braucht man Autoren, die aus ihren Werken lesen. Dann einen Connoisseur (is auch Franz\u00f6sisch), m\u00f6glichst einen studierten, der anschlie\u00dfend die Diskussion leitet. Und G\u00e4ste, die diskutieren, braucht man selbstverst\u00e4ndlich auch.<br \/>&#8222;Du kannst ja die Damen aus deinem Unterwassertennis-Verein einladen&#8220;, schl\u00e4gt Papa vor. Mama schaut ihn darauf so komisch an, wie sie das immer tut, wenn Papa wieder was Falsches gesagt hat. &#8222;Die Damen! Aus dem Unterwassertennis-Verein! Das ist doch nicht dein Ernst!&#8220; Die Damen lesen n\u00e4mlich, f\u00e4hrt Mama fort, nur Krimis. &#8222;Aha&#8220;, sagt Papa, &#8222;dann passts doch, oder?&#8220; Mitnichten. &#8222;In meinem Sal\u00f6ng wird nur KriminalLITERATUR gelesen&#8220;, dekretiert Mama und schaut ganz unnachgiebig in die Runde. &#8222;Nicht dieses total kommerzielle, rei\u00dferische, kitschige Zeugs aus der Bahnhofsbuchhandlung. Keine Taschenb\u00fccher. Aber f\u00fcr die Auswahl haben wir dann ja unseren Cicerone.&#8220;<br \/>&#8222;Unseren was?&#8220; Papa ist aber auch zu proletarisch! Mama versteht gar nicht, wie er es zum Prokuristen von Schliemann &amp; Fils Buntbleche en gros und en d\u00e9tail hat bringen k\u00f6nnen.<br \/>&#8222;Unseren Zi-Zerr-Rohne!&#8220; wiederholt sie. &#8222;Das hei\u00dft so viel wie F\u00fchrer. Die Claudia Brinz hat da einen s\u00fc\u00dfen kleinen Germanisten an der Hand \u2013 schon \u00e4lter, nat\u00fcrlich -, der pflegt sonst ihren Garten, ist aber immer sehr dankbar, wenn er was \u00fcber Kriminalliteratur erz\u00e4hlen darf, Schiller und so.&#8220;<br \/>&#8222;Schiller!?&#8220; Papa ist geschockt. &#8222;Du meinst doch nicht etwa diesen verstaubten&#8230;&#8220;<br \/>Mama erbleicht. &#8222;Contenance, Ernst-Albert! Ich bitte dich herzlich darum, beherrsche dich in unserem Sal\u00f6ng. Es muss ja nicht jeder gleich merken, dass du nur Mittlere Reife hast.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag kommt der Zi-Zerr-Rohne, so ein kleines und schon ganz schlohwei\u00dfes M\u00e4nnchen in einem karierten Anzug mit Fliege. Er macht einen B\u00fcckling und k\u00fcsst Mamas Hand. Mama ist hingerissen. Ein Intellektueller! Mit Manieren! Er hei\u00dft \u00fcbrigens Bruno Deutlich, DOKTOR Bruno Deutlich und hat \u00fcber &#8222;Das \u00e4sthetische Prinzip in den Werken von Gustav Freytag und Chester Himes&#8220; promoviert. Behauptet er jedenfalls. &#8222;Das ist ja PRI-MA!&#8220; fl\u00f6tet Mama, &#8222;genau das, was wir suchen! Und Herr Freytag w\u00fcrde eventuell bei uns aus seinem neuen Kriminalroman lesen?&#8220;<br \/>Das nun vielleicht doch nicht, sagt Herr Deutlich und r\u00e4uspert sich. Er schlage sowieso vor, einen Autor mit Migrationshintergrund zu nehmen, den Herrn Nwolinga aus dem Kongo k\u00f6nne er vorschlagen oder die Frau Br&#8230; (den Namen hab ich nicht ganz verstanden) aus dem Kosovo, die schreibe \u00fcber einen Massenvergewaltiger und sei wohl selbst auch vergewaltigt worden damals.<br \/>&#8222;Ach nein&#8220;, sagt Mama und schielt zu mir r\u00fcber, &#8222;dann lieber den Herrn Nwolinga. Es sind doch Kinder anwesend&#8230;&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Deutlich nickt. Nwolinga sei eine sehr gute Wahl, ein Erneuerer des kongolesischen Krimis, das Verbrechen nur als Appetizer f\u00fcr das eigentliche Anliegen: &#8222;die Unterdr\u00fcckung der Frau im afrikanischen Stammeswesen. Sehr interessant, gn\u00e4dige Frau!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt, sagt Herr Deutlich weiter, werde es aber schwierig. Das Publikum. &#8222;Man kann dem Herrn Nwolinga keine Leute hinsetzen, die immer nur auf den Whodunit fixiert sind. Das w\u00e4re ein absoluter faux pas.&#8220; Mama nickt betroffen. Oh ja. &#8222;Es sollten schon Kenner sein, Gn\u00e4dige Frau \u2013 also \u2013 Abitur haben doch wohl alle, oder?&#8220; Mama denkt an Papa und nickt z\u00f6gerlich. &#8222;Vielleicht&#8220;, f\u00e4hrt Herr Deutlich fort, &#8222;sollte man eine kleine Vorpr\u00fcfung&#8230; ich meine \u2013 etwas Schriftliches, einen lockeren dialektischen Aufsatz m\u00f6glicherweise&#8230;&#8220; Mama nickt noch einmal, noch z\u00f6gerlicher. Ob das nicht&#8230; die Stimmung&#8230; Herr Deutlich wird jetzt ganz ernst und schaut Mama tief in die Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ein kriminalliterarischer Sal\u00f6ng, Gn\u00e4dige Frau, das ist doch keine Lesung in Raum B3 der Volkshochschule! Da soll ernsthaft diskutiert werden! \u00dcber den Stand der Kriminalliteratur zu Beginn des 21. Jahrhunderts! \u00dcber neue \u00e4sthetische Konzepte beim Plotten! \u00dcber die Rolle des Infinitivsatzes im Zeitalter der Online-Kriminalit\u00e4t! Da m\u00fcsste ein wenig Vorwissen&#8230; Sie verstehen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Mama versteht. Aber Pr\u00fcfung? Schriftlich? Dialektischer Aufsatz? K\u00f6nnte man das nicht ein wenig ungezwungener&#8230; Herr Deutlich nickt resigniert und gibt nach. &#8222;Dann eben m\u00fcndlich. Veranstalten wir doch zun\u00e4chst einen KENNENLERN-TEE. Das ist auch sehr gem\u00fctlich und kultiviert. Die G\u00e4ste sitzen beisammen und tunken Kekse in ihren Tee, dabei wird parliert. \u00dcber die Entwicklung der franz\u00f6sischen Kriminalliteratur unter den zweiten Pr\u00e4sidentschaft de Gaulles etwa \u2013 oder warum bei Raymond Chandler nicht ein einziges Mal das Wort \u2013 Pardon \u2013 &#8222;Ficken&#8220; vorkommt, obwohl da ja gerammelt wird, dass sich die Pessare biegen. Ich leite das Gespr\u00e4ch und mache mir unauff\u00e4llig Notizen. Wer sich als kundig erweist, wird fortan in unseren kriminalliterarischen Sal\u00f6ng eingeladen. So k\u00f6nnte man es doch machen, oder?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Mama ist gl\u00fccklich. Ja, so ist es sch\u00f6n! Ich gehe dann in die K\u00fcche, wo Edwige, unser franz\u00f6sisches Aupair-M\u00e4dchen gerade ins Sp\u00fclwasser weint, weil sie schwanger von unserem Chauffeur ist. Ich lasse mir ein Tablett und unsere teuersten Champagnerkelche geben und \u00fcbe schon mal f\u00fcr unseren Sal\u00f6ng. Ui, das wird aufregend!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ach Mama!&#8220; Papa seufzt. &#8222;Im Fr\u00fchjahr wolltest du Polo spielen \u2013 du durftest es. Dann war dir Polo zu langweilig und du wolltest lieber beim Unterwassertennis mitmachen. Kein Problem. Und jetzt? Einen literarischen Salon? Warum nicht Bio-Yoga oder bei der TAFEL das alte Gem\u00fcse an die Arbeitslosen verteilen?&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-21736","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21736","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21736"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21736\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21736"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21736"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21736"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}