{"id":21740,"date":"2009-08-19T15:07:34","date_gmt":"2009-08-19T15:07:34","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/08\/rex-miller-im-blutrausch\/"},"modified":"2022-06-13T02:28:53","modified_gmt":"2022-06-13T00:28:53","slug":"rex-miller-im-blutrausch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/08\/rex-miller-im-blutrausch\/","title":{"rendered":"Rex Miller: Im Blutrausch"},"content":{"rendered":"\n<p>Dass die Romane Rex Millers wahre Schlachtfeste sind, hat sich inzwischen herumgesprochen. Nichts f\u00fcr Zartbesaitete und \u00c4stheten \u2013 aber hier stock ich schon. Denn andererseits steckt hinter dem groben Gemetzel eine filigrane \u00c4sthetik, der Feingeist splattert sozusagen, der Intellekt (von dem der Volksmund mutma\u00dft, er sei eher &#8222;blutleer&#8220;) badet in Str\u00f6men von Blut, die Literatur (sofern man ihr zubilligt, am Rande auch etwas mit Sprache zu tun zu haben) watet durch den Morast des Ekligen. Na sch\u00f6n. &#8222;Im Blutrausch&#8220; eignet sich kaum als das ideale Geschenk f\u00fcr Eltern vierzehnj\u00e4hriger T\u00f6chter. Ein Geschenk bleibt es dennoch.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Frank Spain ist Berufsm\u00f6rder. Er arbeitet f\u00fcr die Mafia, ein perfekter Angestellter, skrupellos, der Mord als ehrliches Tagwerk. Daneben f\u00fchrt er ein Leben als biederer B\u00fcrger, mit Frau und Tochter und Eigenheim, nur die Arbeitszeiten sind halt etwas unregelm\u00e4\u00dfig. Dann zerbricht die Welt des Frank Spain. Seine Frau geht fremd und verl\u00e4sst ihn, seine vierzehnj\u00e4hrige Tochter Tiff verf\u00e4llt dem Schulgigolo und macht ebenfalls die Biege. Das nimmt kein gutes Ende. Der knackige Junge entpuppt sich als eiskalter Zuh\u00e4lter, die Freier sind Sadisten, Tiff wird verkauft, ger\u00e4t in immer traumatischere Situationen und haucht ihr junges Leben als Hauptdarstellerin eines Snuff-Videos aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Spain vom Schicksal seiner Tochter erf\u00e4hrt, flippt er aus. Alle, die f\u00fcr Tiffs Martyrium verantwortlich sind, m\u00fcssen b\u00fc\u00dfen, aber das sind pikanterweise auch die eigenen Mafiabosse, f\u00fcr die Kinderprostitution ein zwar lohnender, doch peripherer Gesch\u00e4ftszweig ist. Spain also beginnt seinen Rachefeldzug \u2013 und es wird Zeit f\u00fcr Frank Eichord, Star der Serienkiller-Ermittlerszene.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie schon &#8222;Fettsack&#8220; erz\u00e4hlt auch &#8222;Im Blutrausch&#8220; zwei Geschichten. Neben der Haupthandlung entwickelt sich ein Strang idyllischen Gl\u00fccks, abermals lernt Eichord bei seinen Ermittlungen eine Frau kennen, die er ohne die Verbrechen nicht kennengelernt h\u00e4tte. Das Grauen gebiert die Harmonie, aus dem Entsetzen erbl\u00fcht das B\u00fcrgerliche. Noch st\u00e4rker als in &#8222;Fettsack&#8220; sind diesmal die beiden Extreme ineinander verzahnt. Denn der Clou der Story liegt ja gerade darin, dass Spain, der treue Gehilfe des Verbrechens, pl\u00f6tzlich zum furchtbarsten R\u00e4cher mutiert. Er, der genau wusste, womit seine Chefs ihr Geld verdienten \u2013 unter anderem auch mit Snuff-Videos und zum Anschaffen geschickten Kindern \u2013 er, dem das bisher am Allerwertesten vorbeiging, baut sich nun seine eigene Moral samt Gesetzgebung und Vollstreckung auf, er wird auf sehr vertrackte Weise zum &#8222;Guten&#8220;. Das l\u00e4sst tief blicken und ist eben so gar nicht abseitig.<\/p>\n\n\n\n<p>Sondern die schn\u00f6de Wirklichkeit. Solange es nicht uns selbst betrifft, wenn wir gar davon profitieren, mag schreiendes Unrecht geschehen \u2013 es interessiert uns nicht. Wenn aber wir selbst zu Leidtragenden werden \u2013 dann gnade den &#8222;B\u00f6sen&#8220; Gott. Das l\u00e4sst sich sch\u00f6n auf den Alltag herunterbrechen, auf die Ausbeutung all\u00fcberall, an der wir direkt oder indirekt h\u00fcbsch mitverdienen, das ist der schicke Sportschuh, f\u00fcr den sich Kinder krummlegen m\u00fcssen, aber wehe, es ist unser Kind. So steigen wir mit Frank Spain nicht in die Abgr\u00fcnde des Abnormen hinunter, wir fallen vielmehr in die des B\u00fcrgerlichen hinab.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn indem Miller uns mitnimmt auf einen langen Tripp sadistischer Rache, f\u00fchrt er uns doch nur durch unsere t\u00e4gliche Welt. Daf\u00fcr allein geb\u00fchrt ihm Dank. Grandios wird das Ganze aber durch Millers Sprache, durch seinen enorm flexiblen Stil, seine Handhabung der Tempi etwa, den souver\u00e4nen Wechsel zwischen n\u00fcchterner Beschreibung und Klamauk oder die alles durchdringende Lakonik. Das zu \u00fcbersetzen ist nicht einfach, Joachim K\u00f6rber hat es prima auf die Reihe gekriegt. Wer also wissen m\u00f6chte, warum sich Gemetzel und \u00c4sthetik, das Unerh\u00f6rte und das Allt\u00e4gliche nicht ausschlie\u00dfen, der lese Rex Miller.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Rex Miller: Im Blutrausch. <br \/>Edition Phantasia 2009 <br \/>(Frenzy, 1988. Deutsch von Joachim K\u00f6rber). <br \/>318 Seiten. 17,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass die Romane Rex Millers wahre Schlachtfeste sind, hat sich inzwischen herumgesprochen. Nichts f\u00fcr Zartbesaitete und \u00c4stheten \u2013 aber hier stock ich schon. 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