{"id":21745,"date":"2009-08-25T11:33:44","date_gmt":"2009-08-25T11:33:44","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/08\/das-affige-oder-die-affirmation\/"},"modified":"2022-06-16T04:38:08","modified_gmt":"2022-06-16T02:38:08","slug":"das-affige-oder-die-affirmation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/08\/das-affige-oder-die-affirmation\/","title":{"rendered":"Das Affige oder die Affirmation"},"content":{"rendered":"\n<p>Machen wir uns nichts vor. Der gemeine Leser von erz\u00e4hlender Literatur sucht das Affirmative. Wenn ich ans Meer fahre, sollen gef\u00e4lligst die Wellen rauschen, wenn man mir Tide bis zum Abwinken verspricht, dann aber bitte Ebbe und Flut vom Feinsten. So ist das Leben eben: eine einzige Best\u00e4tigung dessen, was ich irgendwann einmal zu meinem Ideal erkoren habe, damals, als ich noch jung und dumm war (gar nicht negativ gemeint; wer jung ist und nicht dumm, der kann nicht jung sein. Aber Dummheit definiert sich hier als der Zustand vor dem Lernen aus Erfahren und Denken und Schl\u00fcsse ziehen). <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Als ich, kommen wir mal zur Kriminalliteratur, die Weiten der W\u00f6rter und Worte ausloten musste und mir langsam aufging, ein Verweilen in den garstigen Welten der Herrschaften Hammett, Himes, Simenon (doch, auch garstig) et al sei meinem geistigen Wohlbefinden bek\u00f6mmlicher als st\u00e4ndiges Pauschalreisen mit REGIOTOURS oder NORDLAND-EXPEDITION.<br \/>So kam man also zu seinem, nun ja: Geschmack. Und der Lebensrest gestaltet sich fortan als ein Hinterherhecheln, immer diesem Geschmack auf der Spur, die Genie\u00dferzunge h\u00e4ngt aus dem Maul, das sich \u2013 Fehlgriff! \u2013 sofort vexiert, wenn man wieder mal in Kreis gelaufen ist und die alte Spur aufgenommen hat, die von damals, als man \u2013 siehe oben \u2013 jung und dumm durch die Kriminalliteraturgeschichte gewetzt ist und \u2013 ich wage es kaum zu sagen \u2013 Agatha Christie f\u00fcr den H\u00f6hepunkt des Genres hielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder pl\u00f6tzlich eine neue Spur erschn\u00fcffelt. Eine, die weitab von der Best\u00e4tigung all dessen liegt, was man so erwartet. Darf nicht sein. Krimi ist Unterhaltung und Unterhaltung eine Einbahnstra\u00dfe. Ich fahre ans Meer, weil ich das Meer verdammt noch mal LIEBE, also fahre ich immer ans Meer und nicht in die Berge, auch wenn\u2019s beim 40. Male langweilig wird, immer diese Wellen, dieses Ebbe und Flut, diese in den Sand schei\u00dfenden Hunde. Egal. Meer. Immer. Was muss ich fr\u00fcher bl\u00f6d gewesen sein, als mir die Berge als Ziel erstrebenswert erschienen! Und wie sehr verbl\u00f6det, wenn sie mich heute, wo ich doch ein Kenner bin, wieder reizen k\u00f6nnten!<\/p>\n\n\n\n<p>Doch. Die Dummheit der Jugend war Segen und Fluch zugleich. Ein Segen, weil man sich noch au\u00dferhalb der Endlosschleife befand, diesem &#8222;Ich mag alle Krimis, die irgendwie&#8230; \u00e4h&#8230; kritisch sind, nicht wahr?&#8220;. Ein Fluch, weil man, um seine Dummheit abzulegen, ja doch in diese Schleife geraten musste. &#8222;Also h\u00f6ren Sie mal, ich ziehe mir gerne einen Landhauskrimi rein und anschlie\u00dfend einen Noir und dann lese ich den neuesten Saarlandkrimi und wenn dann noch Zeit ist gleich alle 75 Maigrets hintereinander.&#8220; Das kann man doch keinem sagen, oder? Das zerst\u00f6rt doch die Fassade der Kennerschaft, die man sich in all den Jahren m\u00fchsam aufgebaut hat und jetzt permanent neu anstreichen muss, damit sie wieder so aussieht wie am Anfang, also in den guten alten Zeiten, als \u00e4hem ziemlich alt&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt: Ich lese Krimis nicht nur zur Unterhaltung. Gut; es l\u00e4sst sich manchmal nicht vermeiden, dass einen ein Buch gut unterh\u00e4lt. Aber laut sagen darf man das nicht. Wer w\u00fcrde denn pausaunen, es ergehe ihm bei der Lekt\u00fcre von Kafkas &#8222;Schloss&#8220; immer ganz pr\u00e4chtig gutlaunig, so richtig sch\u00f6n heimelig und spannend? Kein Mensch, jedenfalls kein Kenner. Der Kenner liest keine B\u00fccher, er arbeitet sich an ihnen ab. Um am Ende \u2013 Affirmation, Affirmation! \u2013 sagen zu k\u00f6nnen: Genau. So sehe ich das auch seit 1958, als ich den Zustand jugendlicher Dummheit und vergn\u00fcgungsgesteuerten Querlesens endlich hinter mir lie\u00df. Ich bin inzwischen so weit zu glauben, dass nirgendwo sonst die denkresistenten Best\u00e4tigungsautomaten so zahlreich und saturiert Erkenntnis produzieren wie in der &#8222;Hochliteratur&#8220; und ihrem Genrependant, dem &#8222;Hochkrimi&#8220;. Du f\u00e4hrst nicht ans Meer, weil das dich immer wieder aufs Neue \u00fcberrascht, du f\u00e4hrst nur noch ans Meer, damit du das \u00dcberraschende sofort als eine Best\u00e4tigung dessen vereinnahmen kannst, was du immer schon gewusst hast. Ein Hund, der pl\u00f6tzlich auf einem Surfbrett auf der Gischt reitet? Ja, ja. Der wird genauso wie alle anderen Hunde gleich am Strand anlanden und in den Sand schei\u00dfen. Na, prima! Wusst ich\u2019s doch!<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal denke ich, es w\u00e4re das Beste, man h\u00e4tte von allem keine Ahnung. Keine Ahnung von Literatur, von Krimis, vom Leben. Man k\u00f6nnte noch einmal neu anfangen. Woll\u00fcstig Landhauskrimis lesen, sich atemlos fragen: Wer wars? Okay, vorbei. Man hat schlie\u00dflich Ahnung. Und bekommt es doch immer wieder best\u00e4tigt, ja? Vielleicht ist es aber auch so, dass, wer Ahnung hat, am Ende \u00fcberhaupt keine Ahnung mehr haben kann, was das eigentlich ist: Lesen. Literatur. Da hockst du glotzend am Meer und pl\u00f6tzlich t\u00fcrmen sich die Wellen zu Bergen und auf dem Gipfel erscheint ein Gamsbock und tut, was Gamsb\u00f6cke tun, er miaut oder bellt und schei\u00dft auf die Fische, die das Wasser unter ihm in die H\u00f6he gehoben haben. V\u00f6llig irrwitzig, nein, ich hab keine Ahnung, was das soll und wo ich gerade bin und wie ich da wieder rauskomme, und es best\u00e4tigt mir nur, dass wer liest und nach der Lekt\u00fcre seinen Geschmack nicht ge\u00e4ndert hat, eigentlich gar nicht gelesen hat, sondern nur, h\u00f6chstens: die Zeit totgeschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<br \/>*nach Selbstdiktat bis Donnerstag oder Freitag anderweitig besch\u00e4ftigt<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Machen wir uns nichts vor. Der gemeine Leser von erz\u00e4hlender Literatur sucht das Affirmative. Wenn ich ans Meer fahre, sollen gef\u00e4lligst die Wellen rauschen, wenn man mir Tide bis zum Abwinken verspricht, dann aber bitte Ebbe und Flut vom Feinsten. 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