{"id":21754,"date":"2009-09-06T10:55:55","date_gmt":"2009-09-06T10:55:55","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/09\/geoffrey-household-einzelgaenger-maennlich\/"},"modified":"2022-06-13T02:10:05","modified_gmt":"2022-06-13T00:10:05","slug":"geoffrey-household-einzelgaenger-maennlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/09\/geoffrey-household-einzelgaenger-maennlich\/","title":{"rendered":"Geoffrey Household: Einzelg\u00e4nger, m\u00e4nnlich"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein Mann mit einem Gewehr schleicht sich auf das Grundst\u00fcck eines Diktators und bekommt ihn ins Fadenkreuz. Bevor er schie\u00dfen kann (will er das \u00fcberhaupt?), wird der Mann entdeckt, gefoltert, von einem Felsen geworfen. Er \u00fcberlebt und fl\u00fcchtet aus dem Land des Diktators in seine Heimat, England. Gerettet ist er nicht. Die Agenten des Diktators sind ihm auf den Fersen, als er einen von ihnen t\u00f6tet, jagt ihn auch die englische Polizei. Der Mann gr\u00e4bt sich einen Bau, lebt dort wie ein Tier. Es n\u00fctzt ihm wenig. Die Agenten scheuchen ihn auf, es kommt zum gro\u00dfen Showdown&#8230;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Was sich so \u00fcbersichtlich anh\u00f6rt, ist alles andere als das. Geoffrey Households &#8222;Einzelg\u00e4nger, m\u00e4nnlich&#8220; von 1939 ist ein Buch, dessen Fundierung man sich erarbeiten muss, ein Buch voller Irritationen und Wahnwitzigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Text, aus der historischen Perspektive betrachtet: Nat\u00fcrlich handelt es sich bei dem Diktator um Adolf Hitler, und der Mann, der ihn da ins Visier nimmt, agiert stellvertretend f\u00fcr die englische Appeasement-Politik, deren H\u00f6hepunkt erreicht war, als Premier Chamberlain und andere im M\u00fcnchner Abkommen Hitler das Sudetenland &#8222;\u00fcberlie\u00dfen&#8220; und glaubten, ihn damit bes\u00e4nftigt zu haben. Sie hatten den Diktator im Visier \u2013 und dr\u00fcckten sozusagen nicht ab. Der von Household entworfene Protagonist kann als Zuspitzung dieses Typus Politiker gesehen werden: Er ist ein bekannter Exzentriker, Gro\u00dfwildj\u00e4ger, Sportsmann, beinahe schon die Karikatur des englischen Gentlemans, irgendwie weit weg von den Banalit\u00e4ten des Alltags und der knallharten Expansionspolitik.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn das ist die andere Perspektive: W\u00e4hrend der Protagonist in seinem Bau dahinvegetiert, r\u00e4sonniert er \u00fcber die &#8222;upper class&#8220;, der er entstammt. Ihr Patriotismus ist ambivalent, ihre f\u00fcr Dekadenz so charakteristische Arroganz derart \u00fcberw\u00e4ltigend, dass sie sich in einer ausgepr\u00e4gten Klassengesellschaft \u00fcber allen Klassen w\u00e4hnt. Sie tut die Dinge um der Dinge willen, sie hat keine handfesten Motive. So sieht der Held seine &#8222;Tat&#8220; denn auch als sinnfreien Sport. Den Diktator zu t\u00f6ten, war nie seine Absicht (das redet er sich jedenfalls ein), geh\u00f6rt so etwas doch nicht zum Fundus einer mit steifer Oberlippe in ihren Clubs agierenden Schicht, die eben aus m\u00e4nnlichen Einzelg\u00e4ngern besteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Man wird bei Households Beschreibung jener degenerierten upper class unwillk\u00fcrlich an Derek Raymond erinnert und dessen Beschreibungen der h\u00f6heren St\u00e4nde im autobiografischen &#8222;The hidden files&#8220;. Hier wie dort entsteht das Bild einer buchst\u00e4blich in ihrem Bau verschanzten Kaste (schon ihre &#8222;Clubs&#8220; \u00e4hneln ja solchen Tierbehausungen), die von allen Seiten bedr\u00e4ngt wird und l\u00e4ngst auf dem Niveau des Animalischen, der stumpfsinnigen Reflexhandlung angelangt ist. Nicht von ungef\u00e4hr entpuppt sich auch der Hauptgegenspieler unseres Protagonisten als Spr\u00f6\u00dfling der upper class. Nur dass sich bei ihm das Degenerierte nicht in der Sinnfreiheit, sondern im Hass auf Albion manifestiert, weil ihm &#8222;die Liebe zum Vaterland&#8220; einst eingepr\u00fcgelt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Einzelg\u00e4nger, m\u00e4nnlich&#8220; l\u00e4sst sich auf diesen historischen und soziopsychologischen Folien lesen; als Beschreibung einer Dekadenz, die weder mit der Wirklichkeit noch der Logik zurecht kommt. Denn im Grunde muss die Entscheidung des Protagonisten, sich in seiner Heimat nicht zu offenbaren, weil dies Deutschland in die H\u00e4nde spielen k\u00f6nnte, als unlogisch erscheinen. Vor dem Hintergrund der skizzierten Gegebenheiten erlangt sie jedoch Sinn: Es ist die Entscheidung eines von der Gesellschaft und ihren Mechanismen abgeschnittenen Menschen, stellvertretend f\u00fcr seine herrschende Klasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Household bel\u00e4sst es nicht bei der Beschreibung. Ganz allm\u00e4hlich vollzieht sich die Verwandlung jenes m\u00e4nnlichen Einzelg\u00e4ngers. Er, der fest davon \u00fcberzeugt war, sein &#8222;Attentat&#8220; sei nichts weiter als eine sportliche Herausforderung, verr\u00e4t sich und den Lesern den wahren Grund f\u00fcr seine Tat. Und der ist zutiefst menschlich, wurde doch die gro\u00dfe Liebe des Protagonisten von Hitlers Schergen ermordet. Letztlich erkennt der Protagonist, dass er abgedr\u00fcckt h\u00e4tte, w\u00e4re er nicht zu fr\u00fch entdeckt worden. Und mit dieser Erkenntnis wird aus dem Snob &#8222;ein R\u00e4cher mit Gr\u00fcnden&#8220;. Am Ende l\u00f6st er sich aus der Bedr\u00e4ngnis, der tierischen Existenz im Bau, um abermals auf die Pirsch zu gehen \u2013 so wie England nach dem Scheitern seiner lauwarmen Friedenspolitik in den Krieg gegen Hitlerdeutschland eintritt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Einzelg\u00e4nger, m\u00e4nnlich&#8220; ist ein zeitloser Klassiker, nicht nur als &#8222;Verfolgungsthriller&#8220;, sondern, mehr noch, als Blaupause f\u00fcr eine Gesellschaft kurz vor oder mitten in der Dekadenz, mit einem bitterb\u00f6sen Humor unterf\u00fcttert, der sich nur aus der Situation selbst erschlie\u00dfen l\u00e4sst. Trotz mehrerer Verfilmungen und einiger Auflagen in deutscher \u00dcbersetzung noch immer eine Art Geheimtipp. Aber das wird sich hoffentlich \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Geoffrey Household: Einzelg\u00e4nger, m\u00e4nnlich. <br \/>Kein und Aber 2009. 232 Seiten. 16,90 \u20ac <br \/>(Rogue Male, 1939. Deutsch von Michael Bodmer)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Mann mit einem Gewehr schleicht sich auf das Grundst\u00fcck eines Diktators und bekommt ihn ins Fadenkreuz. Bevor er schie\u00dfen kann (will er das \u00fcberhaupt?), wird der Mann entdeckt, gefoltert, von einem Felsen geworfen. Er \u00fcberlebt und fl\u00fcchtet aus dem Land des Diktators in seine Heimat, England. Gerettet ist er nicht. 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