{"id":21758,"date":"2009-09-13T16:23:31","date_gmt":"2009-09-13T16:23:31","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/09\/die-krimifabrik\/"},"modified":"2022-06-06T23:45:54","modified_gmt":"2022-06-06T21:45:54","slug":"die-krimifabrik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/09\/die-krimifabrik\/","title":{"rendered":"Die Krimifabrik"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer als Autor mit dem Schreiben von Kriminalromanen nach materiellem Reichtum strebt, braucht Gl\u00fcck und eine durchschlagende Strategie, also am besten beides. Am wichtigsten: Verabschiede dich von der Vorstellung des irgendwie authentischen &#8222;Kunstwerks&#8220;, der individuellen Ma\u00dfanfertigung, gar der literarischen Tradition des Genres, in die du deinen geistigen Erguss platzierst. Wir leben in einer Welt der rationalisierten Massenfertigung, des kostenoptimierten Flie\u00dfbandes und der globalen Diversifizierung von Arbeitsabl\u00e4ufen. Nicht wer einen Krimi SCHREIBT, wird reich, sondern der, der ihn designt und schreiben l\u00e4sst. Wie James Patterson.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Via \u2192<a href=\"http:\/\/www.sarahweinman.com\/confessions\/2009\/09\/a-closer-look-at-james-pattersons-17book-deal.html\">Sarah Weinman<\/a> erf\u00e4hrt der erstaunte Leser vom letzten Deal des Erfolgs&#8220;autors&#8220;: Bis 2012 wird er seinem Verlag Little, Brown 17 B\u00fccher abliefern, darunter viele Krimis. Das Gesch\u00e4ft hat \u2013 man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus \u2013 einen gesch\u00e4tzten Wert von 150 Millionen Dollar. Unterst\u00fctzt wird Patterson dabei von &#8222;Co-Writers&#8220;, u.a. der Schwedin Liza Marklund, mit der eine &#8222;unspecified number of international thrillers&#8220; fabriziert werden soll, die noch gar in der Gesamtzahl von 17 enthalten sind. Das ist selbstverst\u00e4ndlich emp\u00f6renswert. Hat nicht der Autor mit Herzblut zu schreiben, ist die Welt, die in seiner Phantasie entstanden und nach uns\u00e4glicher M\u00fchsal aufs Papier gewandert ist, nicht allein SEINE Welt \u2013 und somit die des Lesers?<\/p>\n\n\n\n<p>Gemach. Werfen wir einen kurzen Blick zur\u00fcck in die Geschichte. Schon in der italienischen Renaissance oder bei den holl\u00e4ndischen Klassikern der Malerei war es Usus, ganze Werkst\u00e4tten an der Entstehung von Kunstwerken zu beteiligen. Hat Michelangelo etwa die Sixtinische Kapelle allein ausgemalt \u2013 oder hatte er nicht ein H\u00e4uflein flei\u00dfiger Gesellen bei sich, die nach des Meisters Anweisung f\u00fcrs Grobe zust\u00e4ndig waren? Gab es in den Ateliers der Holl\u00e4nder nicht Spezialisten f\u00fcr dieses und jenes, f\u00fcr besonders professionelle Stillleben, f\u00fcr Frauenk\u00f6pfe, Kinderk\u00f6rper, Lichteinfall und Wohnzimmerschr\u00e4nke? Doch, gab es. Die Idee des Kunstwerks als individuelle, quasi h\u00f6here Sch\u00f6pfung ist viel j\u00fcnger, der Geniegedanke des 18. Jahrhunderts und die m\u00e4andernde Entwicklung des Urheberrechts haben ihren Teil dazu beigetragen, dass wir uns heute dar\u00fcber emp\u00f6ren, wenn Kunstwerke \u2013 und auch Kriminalromane k\u00f6nnen solche sein \u2013 nicht aus einer Hand kommen, sondern aus vielen, von denen noch die meisten anonym bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hat durchaus seinen Reiz. Denn niemand ist vollkommen. Wem die verzwicktesten Plots im Schlaf zufallen, mag als Dialogschreiber eine Niete sein. Meister atmosph\u00e4rischer Pastiches entpuppen sich nicht selten als ma\u00dflose Langweiler der Dramaturgie. So gesehen hat die Pattersonsche Arbeitsweise, obwohl sie mir nicht im Detail bekannt ist, sehr wohl ihren Reiz. Ja, ich behaupte sogar: Sie hat Zukunft. Und w\u00e4re auch in Deutschland ein Erfolgsmodell.<\/p>\n\n\n\n<p>Man stelle sich vor, es bildete sich eine Art &#8222;Deutsche Krimifabrik&#8220;, best\u00fcckt mit den kompetentesten Spezialisten des Genres. Welche Meisterwerke so entstehen k\u00f6nnten! Horst Eckert w\u00e4re z.B. f\u00fcr die realistischen, handlungsschwangeren Plots zust\u00e4ndig. Pieke Biermann f\u00fcr die Dialoge, Astrid Paprotta f\u00fcr die Erz\u00e4hlperspektive, Norbert Horst f\u00fcr die kleinen Pfiffigkeiten der Handlung, Friedrich Ani f\u00fcr die eindringliche Beschreibung letzter Dinge, Sebastian Fitzek f\u00fcr die Werbung, Ingrid Noll f\u00fcr z\u00fcnftige Sexszenen \u2013 und ich selbst w\u00fcrde f\u00fcr die so entstehenden Produkte meinen guten Namen hergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen auch nicht unversch\u00e4mt werden. Keine 150, keine 50 \u2013 nein, lausige f\u00fcnf Millionen Euro m\u00fcsste ein Vertrag \u00fcber, sagen wir, 10 Krimis pro Jahr als Vorschuss rausr\u00fccken, damit w\u00e4ren wir zufrieden. Das sind Portokassenbetr\u00e4ge, die sich schneller amortisieren als ein marodes Atomkraftwerk. Wo ist der Verlag, mit dem wir dieses Zukunfts- und Erfolgsmodell verwirklichen k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer als Autor mit dem Schreiben von Kriminalromanen nach materiellem Reichtum strebt, braucht Gl\u00fcck und eine durchschlagende Strategie, also am besten beides. Am wichtigsten: Verabschiede dich von der Vorstellung des irgendwie authentischen &#8222;Kunstwerks&#8220;, der individuellen Ma\u00dfanfertigung, gar der literarischen Tradition des Genres, in die du deinen geistigen Erguss platzierst. 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