{"id":21761,"date":"2009-09-16T19:08:18","date_gmt":"2009-09-16T19:08:18","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/09\/gerald-kersh-ouvertuere-um-mitternacht\/"},"modified":"2022-06-12T23:50:42","modified_gmt":"2022-06-12T21:50:42","slug":"gerald-kersh-ouvertuere-um-mitternacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/09\/gerald-kersh-ouvertuere-um-mitternacht\/","title":{"rendered":"Gerald Kersh: Ouvert\u00fcre um Mitternacht"},"content":{"rendered":"\n<p>Das ist Krimi: Ich mach dir deine sch\u00f6ne Welt kaputt, kitte sie wieder \u2013 und am Ende steht sie sch\u00f6ner da denn zuvor. Schicken wir eine alte, exzentrische Lady auf M\u00f6rdersuche, das wird spannend und lustig. Aber wenn es nicht spannend und lustig wird? Wenn die Welt am Ende keineswegs sch\u00f6ner, nein, h\u00e4sslicher und kaputter ist als am Anfang? Dann nennt man&#8217;s Noir. Also nennen wir Gerald Kershs &#8222;Ouvert\u00fcre um Mitternacht&#8220; einen Noir.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Geschichte spielt Mitte der drei\u00dfiger Jahre des vorigen Jahrhunderts in England. Dieses Detail wird noch zentral, obwohl die historische Verortung des Romans zun\u00e4chst nebens\u00e4chlich erscheint. Denn es geht um ein konkretes Verbrechen, den Mord an der zehnj\u00e4hrigen Sonia Sabbatani, Tochter eines j\u00fcdischen W\u00e4schereibesitzers. In den Kohlenkeller eines Abbruchhauses gelockt, vergewaltigt, erw\u00fcrgt. Der Fall sorgt f\u00fcr Aufsehen, die Polizei in Gestalt von Detective Inspector Turpin ermittelt. Zeit f\u00fcr den Auftritt von Asta Thundersley. Sie, verm\u00f6gend und \u2013 wie beinahe alle Auftretenden \u2013 gut englisch-exzentrisch, vermag sich \u00fcber alles Unrecht auf dieser Welt zu emp\u00f6ren, und dann wird sie gnadenlos. Sie stiefelt krakeelend und vorverurteilend durch die Welt, eine nervende Gutmenschin. Jetzt also der Mord an der kleinen Sonia, Asta Thundersley wird den T\u00e4ter fangen, h\u00e4ngen soll er.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie hat Asta den Verdacht, der M\u00f6rder sei im Umfeld der Bacchus-Bar zu suchen. Dort verkehrt allerhand seltsames Volk, die Exzentriker eben, \u00f6sterreichische Emigranten mit merkw\u00fcrdigen Erfinderideen, Groschenheftautoren, aber auch die benachbarte Gesch\u00e4ftswelt. Und Catchy, everybody&#8217;s darling, das f\u00fcr jeden Mann Verst\u00e4ndnis hat, sich gerne selbst erniedrigt und erniedrigen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun aber ist Asta Thundersley keine Miss Marple. Ihre deduktive Kraft ist winzig, ihre absonderlichen Einf\u00e4lle dagegen verbl\u00fcffen. So kommt sie zu dem Schluss, es sei vorteilhaft, m\u00f6glichst viele Menschen aus der Bacchus-Bar zu einer privaten Party einzuladen. Der M\u00f6rder muss unter ihnen sein, man wird ihn schon erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und tats\u00e4chlich: Der M\u00f6rder ist unter den G\u00e4sten, er wird sogar erkannt, wenn auch nicht von Asta. Die ist deprimiert und gibt auf. Vorher aber hat sie eine Erleuchtung und wird jemanden ohrfeigen, und das ist die eigentliche Crux des Romans.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zwei fundamentale Gedanken in &#8222;Ouvert\u00fcre um Mitternacht&#8220;. Den ersten \u00e4u\u00dfert Turpin: Der M\u00f6rder wurde zum M\u00f6rder, weil er an irgend einer anderen Person seine Grausamkeit \u00fcben konnte. Diese Person ist mitschuldig an der Tat. Den zweiten hat Mr. Pink, ein absonderlicher Theologe parat. Er wird ihn ein Jahrzehnt nach den Ereignissen (und nach dem Weltkrieg) folgenderma\u00dfen formulieren: <em>&#8222;Es ist alles dasselbe. Majdanek, Belsen, Auschwitz, Sonia Sabbatani &#8230; Der Unterschied ist nur eine Frage der Gr\u00f6\u00dfenordnung und der Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit.&#8220;<br \/><\/em><br \/>Womit wir bei der historischen Dimension w\u00e4ren. Kershs Buch l\u00e4sst sich beinahe als ein Zwilling des ebenfalls vor kurzem wiederver\u00f6ffentlichten \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/09\/geoffrey-household-einzelgaenger-maennlich.php\">&#8222;Einzelg\u00e4nger, m\u00e4nnlich&#8220; <\/a>von Geoffrey Household lesen. Wir lernen ein England kennen, das sich von den Nazis erniedrigen l\u00e4sst, ein dekadentes Land voller &#8222;Exzentriker&#8220; und wohlmeinender Projektemacher, in dem die Moralisten wie Asta Thundersley spektakul\u00e4r auf die Kacke hauen, im Grunde jedoch hilflos sind, nichts bewirken k\u00f6nnen. Asta wird das, nachdem sie so erb\u00e4rmlich gescheitert ist bei ihrer Missmarpelei, erkennen und jene schon angesprochene Ohrfeige austeilen. Helfen wird auch das nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>So bleibt &#8222;Ouvert\u00fcre um Mitternacht&#8220; letztlich ein gespenstisch pessimistisches Werk, Zeichnung einer Welt, die im Kleinen wie im Gro\u00dfen versagt, zeitlos auch, denn die T\u00e4ter und diejenigen, die sie beg\u00fcnstigen, weil sie nicht handeln, kommen immer ungeschoren davon. Sehr beeindruckend und, ganz am Rande, ein gelungenes Beispiel daf\u00fcr, wie &#8222;das Genre&#8220; mit seinen Regeln angesichts der Wirklichkeit versagen muss. Wer Kersh und Household parallel oder kurz nacheinander liest, hat sogar noch mehr davon.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Gerald Kersh: Ouvert\u00fcre um Mitternacht. <br \/>Pulp Master 2009. 270 Seiten. 13,80 \u20ac<br \/>(Prelude to a Certain Midnight, 1947. Deutsch von Ango Laina und Angelika M\u00fcller)<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist Krimi: Ich mach dir deine sch\u00f6ne Welt kaputt, kitte sie wieder \u2013 und am Ende steht sie sch\u00f6ner da denn zuvor. Schicken wir eine alte, exzentrische Lady auf M\u00f6rdersuche, das wird spannend und lustig. Aber wenn es nicht spannend und lustig wird? 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