{"id":21766,"date":"2009-09-23T13:41:49","date_gmt":"2009-09-23T13:41:49","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/09\/gerhard-loibelsberger-die-naschmarkt-morde\/"},"modified":"2022-06-06T21:10:08","modified_gmt":"2022-06-06T19:10:08","slug":"gerhard-loibelsberger-die-naschmarkt-morde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/09\/gerhard-loibelsberger-die-naschmarkt-morde\/","title":{"rendered":"Gerhard Loibelsberger: Die Naschmarkt-Morde"},"content":{"rendered":"\n<p>Wie l\u00e4ppisch h\u00e4tten wir sie denn gern, die Kriminalliteratur? Man hat sich ja mit vielem schon abgefunden: mit unbeholfen in die hohle Hand formulierter Regiofremdenwerblerei, dummbeuteliger special-interest-Spannung f\u00fcr Freunde des Kulinarischen, der Spirituosen oder einer bestimmten Tierart, mit zusammengegoogelten und besinnungsaufsatzm\u00e4\u00dfig verfassten &#8222;historischen Krimis&#8220;&#8230; sogar, wenn alles zusammenf\u00e4llt, das Bieder-Regionale, das schlichtweg Pr\u00e4potente, das Nichtschreibenk\u00f6nnen als Attit\u00fcde \u2013 selbst dann also haut uns das nicht mehr wirklich um. Bei Gerhard Loibelsbergers &#8222;Die Naschmarkt-Morde&#8220; allerdings kommen wir ein wenig ins Wanken.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>&#8222;Ein Roman aus dem alten Wien&#8220; ist das, pr\u00e4ziser: aus dem Wien des Jahres 1903. Der Autor hat unter anderem an dem Buch &#8222;Wiener Weihnachtsb\u00e4ckereien&#8220; mitgearbeitet, was uns schon vorwarnen sollte. Auf dem Wiener Naschmarkt geht ein Frauenm\u00f6rder um, der Ermittler kocht und isst gerne, es gibt also Kochrezepte und \u00fcberhaupt sehr viel Wienerisches, was einen beeindruckenden Fu\u00dfnotenapparat notwendig macht, der uns u.a. lehrt, ein &#8222;Hallodri&#8220; sei ein &#8222;heiter-unzuverl\u00e4ssiger Mensch&#8220;. Tja \u2013 und Ber\u00fchmtheiten treten auf, Wien 1903 halt, Wiener Moderne und so. Der Maler Gustav Klimt, Peter Altenberg, Otto Weininger&#8230; nicht dass es f\u00fcr die Handlung wichtig w\u00e4re (denkt man bis zum Ende und wird dann in einem Fall doch eines Besseren, d.i. Schlechteren belehrt). Ein wenig verwundert es, dass nicht pl\u00f6tzlich Karl Kraus um die Ecke biegt und ohne lange zu fackeln furchtbar \u00fcber die artgerechte Zubereitung eines Wiener Schnitzels doziert. Passen w\u00fcrds schon.<\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten \u2013 g\u00e4be es nicht viel zu sagen. Es werden halt Frauen umgebracht. Dazwischen wird viel gekocht, manchmal mit pr\u00e4ziser Angabe der Rezeptur, es wird ein wenig k\u00f6rperlich geliebt, die Falschen geraten in Verdacht und werden eingesperrt und wieder freigelassen, und dann hat der Ermittler so eine Art Idee und wei\u00df pl\u00f6tzlich, wers war, aber der M\u00f6rder ist schon auf der Flucht, und das alles riecht so penetrant nach &#8222;Serie&#8220;, dass man schon dunkel mutma\u00dft, der vermisste Karl Kraus habe seinen Auftritt nur auf eine sp\u00e4tere Folge verschoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Dramaturgie zum Einschlafen halt. Personal auf Untiefenniveau. Stilistisch f\u00fcr Kochb\u00fccher ad\u00e4quat, f\u00fcr sonst aber nichts. Unmotivierte Morde&#8230; nein, das nicht. Das muss man dem Autor lassen. Ein Motiv gibt er seinem \u00dcbelt\u00e4ter mit auf dem Weg, und jetzt w\u00e4ren wir doch wieder bei den Ber\u00fchmtheiten, siehe oben. Einer der drei Genannten ist n\u00e4mlich schuld, und wer ein wenig recherchiert, ahnt auch schon, welcher. Das ist nun so jenseits von allem, so donnernd peinlich, so aufgesetzt, dass man es kaum glauben mag. Aber man ist ja \u2013 siehe nochmals oben \u2013 abgebr\u00fcht.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dfen wir, beif\u00e4llig nickend, mit einem \u2192<a href=\"http:\/\/www.kaliber38.de\/woertche\/buchkultur_09.htm\">Kennerzitat<\/a>: <em>&#8222;Was also tun mit diesem ganzen Biederkram, mit dieser Flachheit auf Niveau, mit dieser Langeweile im Spannungskleidchen? Warten bis bessere Zeiten kommen? Das Jammervolle und Schauderhafte hinnehmen wie&#8217;s kommt? Und auf die Katharsis hoffen?&#8220;<\/em> Ja, meinetwegen. Besser noch: einfach was Vern\u00fcnftiges lesen. &#8222;Die Naschmarkt-Morde&#8220; zum Ma\u00dfstab genommen, d\u00fcrfte die Auswahl riesengro\u00df sein.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Gerhard Loibelsberger: Die Naschmarkt-Morde. Ein Roman aus dem alten Wien. <br \/>Gmeiner 2009. 274 Seiten. 12,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie l\u00e4ppisch h\u00e4tten wir sie denn gern, die Kriminalliteratur? 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