{"id":21773,"date":"2009-10-04T14:21:10","date_gmt":"2009-10-04T14:21:10","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/octavio-escobar-giraldo-saide\/"},"modified":"2022-06-13T00:09:47","modified_gmt":"2022-06-12T22:09:47","slug":"octavio-escobar-giraldo-saide","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/octavio-escobar-giraldo-saide\/","title":{"rendered":"Octavio Escobar Giraldo: Saide"},"content":{"rendered":"\n<p>Einhundertzweiundvierzig Seiten Text: F\u00fcr einen Krimi bedeutet das Reduktion, mehr andeuten als ausf\u00fchren, das vage Skizzenhafte als Grundlage einer erz\u00e4hlerischen Pr\u00e4zision, die auf das Vorstellungs- und Ausbauverm\u00f6gen des Lesers hoffen muss. Eigentlich keine schlechten Voraussetzungen f\u00fcr Kriminalliteratur. Denn je mehr sie ausleuchtet, desto mehr verdunkelt sie.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Octavio Escobar Giraldos &#8222;Saide&#8220; ist eine doppelte Liebesgeschichte ohne Happyend. Wir begegnen dem Protagonisten in der kolumbianischen Hafenstadt Buenaventura, wo er \u2013 als Rundfunksprecher in der Hauptstadt gescheitert \u2013 ein Postb\u00fcro leitet. Oder auch nicht, denn die Arbeit macht ihm keinen Spa\u00df, er \u00fcberl\u00e4sst sie seinen Angestellten. Ein paar Liebesabenteuer, gelegentlich ein Bes\u00e4ufnis. Dann begegnet er der jungen Saide. Sie, Tochter einer Kolumbianerin und eines Libanesen, m\u00f6chte einen dicken Brief in die USA aufgeben, doch das Porto scheint ihr \u00fcberh\u00f6ht, sie will den Chef sprechen. Der verliebt sich in Saide. Verliebt in die Sch\u00f6n e ist aber auch der schon etwas \u00e4ltere Arzt Diaz-Plata. Er kennt Saide seit ihrer Kindheit und hat sie schon fr\u00fch als &#8222;seine Frau&#8220; auserkoren. Mit wenig Erfolg, scheint es, denn Saide liebt einen Gangster, der nun eine langj\u00e4hrige Haftstrafe in den USA verb\u00fc\u00dft. An ihn sind die Briefe adressiert. Sie enthalten eine Art Tagebuch des M\u00e4dchens.<\/p>\n\n\n\n<p>Saide. Sie bliebt zweilichtig, in der Zeichnung ihres Charakters eher grob, wie eigentlich alle Personen des Buches. K\u00f6nnte ein Nachteil sein, ist es aber nicht. Denn so wie Giraldo seine Figuren pr\u00e4sentiert, sind sie genau richtig, um vom Leser ausgemalt zu werden. Menschen, die ohne die soziale Situation, in der sie leben, nicht vorstellbar sind, nicht ohne die Drogenkartelle, \u00fcberhaupt das allgegenw\u00e4rtige Gro\u00dfverbrechen, die politischen Extreme des Landes, seine Korruptheit, seine Lethargie. Das Verbrechen, das beide Liebesgeschichten abrupt beendet, geschieht fast beil\u00e4ufig, lakonisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Erz\u00e4hlt wird die Geschichte in R\u00fcckblenden, w\u00e4hrend die Gegenwart voranschreitet und auf ein anderes Verbrechen zusteuert. Das ist geschickt gemacht, das Vergangene kommentiert das Jetzt und beide spitzen sich zum Ende zu. Aber das ist nat\u00fcrlich kein Ende wie in einem penetrant auf vielen hundert Seiten ausgemalten Roman. Giraldo hat einen Text geschrieben \u2013 Roman mag man ihn nicht nennen, vielleicht trifft es &#8222;Novelle&#8220; besser -, den nur die Vorstellung des Lesers wirklich zusammenh\u00e4lt. Das ist eben der Vorzug von Kompensation: Man kann die Geschichte so weit entwickeln, wie man m\u00f6chte. Man kann sie f\u00fcr sich abschlie\u00dfen oder \u00fcber ihr physisches Ende hinaus weiterlaufen lassen. Nachteil: Von selbst passiert das nicht. Aber das ist ja eher ein weiterer Vorteil.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Octavio Escobar Giraldo: Saide. <br \/>Lateinamerika Verlag 2009. 145 Seiten. 16 \u20ac<br \/>(Saide, 2007. Deutsch von Peter Tremp)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einhundertzweiundvierzig Seiten Text: F\u00fcr einen Krimi bedeutet das Reduktion, mehr andeuten als ausf\u00fchren, das vage Skizzenhafte als Grundlage einer erz\u00e4hlerischen Pr\u00e4zision, die auf das Vorstellungs- und Ausbauverm\u00f6gen des Lesers hoffen muss. Eigentlich keine schlechten Voraussetzungen f\u00fcr Kriminalliteratur. 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