{"id":21776,"date":"2009-10-06T11:02:10","date_gmt":"2009-10-06T11:02:10","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/ein-feigling-sein\/"},"modified":"2022-06-06T16:37:14","modified_gmt":"2022-06-06T14:37:14","slug":"ein-feigling-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/ein-feigling-sein\/","title":{"rendered":"Ein Feigling sein"},"content":{"rendered":"\n<p>Es gibt Sachverhalte, bei denen wir uns einig sind. Zensur ist etwas B\u00f6ses, als vorauseilender Gehorsam veranstaltete Selbstzensur eine Feigheit vor dem Feind. Wenn also der Droste Verlag einen Krimi (&#8222;Wem Ehre geb\u00fchrt&#8220;) seiner Autorin W.W. Domsky (das Pseudonym von Gabriele Brinkmann) noch vor Drucklegung zur\u00fcckzieht, weil eine &#8222;Expertin&#8220; davor warnte, einige Textpassagen k\u00f6nnten den Zorn von Islamisten erregen, dann nennen wir so etwas eine Beschr\u00e4nkung nicht nur der k\u00fcnstlerischen, sondern der in demokratischen Gesellschaften ausge\u00fcbten allgemeinen Rede- und Meinungsfreiheit.<br \/>Der Sprecher der Krimiautoren-Vereinigung Syndikat, Andreas Izquierdo, fasst es in einer \u2192<a href=\"http:\/\/das-syndikat.com\/?p=4384\">Stellungnahme<\/a> zusammen:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><em>&#8222;Wenn es sich so verh\u00e4lt, dass einzig und allein eine m\u00f6gliche islamistische Bedrohung zur Nichtver\u00f6ffentlichung gef\u00fchrt hat, dann m\u00f6chten wir daran erinnern, dass das Recht der Freien Rede und die Freiheit der Kunst nicht nur Privileg, sondern auch Verpflichtung sind. In einer lebendigen Gesellschaft m\u00fcssen sie geachtet und gelebt werden. Zensur, auch vorauseilende Selbstzensur, wendet sich offen gegen unsere freiheitlich, demokratische und liberale Grundordnung. Ehre geb\u00fchrt dem, der f\u00fcr diese Rechte eintritt (&#8230;).&#8220;<br \/><\/em><br \/>K\u00f6nnen wir das unterschreiben? Gewiss. Nur: Was hilft es dem Verleger, in dessen Hinterkopf sich all die Dumm- und Scheu\u00dflichkeiten melden, mit denen uns die Weltpresse seit Jahren versorgt? Karikaturenstreit, eine Mozartoper, die ebenfalls wegen &#8222;islamkritischer Stellen&#8220; nicht aufgef\u00fchrt werden sollte, eine Fu\u00dfballvereinshymne, in der Mohammed keine Ahnung von Fu\u00dfball hat undundund. An all das erinnert sich der Verleger Droste, und es gef\u00e4llt ihm nicht. Er hat Angst. Ob sie berechtigt ist? Mag sein. Feststeht: Er hat sie, und rationale Gr\u00fcnde, ihm diese Angst zu nehmen, fallen mir nicht ein. Droste bittet also seine Autorin, die beanstandeten Stellen (es sind wohl wenige) etwas zu &#8222;entsch\u00e4rfen&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Eingriff in die &#8222;Kunstfreiheit&#8220;? Klar. Wenn auch gesagt werden muss, dass in vielen Lektoraten ganz andere Eingriffe erfolgen, und wenn es dem Autor nicht passt, hat er in der Regel schlechte Karten. Frau Brinkmann hat es nicht gepasst, die gew\u00fcnschten Ver\u00e4nderungen vorzunehmen, der Verlag hat den Krimi zur\u00fcckgezogen, Frau Brinkmann ist emp\u00f6rt, und jetzt haben wir den Presserummel, den das Buch wohl selbst mit den &#8222;islamkritischen Passagen&#8220; nicht ausgel\u00f6st h\u00e4tte. Ganz klar, wer hier recht hat und wer nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber was h\u00e4tte man selber in einer solchen Situation gemacht? Darauf hingewiesen, es handele sich bei den m\u00f6glicherweise &#8222;gef\u00e4hrlichen Stellen&#8220; nun einmal um Figurenrede, keineswegs die Meinung der Autorin? Da nickt der Extremist, hat er doch wieder etwas \u00fcber das Wesen der Literatur gelernt. Oder soll Herr Droste, der ganz einfach Angst hat, seiner Angst auf den Kopf treten und f\u00fcr die Meinungs- und Kunstfreiheit k\u00e4mpfen? Sagt sich so leicht. Vor allem dann, wenn man selber nicht davon betroffen ist. Immer aufrecht in der Diktatur, auch wenn\u2019s vielleicht ans eigene Leben geht \u2013 das sagt sich auch wunderbar einfach, wenn man noch nie in einer Diktatur gelebt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Autor, der damit konfrontiert w\u00e4re, seinen Text &#8222;vorzuzensieren&#8220;, w\u00fcrde ich wahrscheinlich genau das tun. Man hat ja doch M\u00f6glichkeiten, die Dinge, die man sagen m\u00f6chte, auf verschiedene Arten auszudr\u00fccken. Man k\u00f6nnte es wenigstens versuchen und erst dann &#8222;Nein&#8220; sagen, wenn\u2019s einem aus welchen Gr\u00fcnden auch immer nicht gel\u00e4nge. Heldenhaft ist das nicht, zugegeben. Man hat damit &#8222;das Recht der Freien Rede und die Freiheit der Kunst&#8220; verletzt, aber manchmal w\u00fcnscht man sich diese Rechte in ganz allt\u00e4glichen Situationen, merkt dann jedoch, dass man sie keineswegs besitzt. Herr Droste zum Beispiel h\u00e4tte das Manuskript \u2013 es geht um &#8222;Ehrenmord&#8220; \u2013 von vornherein ablehnen k\u00f6nnen, weil ihm vielleicht eingefallen w\u00e4re, wie das damals mit der &#8222;Tatort&#8220;-Folge war, durch die sich die Aleviten verunglimpft f\u00fchlten. Und was hilft mir die Freiheit der Kunst, wenn mir der Verleger v\u00e4terlich zufl\u00fcstert, jetzt sei es an der Zeit, &#8222;mal ein bisschen massenkompatibler&#8220; zu schreiben, weil sich das besser verkauft?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe grunds\u00e4tzlich ein mulmiges Gef\u00fchl, wenn die hehren und wohlformulierten Werte ins Spiel gebracht werden, all das, was sich leicht sagen und fordern l\u00e4sst, worauf man sich schnell einigen kann, was niemandem wehtut \u2013 und keinen wirklich verpflichtet. Erinnern Sie sich noch an die ersten Talkshows nach dem Bekanntwerden der Finanzkrise? An die betrippsten Politiker, die pl\u00f6tzlich &#8222;Wir brauchen wieder moralische Werte&#8220; in die Kamera schw\u00e4tzten? Haben Sie damals geglaubt, wir bek\u00e4men tats\u00e4chlich so etwas wie &#8222;moralische Werte&#8220;? Ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber gut. Man muss die Dinge abw\u00e4gen. Was bin ich bereit zu opfern und was nicht? Welche R\u00fccksichten nehme ich und welche sind mir herzlich wurst? Die Freiheit der Kunst hat auch etwas mit den M\u00f6glichkeiten des K\u00fcnstlers zu tun, sich auszudr\u00fccken, mit seinem Sprach- und Bilderarsenal. Nat\u00fcrlich gibt es Sch\u00f6neres, als seine schriftstellerische Schaffenskraft darauf zu verwenden, irgendwelchen Leuten keine Hassnahrung vorzusetzen. An Frau Brinkmanns Stelle w\u00e4re ich wohl feige gewesen und h\u00e4tte das Ganze als sportlich-k\u00fcnstlerische Herausforderung genommen. Auch das ist Freiheit der Kunst: Dass ich am Ende schlauer sein kann als die Idioten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Sachverhalte, bei denen wir uns einig sind. Zensur ist etwas B\u00f6ses, als vorauseilender Gehorsam veranstaltete Selbstzensur eine Feigheit vor dem Feind. Wenn also der Droste Verlag einen Krimi (&#8222;Wem Ehre geb\u00fchrt&#8220;) seiner Autorin W.W. Domsky (das Pseudonym von Gabriele Brinkmann) noch vor Drucklegung zur\u00fcckzieht, weil eine &#8222;Expertin&#8220; davor warnte, einige Textpassagen k\u00f6nnten den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-21776","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21776","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21776"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21776\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21776"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21776"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21776"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}