{"id":21778,"date":"2009-10-07T16:23:49","date_gmt":"2009-10-07T16:23:49","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/malla-nunn-ein-schoener-ort-zu-sterben\/"},"modified":"2022-06-18T02:41:39","modified_gmt":"2022-06-18T00:41:39","slug":"malla-nunn-ein-schoener-ort-zu-sterben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/malla-nunn-ein-schoener-ort-zu-sterben\/","title":{"rendered":"Malla Nunn: Ein sch\u00f6ner Ort zu sterben"},"content":{"rendered":"\n<p>Nach dem Ende der Apartheid hat S\u00fcdafrika viele Geschichten zu erz\u00e4hlen. Und es sind naturgem\u00e4\u00df kriminelle Geschichten, die das Bild einer aberwitzigen Ideologie zeichnen. Malla Nunn zieht uns mit &#8222;Ein sch\u00f6ner Ort zu sterben&#8220; tief in die Vergangenheit und erz\u00e4hlt, wie es gute Literatur immer tut, dabei viel \u00fcber die Gegenwart.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>1952. In einer s\u00fcdafrikanischen Provinzstadt nahe der Grenze zu Mozambique wird ein Polizist erschossen. Der, ganz blonder und stolzer Bure, war der Herrscher des Ortes, mit einer stattlichen Zahl ebenso blonder und stolzer S\u00f6hne gesegnet, Afrikaner einerseits und mit den Sitten der Eingeborenen vertraut, andererseits aber eben auch Rassist reinsten Wassers, der \u00fcber die Einhaltung der &#8222;Rassengesetze&#8220; zu wachen hatte. Sich mit einer &#8222;andersrassigen&#8220; Person intim einzulassen, war ein Schwerverbrechen, eine S\u00fcnde wider die These vom auserw\u00e4hlten Volk des wei\u00dfen, holl\u00e4ndischst\u00e4mmigen Menschen. Von Anfang an hat Detective Sergeant Emmanuel Cooper, der aus Johannisburg entsandte Ermittler, keinen leichten Stand. Die S\u00f6hne des Toten dr\u00e4ngen, die Stadt verf\u00e4llt in Schweigen. Als dann auch noch der Geheimdienst ins Spiel kommt, dem ein politischer Mord gelegen k\u00e4me, wird es brenzlig f\u00fcr Cooper. Er wird abgeschoben, soll einen Reihe von F\u00e4llen sexueller Bel\u00e4stigung aufkl\u00e4ren. Man bedroht ihn offen, doch Cooper bleibt auf der F\u00e4hrte des M\u00f6rders.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ein sch\u00f6ner Ort zu sterben&#8220; hat einige Pfunde, mit denen sich wuchern l\u00e4sst. Die Kriminalhandlung selbst ist abwechslungsreich, rasant und von jener Spannung, die ein &#8222;Whodunnit&#8220; braucht, ohne sich in seiner Dramaturgie auf die M\u00f6rderentlarvung zu beschr\u00e4nken. Cooper agiert als ein durchweg labiler Charakter, ein Engl\u00e4nder, der nicht in die heile Rassewelt der Buren passt, vom Zweiten Weltkrieg psychisch besch\u00e4digt, von einem Geheimnis umgeben, das erst am Ende gel\u00fcftet wird. Am gelungensten jedoch das Thema selbst, jene irrwitzigen Rassengesetze. Nunn teilt das Personal nicht in B\u00f6se und Gute, nicht fein s\u00e4uberlich in T\u00e4ter und Opfer. Sie zeigt vielmehr, wie diese Ideologie Schaden bei allen Beteiligten anrichtet. So werden aus Figuren eines politisch-historischen Lehrst\u00fccks Menschen mit zerbrochenen Identit\u00e4ten. Und genau hier reicht der Text erheblich \u00fcber seinen konkreten Gegenstand hinaus, weil er den geradezu religi\u00f6s verbr\u00e4mten Rassismus als eine in allen Winkeln t\u00e4tige destruktive Kraft entlarvt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Personenzeichnungen sind die eigentliche St\u00e4rke des Buches. Die Figur des &#8222;alten Juden&#8220; etwa, der \u2013 gelernter Arzt \u2013 sich als unscheinbarer Kaufmann zur\u00fcckgezogen hat, der Vergangenheit aber nicht entkommt. Ein Rassismusopfer, das zynischerweise nun nicht mehr ganz unten auf der Skala steht. Auch der Tote selbst erh\u00e4lt w\u00e4hrend Coopers Nachforschungen irritierende Konturen, je mehr wir von ihm erfahren, desto deutlicher wird, wie eine zur Heilslehre deformierte \u00dcberzeugung sich quasi selbst ad absurdum f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige, wenngleich zu vernachl\u00e4ssigende Schw\u00e4chen des Textes lassen sich konstatieren, etwa Coopers &#8222;innere Stimme&#8220;, die sehr stark an Charles Todd und seinen von den Schrecken des Ersten Weltkriegs traumatisierten Ermittler Rutledge erinnert. Das wirkt ein wenig aufgesetzt. Auch manch verst\u00e4rkende Information \u00fcber den Irrwitz der Rassengesetze h\u00e4tte man sich sparen k\u00f6nnen, wird doch eben dieser Irrwitz eindrucksvoll aufgezeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch: Insgesamt ist Nunns Buch ein starker und eindr\u00fccklicher Text nicht nur \u00fcber Historisches, der komplexe Sachverhalte in spannender und unterhaltsamer Form zu erz\u00e4hlen wei\u00df, ohne sie zu banalisieren. Das Ende ist konsequent: Pessimistisch, was die Gegenwart betrifft, optimistisch in die Zukunft schauend.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Malla Nunn: Ein sch\u00f6ner Ort zu sterben. R\u00fctten &amp; Loening 2009 <br \/>(A beautiful place to die, 2009. Deutsch von Armin Gontermann). <br \/>407 Seiten. 19,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Ende der Apartheid hat S\u00fcdafrika viele Geschichten zu erz\u00e4hlen. Und es sind naturgem\u00e4\u00df kriminelle Geschichten, die das Bild einer aberwitzigen Ideologie zeichnen. Malla Nunn zieht uns mit &#8222;Ein sch\u00f6ner Ort zu sterben&#8220; tief in die Vergangenheit und erz\u00e4hlt, wie es gute Literatur immer tut, dabei viel \u00fcber die Gegenwart.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-21778","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21778","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21778"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21778\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21778"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21778"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21778"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}