{"id":21779,"date":"2009-10-08T13:41:22","date_gmt":"2009-10-08T13:41:22","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/noch-einmal\/"},"modified":"2022-06-08T01:28:16","modified_gmt":"2022-06-07T23:28:16","slug":"noch-einmal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/noch-einmal\/","title":{"rendered":"Noch einmal&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p>Zum &#8222;Fall Droste&#8220; w\u00e4re eigentlich \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/10\/ein-feigling-sein.php\">alles gesagt<\/a>. Jetzt aber hat sich der Verleger Felix Droste via \u2192<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/leben\/buch\/artikel\/1\/%5Cprovokation-ist-zu-billig%5C\/\">TAZ-Interview<\/a> zu Wort gemeldet und die ganze Geschichte von &#8222;Meinungsfreiheit und Zensur&#8220; ins Grunds\u00e4tzliche erhoben.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><em>&#8222;Ich verlege keine B\u00fccher, die die Gef\u00fchle von Mitb\u00fcrgern verletzen&#8220;<\/em>, stellt Droste fest und nennt Frau Brinkmanns Manuskript <em>&#8222;ausl\u00e4nderfeindlich, es l\u00e4uft einem kalt den R\u00fccken runter, wenn man es liest&#8220;<\/em>. Der Einwand des Interviewers, es handele sich doch <em>&#8222;um fiktive Dialoge in einer fiktiven Geschichte, die nicht die Meinung der Autorin oder des Verlages wiedergeben&#8220; <\/em>m\u00fcsse, wird von Droste nicht aufgenommen. Statt dessen fragt er nach dem <em>&#8222;geistigen Vater von Frau Brinkmann&#8220; <\/em>und bringt abermals die Gef\u00fchle der Mitb\u00fcrger, diesmal explizit die religi\u00f6sen, ins Spiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Er habe, sagt Droste weiter, <em>&#8222;einen sachlichen Regionalkrimi eingekauft&#8220; <\/em>und <em>&#8222;einen mittelm\u00e4\u00dfigen Roman&#8220;<\/em> erhalten. Und wiederholt abermals das Credo seines Hauses: <em>&#8222;Ja, in meinem Programm gibt es keine B\u00fccher, welche Glaubensgemeinschaften anschw\u00e4rzen.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Was Droste hier verk\u00fcndet, ist unter so ziemlich allen Aspekten der Betrachtung fragw\u00fcrdig, wenn nicht gar fatal. Geradezu unglaublich, wie er keinen Versuch macht, die Ansichten seiner Autorin von denen ihrer Figuren zu trennen, wie selbstverst\u00e4ndlich hier zusammengeh\u00f6rt, was dem Wesen von fiktiver Prosa nach eben nicht zusammengeh\u00f6rt. Dr\u00f6seln wir das Ganze praktisch auf.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Kinder empfinden beim Sex mit Erwachsenen Lust.&#8220; Einer solcher Satz in einem &#8222;Sachbuch&#8220; ist geeignet, &#8222;die Gef\u00fchle von Mitb\u00fcrgern&#8220;, insbesondere von Opfern sexueller Gewalt, zu verletzen. Er geh\u00f6rt in die Kategorie &#8222;Judenvernichtung gab es nicht&#8220;, &#8222;Alle Neger sind dumm&#8220;, &#8222;Alle, die nicht an die Religion X glauben, werden dereinst in der H\u00f6lle schmoren.&#8220; Was aber nun, wenn ich innerhalb eines Romans \u2013 meinetwegen eines Krimis \u2013 diesen Satz als \u00dcberzeugung eines P\u00e4derasten hinschreibe? Werden auch hier Gef\u00fchle verletzt oder muss ich von meinen Lesern Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr erwarten, dass ich einen P\u00e4derasten denken lasse, was ein P\u00e4derast wohl denken mag?<\/p>\n\n\n\n<p>Oder nehmen wir jemanden wie den Schriftsteller Karlheinz Deschner, der eine volumin\u00f6se &#8222;Kriminalgeschichte des Christentums&#8220; verfasst hat. Ob ich es als \u00fcberzeugter Christ wirklich gerne zur Kenntnis nehme, was meine Glaubensbr\u00fcder so alles trieben und treiben? M\u00f6glicherweise nicht. Es handelt sich hier jedoch um ein wissenschaftliches Werk, das wissenschaftlich kritisiert werden kann, nicht aber auf Gef\u00fchlsebene. Bleiben wir beim Christentum. Darf der Autor Arno Schmidt die Bibel &#8222;ein unordentliches Buch mit 50.000 Textvarianten&#8220; nennen? Er legt diese Behauptung in den Mund des Protagonisten der Erz\u00e4hlung &#8222;Seelandschaft mit Pocahontas&#8220;, doch kann kein Zweifel daran bestehen, dass hier auch die Meinung des Autors wiedergegeben wird. Der denn auch prompt wegen &#8222;Gottesl\u00e4sterung und Pornographie&#8220; belangt werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Treiben wir es nun auf die Spitze. Angenommen, ich schriebe einen Krimi, dessen Held oben eingef\u00fchrter P\u00e4derast w\u00e4re. Und ich w\u00fcrde mich einen Teufel um irgendwelche Correctness scheren und diesen P\u00e4derasten als einen Sympathietr\u00e4ger zeichnen, einen guten Menschen mit, nun ja, gewissen menschlichen Schw\u00e4chen. K\u00f6nnte ich mich dann immer noch auf die k\u00fcnstlerische Freiheit der &#8222;Figurenrede&#8220; berufen oder m\u00fcsste ich mir den Vorwurf gefallen lassen, durch die Konzeption der Figur quasi parteiisch zu sein und &#8222;die Gef\u00fchle meiner Mitb\u00fcrger&#8220; zu verletzen?<\/p>\n\n\n\n<p>Was hier am Beispiel eines P\u00e4derasten angedeutet wird, gilt nat\u00fcrlich f\u00fcr jede andere Person: einen kindersch\u00e4ndenden Schwulen, einen Nazi mit dem Herz auf dem rechten Fleck, ein Priesterseminar, in dem gen\u00fc\u00dflich Orgien gefeiert werden etc.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun w\u00e4re kein Leser gezwungen, ein solches Buch zu m\u00f6gen. Vielleicht h\u00e4tte er sogar recht mit seinem Verdacht, hier verteidige ein Autor unter dem Deckm\u00e4ntelchen der k\u00fcnstlerischen Freiheit die Kindersch\u00e4ndung. Es w\u00fcrde nichts an der schlichten Tatsache \u00e4ndern, dass eine literarische Figur gezeichnet wird, die per definitionem au\u00dferhalb moralischer Wertung angesiedelt ist. Ich kann das mit Argumenten kritisieren, ich kann es verurteilen, muss jedoch damit rechnen, falsch zu liegen. Denn w\u00e4re Literatur moralisch bewertbar, was ja allein zu dem Ergebnis eines &#8222;verletzten Gef\u00fchls&#8220; kommen k\u00f6nnte, dann existierte sie schlicht nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ein Verleger solche Texte nicht ver\u00f6ffentlichen m\u00f6chte, ist das sein gutes Recht \u2013 und zugleich jene &#8222;nat\u00fcrliche Zensur&#8220;, die sich allerorten finden l\u00e4sst. Manche Verlage ver\u00f6ffentlichen keine Texte, die etwas anderes sind als &#8222;sachliche Regionalkrimis&#8220; (was immer das auch sein mag), andere verzichten auf Krimis, die sich nicht &#8222;lesen wie Butter&#8220;, andere m\u00f6gen keine Kommunisten oder Freidemokraten als B\u00f6sewichte, und ganz bestimmt gibt es irgendwo in unserem weiten Land auch einen Verleger, der niemals einen Krimi verlegen w\u00fcrde, dessen Protagonist von D\u00e4monen gejagt wird. Sich allerdings so unsensibel zur Problematik von Fiktion und Wirklichkeit zu \u00e4u\u00dfern wie Herr Droste, das ist bedenklich. Mit dem &#8222;Fall Droste \/ Brinkmann&#8220; hat das gar nichts zu tun. Der bleibt ein Sturm im Wasserglas. Und Herta M\u00fcller, lese ich soeben, hat den Nobelpreis bekommen. Sehr sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum &#8222;Fall Droste&#8220; w\u00e4re eigentlich \u2192alles gesagt. 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