{"id":21781,"date":"2009-10-11T10:22:32","date_gmt":"2009-10-11T10:22:32","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/messemord\/"},"modified":"2022-06-07T15:02:10","modified_gmt":"2022-06-07T13:02:10","slug":"messemord","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/messemord\/","title":{"rendered":"Messemord"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2008\/cover\/ratekrimi.jpg\" alt=\"ratekrimi.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em> Eine wunderbare Nachricht f\u00fcr alle Freundinnen und Freunde der famosen Kurzratekrimis des Kurzratekrimipapstes Dale Patrick Rutherford: Der Konto-Verlag bringt anl\u00e4sslich der diesj\u00e4hrigen Frankfurter Buchmesse das sofort und bedingungslos zu erwerbende Werk &#8222;Dale Patrick Rutherford: Die besten 99 Kurzratekrimis des Kurzratekrimipapstes aus sechs Jahrzehnten&#8220; in einem liebevoll gestalteten, broschierten Werk auf den Markt! Exklusiv f\u00fcr alle wtd-Leser und mit freundlicher Genehmigung des Konto-Verlags hier eine eindrucksvolle Leseprobe&#8230;<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Fragte man Kommissar D\u00fcnnbier nach seinem Leseverhalten, pflegte er zu antworten: &#8222;Mein Leseverhalten? Nun, ich erinnere mich an den Herbst 1976, als ich \u2013 ein junger Student der Kriminalistik \u2013 in den Semesterferien im Weinberg des Peter Dagelmoser die Trauben f\u00fcr seinen lieblichen Tropfen &#8222;Dippelheimer M\u00f6nchssperma&#8220; las, ein Qualit\u00e4tsprodukt mit nussigem Abgang und leicht morbidem Nachgeschmack. Aber sonst?&#8220;<br \/>Und jetzt stand D\u00fcnnbier am Eingang zur Halle 4.1. der Frankfurter Buchmesse, st\u00e4ndig dr\u00fcckten ihn kenntnisreiche Buchh\u00e4ndlerinnen, nerv\u00f6se Bestsellerautoren und seit l\u00e4ngerem der K\u00f6rperpflege entw\u00f6hnte Kritiker zur Seite oder nach vorne oder nach hinten, warfen ihm Schimpfworte zu \u2013 &#8222;Penner! Hauptsch\u00fcler! H\u00f6rbuchnutzer! Suhrkampautor!&#8220; \u2013 es war, kurz gesagt, ein Graus, doch die Pflicht kannte kein Pardon. Sie rief ihn zum Stand des Konto-Verlages, Halle 4.1., Gasse G, Platz G138, denn dort war ein Mord geschehen. Glaubte man jedenfalls.<\/p>\n\n\n\n<p>Als D\u00fcnnbier endlich das Ziel seines unfreiwilligen Ausflugs in die Welt der B\u00fccher und ihrer Bewunderer erreicht hatte, war die Spurensicherung bereits wieder abgezogen, zwei M\u00e4nner betteten den Toten vorsichtig in einen Blechsarg und Kriminalassistent Markus S. Gundersbloom (das S. stand f\u00fcr &#8222;selten d\u00e4mlich&#8220;) winkte schon aufgeregt.<br \/>&#8222;Chef! Hierher!&#8220;<br \/>&#8222;Was ist denn los, Gundersbloom? Nerven Sie mich nicht, erz\u00e4hlen Sie der Reihe nach im Telegrammstil.&#8220;<br \/>Gundersbloom nickte und begann zu erz\u00e4hlen. Heute morgen, gegen 10 Uhr, habe sich der notorische Krimiautor Wolfgang Waltershorst dem Stand des Konto-Verlages gen\u00e4hert, ein Manuskript geschwenkt und die am Konto-Stand anwesende Praktikantin Lucia Brosius mit einem kernigen &#8222;Kauf dir maln paar neue Titten, M\u00e4del&#8220; rabiat zur Seite geschubst. Am Stand des Konto-Verlages sei man auf diesen Auftritt vorbereitet gewesen, wiederholte er sich doch Jahr f\u00fcr Jahr. Waltershorst erschien, pries sein neuestes Manuskript an, ein Machwerk mit dem Titel &#8222;Reiche Schn\u00f6sel&#8220;, wurde abgewiesen und entfernte sich erst nach diversen Drohungen und angedeuteten K\u00f6rperverletzungen. So auch heute morgen. Nach dem Ausschalten der Praktikantin habe sich ihm der Verleger Adelbert Sch\u00f6nlich h\u00f6chstselbst in den Weg gestellt, flankiert von Lektor J\u00fcrgen J\u00fcrgens \u2013 Schei\u00dfname \u00fcbrigens \u2013 und dem zuf\u00e4llig anwesenden Gro\u00dfkrimikritiker Benno Bursch. Das habe den Waltershorst indes nicht davon abgehalten, sofort mit einer kr\u00e4ftigen Suada wider den Konto-Verlag im Besonderen und das Krimiverlagswesen im Allgemeinen zu beginnen, wozu er, wie erwartet, sein Manuskript gef\u00e4hrlich durch die Luft sausen lie\u00df, es &#8222;ein Wunderwerk&#8220; nannte und kundtat, es handele sich dabei um einen &#8222;authentischen Krimi aus der Verlags- und Kritikerbranche, der DIE GANZE WAHRHEIT \u00fcber korrupte Kritikaster, sexuell desorientierte Verleger, willige Praktikantinnen und manisch minderbemittelte Lektoren&#8220; erz\u00e4hle, &#8222;MIT VOLLER NAMENSNENNUNG UND UNTADELIGEN TATSACHENBEWEISEN!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>D\u00fcnnbier wurde ungeduldig. &#8222;Und? Weiter? Kam es zu Handgreiflichkeiten? Und wer ist \u00fcberhaupt der Typ da im Zinksarg, das Opfer?&#8220;<br \/>&#8222;Nat\u00fcrlich bereits charakterisierter Waltershorst, Chef&#8220;, sagte Gundersbloom. &#8222;Es war n\u00e4mlich folgenderma\u00dfen: Nachdem Kritiker Bursch den l\u00e4rmenden Autor, welcher ihn einen &#8218;bestechlichen P\u00e4derasten&#8216; genannt hatte, im Schwitzkasten festhielt, trat ihn dieser \u2013 also der Autor, der Waltershorst, derma\u00dfen vors Schienbein, dass die Sache mit dem Schwitzkasten abgebrochen werden musste, weil er \u2013 jetzt der Kritiker, der Bursch \u2013 sofort auf dem einen, dem noch heilen Bein zu h\u00fcpfen begann, sich am Verleger festzuhalten gedachte, dieser aber nicht darauf vorbereitet war, einen Schritt zur\u00fcck machte, leider auf dem Fu\u00df des Lektors zu stehen kam, der schlie\u00dflich wiederum sich nicht anders zu helfen wusste, als der Praktikantin, der Brosius Lucia, bezwecks Erhaltung des Gleichgewichts an die Brust, die linke zu fassen, was diese mit einer Ohrfeige f\u00fcr den Lektor quittierte, der seinerseits&#8230;&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Halt, halt!&#8220; st\u00f6hnte D\u00fcnnbier auf, &#8222;was hat das mit dem Mord zu tun?&#8220;<br \/>&#8222;Gar nichts&#8220;, gestand Gundersbloom kleinlaut. &#8222;Aber man muss doch das atmosph\u00e4rische Szenario kennen, nicht wahr?&#8220;<br \/>&#8222;Ja&#8220;, best\u00e4tigte D\u00fcnnbier und fluchte innerlich. &#8222;Kennen wir jetzt. Und weiter?&#8220;<br \/>&#8222;Nun, nach dem ganzen Affentheater trat pl\u00f6tzlich Beruhigung ein. Denn der Ausl\u00f6ser, der Autor, der Waltershorst also, griff sich seelenruhig ein Trinkgef\u00e4\u00df, \u00f6ffnete eine Flasche Zitronensprudel und schenkte sich ein. Trank davon. Und grinste wie ein Meerschweinchen auf Aspirin. Das war verbl\u00fcffend. Die Beruhigung dauerte indes nur Sekundenbruchteile. Dann st\u00fcrmte alles \u2013 also der Verleger, der Kritiker, der Lektor und die Praktikantin \u2013 auf den Autor ein, es bildete sich eine Art Menschenkn\u00e4uel, und als dieser sich nach wenigen Minuten wieder aufl\u00f6ste, lag der Waltershorst tot auf dem Teppichboden. Vergiftet.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie bitte? Vergiftet?&#8220;<br \/>&#8222;Ja. Kein Zweifel. Der Arzt hats best\u00e4tigt. Eine wie auch immer in den K\u00f6rper des Autors verbrachte letale Dosis Mukomaskolinsalizyds\u00e4urederivat, zu erkennen am rosa Schaum, welcher den Mund des Toten wie eine Art Girlande&#8230;&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>D\u00fcnnbier konnte nicht mehr. Er wandte sich der Vierergruppe am Rande des Konto-Standes zu, in der sein kriminalistischer Instinkt sofort die sowohl Tatverd\u00e4chtigen als auch Tatzeugen erkannt hatte. Ein kleines M\u00e4nnlein \u2013 offenkundig der Verleger, denn die kompensieren fehlende K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe bekanntlich durch gro\u00dfspuriges Autorenqu\u00e4len \u2013 ergriff sofort das Wort.<br \/>&#8222;Unfa\u00dfbar! Ich bin schockiert! Wir sind ein seri\u00f6ser Verlag!&#8220;<br \/>Ein noch kleineres M\u00e4nnlein \u2013 offenkundig der Lektor, denn die kompensieren Zwergenwuchs durch ein Riesenbohei, mit dem sie Autoren davon \u00fcberzeugen, der letzte Dreck zu sein \u2013 wisperte darauf hin: &#8222;Ja! Unfa\u00dfbar! So ein Schock! Ich bin studierter Germanist!&#8220;, was das kleinste M\u00e4nnlein unter den Anwesenden \u2013 offenkundig der Kritiker, denn die kompensieren ihre k\u00f6rperliche Quasinichtexistenz durch usw. \u2013 zum Reden brachte.<br \/>&#8222;ICH bin unschuldig! ICH bin unbestechlich! ICH habe den Waltershorst nicht anger\u00fchrt! ICH habe auch seinen Sprudel nicht vergiftet!&#8220;<br \/>&#8222;Nein&#8220;, fauchte die Praktikantin Lucia, &#8222;aber mir in den Ausschnitt gegriffen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Dies sei eine infame L\u00fcge, die mit drei enormen Verrissen von Konto-Krimis zu ahnden sei, giftete(!) der Kritiker.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ruhe!&#8220; herrschte D\u00fcnnbier das Quartett an. &#8222;Der Autor ist vergiftet worden. Er hat einen Zitronensprudel getrunken. Wer hatte Gelegenheit, ihm das Gift in den Zitronensprudel zu mischen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich nicht!&#8220; schrie der Verleger zur\u00fcck, &#8222;ich wei\u00df gar nicht, was das f\u00fcr ein Zeug ist, dieses Mukomaskudingsda.&#8220;<br \/>&#8222;Ich auch nicht!&#8220; fiel ihm der Lektor ins Wort, &#8222;Ich benutze Mukomaskolinsalizyds\u00e4urederivat lediglich zur Impfung meiner brasilianischen Honigbienen, wie es die Fachliteratur vorsieht. Ich bin n\u00e4mlich Hobbyimker, m\u00fcssen Sie wissen!&#8220;<br \/>&#8222;Und ich gleich gar nicht!&#8220; beteuerte der Kritiker. &#8222;Ich bin Diabetiker und n\u00e4here mich Zitronensprudel nicht auf drei Meter. Gottseidank habe ich meine Krankheit mit Tabletten im Griff und muss nicht spritzen.&#8220;<br \/>&#8222;Und ich &#8230; bin hier nur die Praktikantin&#8220;, sagte die Praktikantin.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Hm&#8220;, gr\u00fcbelte D\u00fcnnbier. &#8222;Aber jeder von Ihnen h\u00e4tte ein Motiv gehabt. Der Autor wollte unangenehme Wahrheiten preisgeben. Korruption. Sexuelle Abartigkeiten. Er hat Sie schwer beleidigt. Es war zu erwarten gewesen, dass es zu dieser Szene kommt, also k\u00f6nnen wir von einem geplanten Verbrechen ausgehen&#8230; Ich muss Sie alle bitten, mich ins Pr\u00e4sidium zu begleiten. Erst muss feststehen, wie das Gift in den Autor gekommen ist. Dann, so hoffe ich, kann ich den Schuldigen \u2013 oder die Schuldige? \u2013 zweifelsfrei ermitteln.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und so geschah es. Nach zwei Stunden stand fest, wie dem Autor das Gift verabreicht worden war. Kommissar D\u00fcnnbiers Miene erhellte sich, er wandte sich dem T\u00e4ter zu und sagte das, was er in vierj\u00e4hrigem Studium der Kriminalistik fehlerfrei gelernt hatte: &#8222;Sie sind verhaftet! Gestehen Sie!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Wer war&#8217;s? Und wie gelangte das Gift in den K\u00f6rper des renitenten Autors?<\/p>\n\n\n\n<p>Dale Patrick Rutherford<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine wunderbare Nachricht f\u00fcr alle Freundinnen und Freunde der famosen Kurzratekrimis des Kurzratekrimipapstes Dale Patrick Rutherford: Der Konto-Verlag bringt anl\u00e4sslich der diesj\u00e4hrigen Frankfurter Buchmesse das sofort und bedingungslos zu erwerbende Werk &#8222;Dale Patrick Rutherford: Die besten 99 Kurzratekrimis des Kurzratekrimipapstes aus sechs Jahrzehnten&#8220; in einem liebevoll gestalteten, broschierten Werk auf den Markt! 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