{"id":21783,"date":"2009-10-13T10:46:36","date_gmt":"2009-10-13T10:46:36","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/nur-mal-so-am-rande\/"},"modified":"2022-06-07T17:26:30","modified_gmt":"2022-06-07T15:26:30","slug":"nur-mal-so-am-rande","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/nur-mal-so-am-rande\/","title":{"rendered":"Nur mal so am Rande"},"content":{"rendered":"\n<p>Manchmal zieht der Zufall (oder wie immer das Ding hei\u00dfen mag) gleich mehrfach das adrette Brokatdeckchen von der Wirklichkeit und man sieht, was man eh schon wei\u00df, aber am liebsten verdr\u00e4ngen m\u00f6chte. Am Samstag berichtete \u2192<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/print-archiv\/printressorts\/digi-artikel\/?ressort=ku&amp;dig=2009\/10\/10\/a0023&amp;cHash=703df69987\">die TAZ<\/a> von der Arbeit des Walt-Whitman-\u00dcbersetzers J\u00fcrgen Br\u00f4can, einem Leben zwischen h\u00f6chster professioneller Pr\u00e4zision und den drohenden Abgr\u00fcnden von Hartz IV. Zuvor hatte \u2192<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2009\/42\/DOS-Dick-und-doof\">die ZEIT <\/a>\u00fcber das Werden eines Sachbuchs und die wirtschaftlichen N\u00f6te seines Verfassers berichtet (\u2192<a href=\"http:\/\/henrikeheiland.blogspot.com\/2009\/10\/alle-autoren.html\">via Henrike Heiland<\/a>). Und gestern abend h\u00f6rt man aus dem Fernsehen die ersten Worte der frisch gek\u00fcrten Tr\u00e4gerin des Deutschen Buchpreises, Katrin Schmidt, in denen sie sich vor allem dar\u00fcber freut, jetzt vielleicht jene \u00f6konomische Sorglosigkeit genie\u00dfen zu k\u00f6nnen, die sie bislang nur vom H\u00f6rensagen kannte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Denn das ist sie, die Wirklichkeit: Schriftsteller sein, das hei\u00dft in der Regel: arm sein. War immer schon so, wird auch so bleiben. Vergessen wir die happy few, denen das Schicksal hohe Auflagen beschert. Vergessen wir den Starfriseur, das Busenwunder, den gefallenen Banker oder den fr\u00fchpensionierten Politiker, deren schriftliche Erg\u00fcsse dank voller Medienpr\u00e4senz und brav abgesessener Talkshows in den Bestsellerlisten landen. Nein, das \u00e4ndert gar nichts daran: Je konsequenter du im Lande der Dichter und Denker versuchst, Dichter und Denker zu sein, desto konsequenter verschreibst du dich der materiellen Not.<\/p>\n\n\n\n<p>Wissen wir doch. Ja, klar. Und lamentieren macht es auch nicht besser. Aber manchmal sollte man den schlichten Umstand dennoch erw\u00e4hnen, in all dem Get\u00f6se um (dringend notwendige) Mindestl\u00f6hne und prek\u00e4re Arbeitsbiografien, Exportweltmeisterschaften und &#8222;soziale&#8220; Marktwirtschaft, um die Bildungsrepublik und die Verrohung, die vor allem eine geistige ist. F\u00fcr Menschen, die versuchen, gute B\u00fccher zu schreiben, gelten die Regeln des fairen Lohnes eben nicht. Sie stecken heillos in der Logik des Kapitalismus, nach der Erfolg eine Frage des Umsatzes ist und der abh\u00e4ngig vom &#8222;Geschmack&#8220; und der dem Diktat des Leichtkonsumierbaren unterworfen, denn nur das bringt Umsatz. Wer hier die Henne spielt und wer das Ei, bleibt unklar. Lesen die Leute all den Mist, weil man ihnen erz\u00e4hlt, es sei keiner, oder produzieren all die Verlage ihren Mist, weil die Leute sonst nichts lesen wollen?<\/p>\n\n\n\n<p>Einerlei. Au\u00dferdem: Wir sind ja eh Kriminalschriftsteller und schreiben daher qua definitionem Mist, und wenn wir davon nicht leben k\u00f6nnen, besagt das doch nur, dass wir nicht einmal den Mist richtig hinkriegen. Der oben genannte J\u00fcrgen Br\u00f4can, dem wir alles Gute bei seinem Versuch w\u00fcnschen, von seiner Arbeit leben zu k\u00f6nnen, sagt \u00fcber diese seine Arbeit: &#8222;Das kann man nicht einfach so runter\u00fcbersetzen wie einen Krimi.&#8220; Und sagt damit eigentlich schon alles, was die Wertsch\u00e4tzung des Genres angeht. Wenn ein Lyriker verhungert, ist es das ewige Los des armen Poeten. Wenn ein Krimiautor darbt, ist er einfach zu doof f\u00fcrs Doofe. Das nur mal so f\u00fcr die Akten.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal zieht der Zufall (oder wie immer das Ding hei\u00dfen mag) gleich mehrfach das adrette Brokatdeckchen von der Wirklichkeit und man sieht, was man eh schon wei\u00df, aber am liebsten verdr\u00e4ngen m\u00f6chte. 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