{"id":21787,"date":"2009-10-19T07:44:40","date_gmt":"2009-10-19T07:44:40","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/ausgewogen\/"},"modified":"2022-06-17T20:11:32","modified_gmt":"2022-06-17T18:11:32","slug":"ausgewogen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/ausgewogen\/","title":{"rendered":"Ausgewogen"},"content":{"rendered":"\n<p>Eigentlich ist es ein Skandal. Da n\u00f6tigt man junge Menschen seit Generationen zur Lekt\u00fcre eines Buches, dessen Credo geeignet ist, nicht nur ganze Berufsst\u00e4nde in Misskredit zu bringen, sondern auch \u2013 Luft anhalten \u2013 die Zukunft des Wissenschaftsstandortes Deutschland zu gef\u00e4hrden. Oder was ist Goethes &#8222;Faust&#8220; anderes als ein tendenzi\u00f6ses Machwerk wider den Forschergeist? Bist du ein ehrgeiziger Gelehrter, verb\u00fcndest du dich mit dem Leibhaftigen, Punkt. Ausgewogenheit ist etwas anderes.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ja, okay, das war jetzt ein kleiner Scherz, um ins Thema zu kommen. Darf die Literatur zuspitzen? Einseitig sein? Gar ungerecht, parteiisch und verleumderisch? Das Skandal\u00f6nchen &#8222;Moslembashing&#8220;, wie es nicht ohne Geschick und Gesp\u00fcr f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse des Medialen j\u00fcngst inszeniert wurde, ist ja nur ein Beispiel von vielen. Vorige Woche verschlug es mich zu einer Lesung von Christine Lehmann, die ihren neuen Roman &#8222;Mit Teufelsg&#8217;walt&#8220; vorstellte, in dem es um die Praktiken von Jugend\u00e4mtern bei der &#8222;Kindsentziehung&#8220; geht. Sie glaube, so Frau Lehmann einf\u00fchrend, hier agiere man willk\u00fcrlich in einem rechtsfreien Raum, befeuert von materiellen Interessen diverser Pflegeeltern und Kinderheime. So jedenfalls die Recherche. Nat\u00fcrlich wisse sie auch um die andere Seite des Problems. Was geschieht, wenn Jugend\u00e4mter NICHTS tun? Es sei eben komplex und sie selbst froh, nicht f\u00fcr ein Jugendamt t\u00e4tig sein zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gelesene Buchausschnitt \u2013 einige Damen vom Jugendamt wollen in Herrgottsfr\u00fche einen kleinen Jungen aus seiner Familie holen (hier wurde die Assoziation &#8222;Gestapo&#8220; explizit nahegelegt) \u2013 zeichnete tats\u00e4chlich ein eher d\u00fcsteres Bild deutscher Jugendamtswirklichkeit. Nach der Lesung meldete sich ein \u2013 wahrscheinlich \u2013 Ehepaar zu Wort und warf der Autorin Einseitigkeit vor. Ob man wirklich immer zuspitzen m\u00fcsse? Warum nicht ausgewogener? Christine Lehmann verwies nochmals auf die durchaus im Buch ber\u00fccksichtigte Komplexit\u00e4t der Materie, ohne indes ihre Kritiker milder stimmen zu k\u00f6nnen. Sie \u00e4rgerten sich halt.<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte den Vorwurf der Einseitigkeit mit der Bemerkung abb\u00fcgeln, erz\u00e4hlende Literatur sei nicht dazu erfunden worden, es allen recht zu machen und jene mysteri\u00f6se &#8222;Objektivit\u00e4t&#8220; walten zu lassen, die wir gemeinhin von Produkten journalistischer und wissenschaftlicher Arbeit erwarten. Und nat\u00fcrlich nicht bekommen k\u00f6nnen. Auch eine 45min\u00fctige Dokumentation \u00fcber deutsche Jugend\u00e4mter muss zwangsl\u00e4ufig zur &#8222;Erz\u00e4hlung&#8220; gerinnen, aller bem\u00fchten &#8222;Ausgewogenheit&#8220; zum Trotz. Wir k\u00f6nnten also froh sein, dass auf jedem Kriminalroman das imagin\u00e4re &#8222;Diese Geschichte ist wahrscheinlich unausgewogen!&#8220; steht. Das unterscheidet Krimis etwa vom \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehen, dessen &#8222;Ausgewogenheit&#8220; l\u00e4ngst zu Beliebigkeit und Langeweile verkommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Politisch korrekt ist das selbstverst\u00e4ndlich nicht. Aber, mal ehrlich, wer m\u00f6chte einen politisch korrekten Krimi lesen? Einen Jugendamtsthriller, der bei jeder drohenden Einseitigkeit sich sofort auf die andere Seite wendet, um auch sie zu ihrem Recht kommen zu lassen? Kriminalliteratur (es gilt auch f\u00fcr s\u00e4mtliche sonstige Belletristik) ist per definitionem Zuspitzung. Und genau dann mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit misslungen, wenn sie allen gef\u00e4llt. Das liegt am wenigsten noch an der in unserem Jugendamtsbeispiel erw\u00e4hnten Komplexit\u00e4t. Die, keine Frage, innerhalb eines Krimis angedeutet werden kann, aber eben nicht angedeutet werden muss. Als Autor von Kriminalromanen bewege ich mich von vornherein in den Extremen. Morde geschehen, Menschen geraten in h\u00f6chste Gewissens- und Existenznot, agieren au\u00dfer Kontrolle, tun Dinge, von denen sie niemals geglaubt h\u00e4tten, sie zu tun. Wenn ich mir ein Thema aussuche, muss ich wissen: Genau hier, in den Extremen werde ich meine Geschichte spielen lassen. Ich werde meinen Lesern etwas zeigen, aber nicht &#8222;erkl\u00e4ren&#8220;, wie man den Gebrauch einer Waschmaschine, eines Toasters erkl\u00e4rt. Dabei darf ich durchaus parteiisch sein, ja, ich muss es sogar, wenn mir der Sinn danach steht, in der \u00f6ffentlichen Meinung allzu simplifizierte Tatbest\u00e4nde in ihrer auf mannigfacher Dialektik beruhenden Komplexit\u00e4t kenntlich zu machen. Sehr verk\u00fcrzt ausgedr\u00fcckt: Wenn alle Welt den Zustand A f\u00fcr &#8222;gut&#8220; h\u00e4lt, nenne ich ihn &#8222;schlecht&#8220;. Und umgekehrt. Mein Text wird beweisen m\u00fcssen, ob dies der Natur einer Sache, eines Ereignisses, eines Dogmas dienlich ist \u2013 oder lediglich Attit\u00fcde bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Kriminalliteratur, die sich um Ausgewogenheit bem\u00fcht oder generell Themen meidet, bei deren Zurkenntnisnahme sich mancher auf den legend\u00e4ren Schlips getreten f\u00fchlt, ist bestenfalls unterhaltsam. Was nicht das Schlechteste ist, keineswegs. Aber eben nur eine Facette von Kriminalliteratur. Die andere ist ihre Unberechenbarkeit, ihre Parteinahme, ihr manchmal r\u00fcdes Benehmen gegen\u00fcber Institutionen, liebgewonnenen Ansichten und allem, was &#8222;staatserhaltend&#8220; sein soll.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich ist es ein Skandal. 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