{"id":21789,"date":"2009-10-20T17:48:00","date_gmt":"2009-10-20T17:48:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/ski-1\/"},"modified":"2022-06-17T20:12:04","modified_gmt":"2022-06-17T18:12:04","slug":"ski-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/ski-1\/","title":{"rendered":"SKI -1-"},"content":{"rendered":"\n<p>&#8222;<em>Eine Mischung aus Lesung und H\u00f6rspiel. Ein dramatisiertes H\u00f6rst\u00fcck,<br \/>sozusagen&#8220;<\/em>, nennt Initiator und Mitautor \u2192<a href=\"http:\/\/www.wdr.de\/unternehmen\/presselounge\/pressemitteilungen\/2009\/05\/_img_pdf\/PT_SKI_Interview_Noller.pdf\">Ulrich Noller<\/a> das Projekt &#8222;SKI \u2013 Serie Krimi International&#8220;. In der Tradition der franz\u00f6sischen S\u00e9rie Noire, <em>&#8222;aber nicht &#8217;noir&#8216;, sondern knallbunt: Urban, multikulturell, global&#8220; <\/em>soll es sein, und jetzt, nachdem die letzte der sechs Folgen gesendet wurde, ist Zeit f\u00fcr ein kleines Fazit in zwei Teilen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Reihe wartet mit einer sympathischen und ungew\u00f6hnlichen Grundidee auf. F\u00fcnf AutorInnen schreiben die von Noller und G\u00f6k Senin in der ersten Folge entwickelte Geschichte zu jeweils eigenst\u00e4ndigen, in sich abgeschlossenen H\u00f6rspielen weiter. Dabei ist das erz\u00e4hlerische Korsett, in dem sich die Verfasser zu bewegen haben, eng und weit zugleich. Zwei ermittelnde Personen mit ihren biografischen Hintergr\u00fcnden gibt es, die F\u00e4lle selbst sind sozusagen &#8222;frei&#8220;. Da die Reihe vom &#8222;Funkhaus Europa&#8220; des WDR getragen wird, steht naturgem\u00e4\u00df die Situation von MigrantInnen im Zentrum der Geschichten.<\/p>\n\n\n\n<p>In der ersten Folge, &#8222;\u00c7elik und Pelzer&#8220;, legen Noller und Senin den Grundstein f\u00fcr alles weitere. Wir lernen Murat \u00c7elik und sein Schicksal kennen: Deutscht\u00fcrke, Expolizist, die Mutter nach einem Erdbeben im Koma, die restliche Familie dabei get\u00f6tet worden. Zehn Jahre lang hat er in Deutschland gelebt, dann mit der Mutter Hals \u00fcber Kopf das Land verlassen. Der Vater, einer RAF-Splittergruppe nahestehend, ist angeblich tot. Dann meldet sich ein anderer Terrorist \u2013 Darius &#8211; bei \u00c7elik und fragt nach dessen Mutter. Was will Darius, selbst erst nach langj\u00e4hriger Haft entlassen, von ihr? \u00c7elik fliegt nach K\u00f6ln. Er sucht Darius auf \u2013 und findet ihn sterbend, Schussverletzung. Irgendjemand, so viel ist schnell klar, hat einen Rachefeldzug gegen ehemalige Mitglieder der Terroristengruppe begonnen. Der Name &#8222;Jeanne&#8220; und das Datum 18.09.1977 spielen eine Rolle dabei. Blo\u00df \u2013 welche? Der sterbende Darius bittet \u00c7elik, seine Tochter aufzusuchen, die nichts von ihm wei\u00df. Ines Pelzer, eine Psychologin. Sie arbeitet mit Autisten, die in einer Wohngemeinschaft leben. Es handelt sich genauer um &#8222;Savants&#8220;, die \u00fcber unglaubliche F\u00e4higkeiten verf\u00fcgen. Menschen mit fotografischem Ged\u00e4chtnis, Menschen mit vollen Erinnerungsspeichern, die sie beliebig durchforsten k\u00f6nnen. \u00c7elik und Pelzer machen sich nun auf die Suche nach dem T\u00e4ter und seinem Motiv, wobei sie von den F\u00e4higkeiten der Savants profitieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugegeben: Das ist eine Menge Holz, was uns Noller und Senin hier aufstapeln. Beim Stichwort &#8222;Savants&#8220; denkt man nat\u00fcrlich sofort auch an Stieg Larsson und seine \u2013 angebliche \u2013 Savante Lisbeth Salander. Gottlob bleibt es bei diesem spontanen ersten Gedanken. Und \u00c7elik selbst kommt zun\u00e4chst allzu vom Leben gebeutelt r\u00fcber. Dennoch \u2013 und das ist ein Verdienst der Autoren \u2013 entwickelt sich aus diesem scheinbaren Sammelsurium eine plausible Biografie, deren anf\u00e4ngliche \u00dcberfrachtung sehr schnell schwindet. Man wei\u00df ja auch, dass all diese dramatischen Spuren ausgelegt werden mussten, um den nachfolgenden Autorinnen und Autoren Wege aufzuzeigen. Ihren Fall l\u00f6sen \u00c7elik und Pelzer nach knapp 80 Minuten auf durchaus nachvollziehbare Weise.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir zur Machart des Ganzen. Es ist tats\u00e4chlich eine Mischung aus H\u00f6rspiel und Lesung, drei Sprecher (zwei f\u00fcr die Hauptfiguren, einer fungiert als Erz\u00e4hler), dazu die Musik von Matthias Manzke. Ein Experiment ist SKI ergo inhaltlich und konzeptionell, keinesfalls jedoch technisch-dramaturgisch. Was nicht per se schlecht sein muss.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die zweite Folge \u2013 &#8222;Leever dood as slaav&#8220; \u2013 zeichnet Merle Kr\u00f6ger verantwortlich. \u00c7elik und Pelzer verschl\u00e4gt es in den hohen Norden, nachdem ein Anruf \u00c7elik auf die Spur seines doch angeblich toten Vaters gebracht hat. In welcher Beziehung steht er zu der Inderin, die \u00c7elik angerufen hat? Sie war vor Jahrzehnten die erste ausl\u00e4ndische Moderatorin im deutschen Fernsehen, <em>&#8222;ein Relikt des Kolonialzeitalters&#8220;<\/em>, wie sie selber sagt. Tats\u00e4chlich ist \u00c7eliks Vater nicht tot, sondern lebt in einem Pflegeheim auf Amrum. Dort erwartet man einen Bollywoodstar, der aber nicht erscheint. Stattdessen ist der Betreiber eines Bollywoodportals tot und das Ermittlerduo \u00c7elik und Pelzer mitten in einem neuen Fall.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Story, die wenig \u00fcberrascht, wenn man die B\u00fccher von Merle Kr\u00f6ger kennt. Sie f\u00fcgt eine neue Facette zum Thema Migration und zeigt zugleich den Glamour jenes harmlosen &#8222;Multikulti&#8220; einer globalisierten Unterhaltungsindustrie. Die Geschichte selbst ist, nun ja, ein wenig hektisch erz\u00e4hlt. Hier zeigt sich denn auch ein Fallstrick der Konzeption: Wie in den beliebten Krimiserien m\u00fcssen Daten von Folge und Folge transportiert werden, um die Handlung zu verstehen. Das kann zu Lasten des eigentlichen Falles und seiner Glaubw\u00fcrdigkeit gehen. Kr\u00f6ger kriegt die Kurve zwar, zu \u00fcberh\u00f6ren ist dennoch nicht, dass dabei die Reifen ihres Vehikels manchmal bedenklich quietschen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die dritte Folge war ich besonders gespannt. Norbert Horst, der &#8222;Tiefe Schnitte&#8220; geschrieben hat, ist als Spezialist f\u00fcr &#8222;subjektives Erz\u00e4hlen&#8220; bekannt, eine Methode, die sich mit der eher traditionellen Umsetzung des SKI-Projekts nicht gut vertragen d\u00fcrfte und eigentlich nach einer anderen Auffassung von H\u00f6rspiel verlangt. Mehr direkte Dialoge, weniger Narration, der Erz\u00e4hler also eher \u00fcberfl\u00fcssig, mehr &#8222;Atmo&#8220;, mehr Sprecher&#8230; Doch auch Horst f\u00fcgt sich dem Schema \u2013 und das macht er gut.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c7elik und Pelzer sind zur\u00fcck in K\u00f6ln. Eine Lehrerin sucht sie auf und berichtet von einer verschwundenen kurdischen Sch\u00fclerin. Die Polizei konnte nicht helfen. Bei den Ermittlungen ger\u00e4t \u00c7elik, der ehemalige Polizist, an eine Gruppe Kurden, die einst in t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnissen gefoltert wurden. Sie glauben in \u00c7elik einen ihrer Qu\u00e4lgeister zu erkennen und wollen sich r\u00e4chen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt ist Horsts Sprache schneller, auch pointierter, vor allem jedoch gelingt es ihm, beide Erz\u00e4hlstr\u00e4nge stimmig zu verzahnen. Auch transportiert er weniger &#8222;Stammdaten&#8220; durch seine Geschichte, konzentriert sich mehr auf den eigentlichen Fall.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischenfazit: Das Kriminalh\u00f6rspiel hat es hierzulande nicht leicht, was ihm zum Teil selbst anzulasten sein d\u00fcrfte. Die Reihe &#8222;Radio-Tatort&#8220; ist nach anf\u00e4nglicher medialer Resonanz ziemlich in der Versenkung verschwunden, Anschluss an die allgemeine Entwicklung des Mediums H\u00f6rspiel mit seinen Collagetechniken, semidokumentarischen Ambitionen etc. hat es bis heute nicht gefunden. Das traditionelle Erz\u00e4hlen dominiert weiterhin. Auch beim SKI-Projekt. Dessen Potential liegt darum auch mehr auf anderem Gebiet. Unterschiedliche Autoren behandeln inhaltliche Vorgaben auf ihre ganz besondere Weise, sie f\u00fcgen sich einem Diktat, bewegen sich auf eingegrenztem Terrain, das sie individuell auszumessen versuchen. Spannend ist das allemal. Und nach der H\u00e4lfte des H\u00f6rmarathons auch durchaus gelungen. Die aus der Tagespolitik hinl\u00e4nglich bekannten Stich- und Reizworte &#8222;Migration, Parallelgesellschaft, Integration etc.&#8220; werden in Geschichten mit jenem allt\u00e4glichen Leben erf\u00fcllt, das unter ideologischen Ballast versch\u00fcttet zu werden droht. Also nicht nur spannend, sondern auch notwendig, weil in unterhaltsamer Manier aufkl\u00e4rerisch. Freuen wir uns auf die drei weiteren Arbeiten von Sabina Altermatt, Nathan Markov und Pieke Biermann. Demn\u00e4chst mehr. Alle sechs Folgen lassen sich \u00fcbrigens bequem auf der Homepage des Funkhauses Europa \u2192<a href=\"http:\/\/www.funkhauseuropa.de\/sendungen\/funkhaus_europa\/2009\/ski_index.phtml\">anh\u00f6ren \/ downloaden<\/a>. M\u00f6glicherweise nur eine begrenzte Zeit&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Eine Mischung aus Lesung und H\u00f6rspiel. Ein dramatisiertes H\u00f6rst\u00fcck,sozusagen&#8220;, nennt Initiator und Mitautor \u2192Ulrich Noller das Projekt &#8222;SKI \u2013 Serie Krimi International&#8220;. 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