{"id":21790,"date":"2009-10-21T16:07:35","date_gmt":"2009-10-21T16:07:35","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/john-grisham-der-anwalt\/"},"modified":"2022-06-13T00:11:06","modified_gmt":"2022-06-12T22:11:06","slug":"john-grisham-der-anwalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/10\/john-grisham-der-anwalt\/","title":{"rendered":"John Grisham: Der Anwalt"},"content":{"rendered":"\n<form class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-none\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/cover\/AV2_banner.jpg\" alt=\"AV2_banner.jpg\" width=\"360\" height=\"121\"\/><\/form>\n\n\n\n<p>Was kann man von einem System, das Recht sprechen soll, erwarten, wenn es sich als durch und durch korrupt erweist? Geld regiert das business um Gerechtigkeit, macht gef\u00fcgig und folgt seinen ganz eigenen Gesetzen. John Grisham gew\u00e4hrt in <em>Der Anwalt <\/em>spannende Einblicke hinter die Fassaden der Haifisch-Wall-Street-Kanzleien, steuert wie gewohnt tief durch Klischees, wandelt teilweise auf d\u00fcnner Logik und erz\u00e4hlt &#8211; so k\u00f6nnte man fast den Eindruck gewinnen &#8211; eine leider flach ausgefallene, aber b\u00f6se Variante seines eigenen Romans <em>Die Firma <\/em>(1990).<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Waren die Schurken in <em>Die Firma<\/em> noch \u2018richtige\u2019 Kriminelle (Mafia), scheint sich nun &#8211; knapp 20 Jahre sp\u00e4ter &#8211; das B\u00f6se l\u00e4ngst in den ersten offiziellen Reihen von Recht und Ordnung wie legal zu tummeln, die Kontrollfunktionen selbst nur daran interessiert, beim gegenseitigen Aushebeln m\u00f6glichst clever abzukassieren. In diesen S\u00fcndenpfuhl schleust Grisham seinen Protagonisten Kyle McAvoy. Der brillante Jurastudent Kyle muss nur noch ein Examen ablegen, dann stehen ihm alle T\u00fcren offen, um in der ersten Liga der Juristerei mitzuspielen. Bislang hat er die Angebote der renommiertesten Kanzleien des Landes ausgeschlagen, will sich doch der sozial engagierte Chefredakteur des Yale Law Journals in den n\u00e4chsten Jahren als Rechtshilfeberater der Mittellosen bet\u00e4tigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch dann tauchen finstere Typen auf, die alles \u00fcber Kyle und seine Vergangenheit wissen. Mehr sogar als er selbst, haben sie doch ein Video aufgetrieben, das Kyle und seine College-Kumpel im Alkohol-Delirium zeigt und sie mehr als kompromittiert. Wurde Kyle vor Jahren Zeuge einer Vergewaltigung? Ist er eventuell selbst ein Vergewaltiger? Oder war er sturzbetrunken bei einer ungekl\u00e4rten Straftat anwesend? Egal. Kyle f\u00fchlt sich unschuldig, doch wenn das Video in falsche H\u00e4nde ger\u00e4t, k\u00f6nnte seine zwar noch nicht begonnene, aber \u00fcberaus viel versprechende Karriere j\u00e4h beendet sein. Und so l\u00e4sst er sich auf einen gef\u00e4hrlichen Deal ein, der ihn letztlich in weitaus gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten bringen k\u00f6nnte als die unheilvolle Vergangenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Von nun an wird Kyle Tag und Nacht \u00fcberwacht und mithilfe seiner gl\u00e4nzenden Referenzen sowie seiner allm\u00e4chtigen Erpresser bei der einflussreichen Kanzlei Scully &amp; Pershin exakt an der gew\u00fcnschten Stelle positioniert. Die Kanzlei r\u00fcstet gerade f\u00fcr einen Milliarden-Dollar-Prozess auf, der wirtschaftlich mindestens so relevant ist wie politisch. Und Kyle, der absolute Anf\u00e4nger, soll &#8211; das ist mehr als riskant &#8211; seinen Hinterm\u00e4nnern geheimste Informationen zuspielen! Doch wer ist der Auftraggeber seiner Erpresser? Ist Kyle wirklich der naive Spielball zweier selbstgerechter, nur ihren eigenen Interessen verpflichteter Chefs? Und welche Optionen bleiben dem leidenschaftlichen Leser von Spionageromanen, um seine top ausgebildeten Gegner auszutricksen? Aber gut, damit die Story funktioniert, stellt sich zumindest das Fu\u00dfvolk der Profi-Spionage-Crew \u00e4u\u00dferst t\u00f6lpelhaft an.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant wird <em>Der Anwalt<\/em>, wenn Grisham das Portr\u00e4t gro\u00dfer Kanzleien zeichnet. Wenn er schildert, wie die nachfolgende Anwalt-Elite-Riege von ihren Vorgesetzten getriezt wird, und mit welchen Methoden man ermittelt, wer sich von den Neulingen als ausreichend ruchlos und belastbar erweist. Diesem Szenario stellt Grisham das Bild der Provinz gegen\u00fcber. Kyles Vater, ebenfalls Anwalt, sorgt sich noch um das Recht, k\u00fcmmert sich um seine Mandaten und es schert ihn wenig, ob diese sich seine juristischen Dienstleistungen \u00fcberhaupt leisten k\u00f6nnen.<br \/>Die Story indes kommt nie richtig in die G\u00e4nge, ist \u00fcberaus umst\u00e4ndlich, dabei zugleich simpel und redundant erz\u00e4hlt. Grisham skizziert zwei Entw\u00fcrfe des einen Rechtssystems, wobei der eine abgrundtief korrupt ist, w\u00e4hrend der andere dem Leben fast entr\u00fcckt scheint. Damit derlei Betrachtungen nicht zu spr\u00f6de werden, injiziert Grisham der Story lieber noch einen Mord, denn der Leser muss begreifen, wie skrupellos die Skrupellosen tats\u00e4chlich sind. Die Episode um den L\u00e4uterungsprozess eines Ex-Alkoholikers soll \u00fcbrigens von einem wahren Fall inspiriert sein, ist auch f\u00fcr sich betrachtet durchaus spannend, doch t\u00fcftelt Grisham den Handlungsstrang v\u00f6llig ohne Finesse und ohne ernsten Hintersinn als Stolperstein f\u00fcr Tempo und Spannung in die eigentliche Story.<\/p>\n\n\n\n<p>Was am Ende bleibt, ist ein mehr oder weniger unterhaltsamer Roman, der sich im Juristen-Spionage-Milieu vornehmlich dem einen Thema widmet: Welche irrwitzigen Ausw\u00fcchse der Kapitalismus angenommen hat und wie man seinen Versuchungen widerstehen kann! Kyle lernt das auf die harte Tour. Der wenig mitgerissene, und doch nicht abgeneigte Leser von <em>Der Anwalt<\/em> blickt mit dem Autor in eine finstere Gegenwart: Augenscheinlich sind die B\u00f6sen l\u00e4ngst unidentifizierbar zwischen den Erfolg- und Einflussreichen bestens platziert. Was nat\u00fcrlich nicht bedeutet, dass sich die Eliten zwangsl\u00e4ufig aus den Guten rekrutieren. Die Anst\u00e4ndigen aber finden sich &#8211; laut Autor &#8211; fast ausschlie\u00dflich in der Provinz auf Hirschjagd. Und dann sieht\u2019s wirklich d\u00fcster aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Anna Veronica Wutschel<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">John Grisham: Der Anwalt.<br \/>Heyne 2009. 448 Seiten. 21,95 Euro.<br \/>(The Associate, 2009. Deutsch von Dr. Bernhard Liesen, Kristiana Dorn-Ruhl, Bea Reiter, Imke Walsh-Araya)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was kann man von einem System, das Recht sprechen soll, erwarten, wenn es sich als durch und durch korrupt erweist? Geld regiert das business um Gerechtigkeit, macht gef\u00fcgig und folgt seinen ganz eigenen Gesetzen. 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