{"id":21799,"date":"2009-11-02T20:59:52","date_gmt":"2009-11-02T20:59:52","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/11\/2059-ein-blick-in-die-zukunft\/"},"modified":"2022-06-05T23:30:40","modified_gmt":"2022-06-05T21:30:40","slug":"2059-ein-blick-in-die-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/11\/2059-ein-blick-in-die-zukunft\/","title":{"rendered":"2059: ein Blick in die Zukunft"},"content":{"rendered":"\n<p>Das &#8222;Syndikat&#8220; als Vereinigung deutschsprachiger Kriminalautorinnen und \u2013autoren sowie die Jurorenschaft der &#8222;KrimiWelt-Bestenliste&#8220;, federf\u00fchrend in Sachen Krimikritik, baten mich, meine anerkannten spirituellen F\u00e4higkeiten zu bem\u00fchen, um einen Blick auf die Krimikultur 2059 zu werfen. Meine unbestreitbaren Erfolge der j\u00fcngeren Vergangenheit (eine Frau im Kanzleramt, Wolfsburg deutscher Fu\u00dfballmeister und das Auftauchen autistischer Floristinnen als Ermittler in Kriminalromanen \u2013 alles exakt vorhergesagt!) lassen uns in guter Hoffnung, dass sich auch die folgenden Prognosen in f\u00fcnfzig Jahren als schn\u00f6de Wirklichkeit besichtigen lassen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wie immer habe ich mein Medium, Fr\u00e4ulein Silaka Methophylisos, mit ein paar Taschenspielertricks (ich arbeite nebenher als Krimirezensent und bewege mich daher souver\u00e4n in diesem eher halbseidenen Metier der T\u00e4uschungen) in eine Art Trance versetzt. Fr\u00e4ulein Methophylisos gab mir denn auch nach einer gewissen Zeit der Kontaktaufnahme mit den h\u00f6heren M\u00e4chten zu verstehen, sie sei jetzt zur Berichterstattung bereit. Ihre Nachrichten brachen daraufhin sto\u00dfweise und leicht konfus aus ihr heraus; ich notierte sie indes wort- und zeichengetreu, um sie nun in lesbarer Version zu pr\u00e4sentieren. Wohlan.<\/p>\n\n\n\n<p>Beginnen wir mit der Best\u00e4tigung einer allgemeinen Erkenntnis: Das Buch, welches sich derzeit auf einer Abschiedstournee durch die Lesewelt befindet, wird es im Jahre 2059 nicht mehr geben. Der letzte deutsche Verlag \u2013 Random House \u2013 hat 2041 endg\u00fcltig Insolvenz beantragt und seine verbliebenen drei Angestellten in die Arbeitslosigkeit entlassen. Auch H\u00f6rbuch, Ebook und Konsorten sind l\u00e4ngst Teil vager Erinnerung. Warum das? Nun, ganz einfach. Seit 2039 tr\u00e4gt jeder Erdenb\u00fcrger einen winzigen Chip im Kopf, die sogenannte &#8222;Internet-Gehirnzelle&#8220;. Sie erlaubt den Empfang des World Wide Web direkt in reservierte Bereiche der Gro\u00dfhirnrinde, wo es kraft Vorstellung auf einem imagin\u00e4ren Bildschirm der Phantasie visualisiert wird. Die Navigation erfolgt via Willenskraft, entsprechende Kurse der Volkshochschulen sorgen f\u00fcr eine fl\u00e4chendeckende Verbreitung dieser neuen Kulturtechnik. Mit diesem Chip werden auch zwei andere, assoziierte implantiert: der fr\u00fcher so genannte &#8222;Bundes-Trojaner&#8220; zur Gedankenkontrolle und der Bezahlchip. Letzterer regelt die Finanzierung des ganzen aufwendigen Verfahrens und auch, unter anderem, die Honorierung von AutorInnen, deren Werke aus dem Internet direkt ins Gehirn geladen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss sich Buchproduktion, -distribution und \u2013nutzung also etwa folgenderma\u00dfen vorstellen: Der Autor schreibt seinen Text oder spricht ihn auf Band. Die entsprechende Datei wird ins Internet gestellt und kann abgerufen werden. Sie wandert, wie oben beschrieben, sofort in den Hirnspeicher. Dort erfolgt die sofortige und automatische, dank bequemer Software auch fast schmerzfreie Umwandlung der W\u00f6rter in Bilder. Diese werden dann im Schlaf als eine Art Traum abgespielt. In diesen Tr\u00e4umen vermischen sich nun die Bilder der Lekt\u00fcre mit den Bildern der lesenden Person. Der Buchinhalt erf\u00e4hrt also eine Individualisierung, wie man sie durch herk\u00f6mmliches Lesen nicht erreichen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Konsumenten sind begeistert. Sie mussten bisher die W\u00f6rter m\u00fchselig in Bilder umwandeln, wo das nicht ging, war &#8222;langweilige Literatur&#8220; drin, wie wir Vertreter des Intellektuellenkrimis schmerzlich an den Verkaufszahlen unserer Erzeugnisse ablesen konnten. Autorinnen und Autoren sind ergo gehalten, bildfreundliche Handlungen zu erfinden, damit der Lesetraum nicht zum Lesealbtraum wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Verlage spielen bei dieser neuen Form des Lesens naturgem\u00e4\u00df keine Rolle mehr, Autor und Leser kommunzieren direkt miteinander, die Honorierung regelt der bereits genannte Bezahlchip, w\u00e4hrend der &#8222;Bundestroyaner&#8220; anst\u00f6\u00dfige Inhalte oder Verst\u00f6\u00dfe gegen die guten Sitten aufst\u00f6bert und eliminiert. Was wird nun aber aus der Kritikerzunft? Hier \u00fcbermannten mein Medium, Fr\u00e4ulein Silaka Methophylisos, schwere konvulsive Zuckungen, sie atmete schwer, verdrehte ihre (ansonsten wunderbaren rehbraunen) Augen und begann zu schreien. Was ich ihren bruchst\u00fcckhaften, unter schweren Schmerzen hervorgebrachten Informationen entnehmen konnte, ist dies:<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2059 wird es keine Krimikritik mehr geben. Der Grund: Kaum f\u00fcnf Jahre vor diesem Stichdatum war offenbar geworden, dass seit 2021 ein einziger (!) Krimikritiker s\u00e4mtliche Rezensionen bestritten hatte. Und zwar unter vielen Pseudonymen. Er war in der Lage, einen Krimi sowohl positiv als auch negativ zu besprechen, sehr \u00fcberzeugend zudem. Dar\u00fcber hinaus bestritt dieser Solist die gesamte sonstige Generaldebatte in Sachen Krimikultur, d.h. er machte es mit sich selber aus, was Krimi ist und kann, wo der Hase im Pfeffer, die Dinge im Argen, der Finger auf der Wunde und in ihr drin liegt. Nach der Entlarvung des \u00dcbelt\u00e4ters war die \u2013 an diesem Skandal nat\u00fcrlich v\u00f6llig unschuldige \u2013 Krimiindustrie \u00fcbereingekommen, es k\u00fcnftig ohne Rezensenten zu versuchen. Und siehe: Es funktioniert pr\u00e4chtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar aufm\u00fcpfige Blogs, die sich diesem Diktat nicht beugen wollten, werden 2059 l\u00e4ngst aus dem Netz entfernt worden sein und ihre Betreiber gemeinn\u00fctziger Arbeit (Auswertung der Nutzungsprofile des WWW) zugef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erw\u00e4hnen wir zum Ende dieses wahren, getreu der Konventionen des metaphysischen Zukunftsjournalismus aufgezeichneten Berichts noch einige interessante Details in Kurzform:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Serienkiller werden 2059 vor\u00fcbergehend v\u00f6llig out sein<\/li><li>Regionalkrimis d\u00fcrfen nur noch unter Einhaltung gewisser Globalisierungsaspekte (der Ammersee liegt in S\u00fcdamerika, die Wertherstra\u00dfe in Weimar f\u00fchrt durch das tibetanische Hochland) vertrieben werden<\/li><li>Sprache wird als Bestandteil von Kriminalromanen endg\u00fcltig marginal<\/li><li>Frauenfeindliche Passagen werden geschw\u00e4rzt, m\u00e4nnerfeindliche Passagen sind generell untersagt<\/li><li>In Kriminalromanen d\u00fcrfen keine Kochrezepte mehr ver\u00f6ffentlicht werden<\/li><li>Heinrich Steinfest erh\u00e4lt den Ehrentitel &#8222;Goethe des Krimis&#8220;. Gegenmeinungen erf\u00fcllen Straftatbest\u00e4nde<\/li><li>Wolf Haas (er lebt noch!) hat Schreibverbot<\/li><li>dpr (l\u00e4ngst tot) darf nicht einmal mehr in Gedanken erw\u00e4hnt werden<\/li><li>wtd gilt aber als epochalster Blog des fr\u00fchen 21. Jahrhunderts<\/li><li>nach der Vertr\u00e4umung eines Krimis wird dieser umgehend von der Hirnfestplatte gel\u00f6scht<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das &#8222;Syndikat&#8220; als Vereinigung deutschsprachiger Kriminalautorinnen und \u2013autoren sowie die Jurorenschaft der &#8222;KrimiWelt-Bestenliste&#8220;, federf\u00fchrend in Sachen Krimikritik, baten mich, meine anerkannten spirituellen F\u00e4higkeiten zu bem\u00fchen, um einen Blick auf die Krimikultur 2059 zu werfen. 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