{"id":21804,"date":"2009-11-08T18:28:02","date_gmt":"2009-11-08T18:28:02","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/11\/jochen-schmidt-gangster-opfer-detektive-erster-eindruck\/"},"modified":"2022-06-17T23:46:23","modified_gmt":"2022-06-17T21:46:23","slug":"jochen-schmidt-gangster-opfer-detektive-erster-eindruck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/11\/jochen-schmidt-gangster-opfer-detektive-erster-eindruck\/","title":{"rendered":"Jochen Schmidt: Gangster, Opfer, Detektive (erster Eindruck)"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein Ziegelstein? Eher ein Backstein. Unhandlich und kiloschwer, kein Schn\u00e4ppchen aus der Krabbelkiste: Jochen Schmidts &#8222;Gangster, Opfer, Detektive&#8220; in \u00fcberarbeiteter, aktualisierter und stark erweiterter Neuausgabe der Erstver\u00f6ffentlichung von 1989 bei Ullstein. 1127 Seiten, Gro\u00dfformat. Ein Buch, \u00fcber dessen Existenzberechtigung nicht zu streiten ist, ein Buch aber auch, das nur dann wertvoll wird, wenn man sich MIT IHM streitet.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Denn es sieht zwar aus wie ein Lexikon, ist aber keins. Eher eine umfangreiche Sammlung von Aufs\u00e4tzen eines flei\u00dfigen Krimienthusiasten, dessen Ziel es war, aus den vielen Einzelst\u00fccken so etwas wie eine &#8222;Typengeschichte des Kriminalromans&#8220; zu komponieren. Eine Melange aus Fakten und Meinungen also. Und wegen letzteren geradezu nach Widerspruch schreiend, doch nicht, um den Wert des Buches zu schm\u00e4lern, eher, um ihn zu heben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor wir darauf zur\u00fcckkommen und ein paar Ergebnisse der ersten kursorischen Lekt\u00fcrestunden preisgeben wollen, sei aber ein Wort des Lobes und des Dankes an den kbv-Verlag und seinen Verleger Ralf Kramp gerichtet. Der n\u00e4mlich hat Schmidts Werk erst f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit begehbar gemacht, nach einer ziemlich gruseligen Odyssee, die der Autor im Vorwort deutlich genug schildert. Ein Ruhmesblatt f\u00fcr die deutsche Verlagslandschaft ist das nicht, zeigt aber einmal mehr, warum wir ohne die kleinen Verlage und ihre mutigen Betreiber vollends in einer krimikulturellen W\u00fcste verschmachten m\u00fcssten. Zwar ist zu erwarten, dass wahre Liebhaber des Genres ihre Bibliotheken mit Schmidts Kompendium schm\u00fccken werden, auf Bestsellerlisten wird man aber vergebens suchen. Vielmehr d\u00fcrfte Schmidts Opus Magnum als letztes seiner gedruckten Art in die Annalen eingehen und k\u00fcnftig allenfalls noch im Internet bestaunt werden k\u00f6nnen und auch dort nur als Teamwork.<\/p>\n\n\n\n<p>Begeben wir uns nun in den Text selbst. Und noch einmal: Hier erwarten uns viele Fakten und ebenso viele Meinungen des Autors. Die man nicht zu teilen braucht und ganz gewiss auch nicht in allen F\u00e4llen teilen wird. So soll es sein. Erkenntnisgewinn verspricht allein das Aneinanderreiben von Autoren- und Lesermeinung. Wenngleich ich nat\u00fcrlich zun\u00e4chst einen schweren Fehler gemacht und mit der Lekt\u00fcre des Artikels &#8222;Der deutsche Kriminalroman und seine Historie&#8220; begonnen habe. Der ist, mit Verlaub, naiv und oberfl\u00e4chlich; was zwischen 1850 und, sagen wir, 1900 in Deutsch-Krimiland geschah, wei\u00df Schmidt kein bisschen. H\u00e4tte nicht sein m\u00fcssen, wie man vielleicht ahnt. Aber: Alles wissen kann auch Schmidt nicht, und wenn es bei diesem einen Ausrutscher bleiben sollte, habe ich ihn sofort wieder vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach ja: Dass auch bei Schmidt so manches &#8222;fehlt&#8220;, nehmen wir als naturgegeben hin. Wie sollte es anders sein. Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 jedenfalls sind dabei, und der entsprechende Artikel kann als gelungen und treffend pointiert durchgewunken werden. Es ist generell ratsam, erst einmal herauszufinden, wie ein Autor, der einem so dickb\u00e4ndig seine Meinungen offenbart, \u00fcberhaupt tickt. Welche Grundauffassung von &#8222;Krimi&#8220; hat Schmidt? Hier hat mir seine Einsch\u00e4tzung von Norbert Horst weitergeholfen, denn Schmidt mag Norbert Horst nicht, ich aber schon sehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt mag also Horst nicht \u2013 und zwar haupts\u00e4chlich wegen seiner Sprache. &#8222;Der Roman [&#8222;Todesmuster&#8220;, Anmerkung dpr] ist weniger chaotisch als &#8218;Leichensache&#8216;, bleibt aber sprachlich auf einem Niveau, das man im seri\u00f6sen deutschen Krimi eigentlich \u00fcberwunden glaubte, immer wieder sto\u00dfen dem kritischen Leser Holprigkeiten auf wie &#8218;Hat der Akte?&#8216; oder &#8218;Da wird einem doch ein Tr\u00e4ger rausgenommen ohne abzust\u00fctzen&#8216;, und eindeutig transitive Verben werden gebraucht, ohne dass Horst ihnen die notwendige grammatikalische Beziehung zuordnete.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber das sprachliche Niveau &#8222;im seri\u00f6sen deutschen Krimi&#8220; nur so viel, dass es f\u00fcr Schmidt scheinbar etwas mit &#8222;notwendigen grammatikalischen Beziehungen&#8220;, weniger mit der Autorintention und der Erz\u00e4hlperspektive zu tun hat. Bei Norbert Horst liest sich\u2019s halt so, wie in bestimmten Kreisen geredet \/ gedacht wird. Und wenn in einer Mordkommission jemand &#8222;Aktenf\u00fchrer&#8220; ist, dann hat er nun mal &#8222;Akte&#8220;. Da mag sich der Deutschlehrer emp\u00f6rt den dicksten Duden als Wurfgeschoss ausw\u00e4hlen, es l\u00e4sst sich nicht \u00e4ndern. Wenn aber so geschrieben wie geredet \/ gedacht wird, dann w\u00e4re es geradezu ein Verbrechen des Autors, dem so Redenden \/ Denkenden eine Art Korrekturinstanz namens &#8222;notwendige grammatikalische Beziehung&#8220; zu verpassen. Was Schmidt hier also als Schw\u00e4che Horsts anprangert, muss, aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, eigentlich als seine St\u00e4rke gelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon da war mir klar, dass Schmidt und ich in einem entscheidenden Punkt wohl nicht zusammenfinden w\u00fcrden: Welche Bedeutung haben Sprache und Erz\u00e4hlperspektive f\u00fcr den Kriminalroman? Um mein Urteil zu untermauern (es revidieren zu m\u00fcssen, war von Anfang an leider nur eine theoretische Alternative), las ich, was Schmidt so von Pieke Biermann h\u00e4lt und im Kapitel &#8222;Pieke Biermann, Astrid Paprotta und Monika Geier: die neuen Individualisten&#8220; (nicht &#8222;-innen&#8220;?) schreibt. Vorweg: Allen drei Damen steht Schmidt prinzipiell wohlwollend gegen\u00fcber, hat aber dennoch einiges auszusetzen. Bei Pieke Biermann vor allem, dass die Handlungen &#8222;chaotisch&#8220; seien und zwar (das steht allerdings nur sp\u00e4rlich zwischen den Zeilen) im Besonderen wegen Biermanns Sprachduktus. Eine v\u00f6llig korrekte Einsch\u00e4tzung \u2013 wenn man von der Lekt\u00fcre sogenannter &#8222;Normalkrimis&#8220; zu Biermann findet oder gar, wie bei Schmidt zu bef\u00fcrchten, vom &#8222;seri\u00f6sen deutschen Krimi&#8220; mit seiner Hingabe an Duden- und Schuldeutsch. Wer sich allerdings auf die unseren Alltag durchdringenden, ja, dominierenden Sprachcollagewelten einl\u00e4sst, auf dieses muntere, so gar nicht stringent narrative Plappern in uns und um uns herum, der wird sich \u2013 und sei es nach einer gewissen Einarbeitungszeit \u2013 wohlf\u00fchlen in Piekes Kosmos und vielleicht f\u00fcr das halten, was franz\u00f6sische Kritiker (von Schmidt zitiert) als &#8222;die Offenbarung des deutschen Kriminalromans der 90er Jahre&#8220; erkannt haben (wobei wir das mit den 90er Jahren ruhig um die kommenden zwei Jahrzehnte erweitern wollen und uns ein Hintert\u00fcrchen f\u00fcr die Zukunft offenhalten).<\/p>\n\n\n\n<p>Und noch einmal: Ich versuche lediglich, das Schmidtsche Krimiverst\u00e4ndnis in seinen wesentlichen Umrissen nachzuzeichnen, um herauszufinden, worauf ich mich bei der Lekt\u00fcre einlasse. Das ist &#8222;Kritik&#8220; im Wortsinn, keine eo ipso negative. Schmidt mag es halt nicht &#8222;sprachlich unkorrekt&#8220;, ja, er geht auf diese Sprache z.B. bei Biermann auch gar nicht weiter ein. Sein Augenmerk gilt der Handlung, dem Plot, den &#8222;F\u00e4den&#8220;. Das ist legitim. Nur wird es eben genau dort dem Gegenstand nicht gerecht, wo Sprache und Erz\u00e4hlperspektive die Hauptrollen spielen (auch bei Astrid Paprotta, nebenbei). Was Schmidt zu Noll, Hammesfahr und Konsorten zu sagen hat (unter dem treffenden Titel &#8222;Brigittes Lieblinge&#8220;), ist indes herzerw\u00e4rmend und verspricht, dass man sich nicht st\u00e4ndig streiten, sondern bei Gelegenheit auch mal seelenverwandt umarmen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte diese Differenz der Les- und Interpretationsarten nun weiterspinnen und fragen, welche Rolle Sprache und Erz\u00e4hlperspektive im Kriminalroman \u00fcberhaupt spielen SOLLEN, ja, gar D\u00dcRFEN. Und k\u00e4me dann automatisch zur Frage nach der Natur und dem Wesen von Kriminalliteratur, ihrer Abgrenzung von &#8222;Hochliteratur&#8220; etc. Eine schier endlose und letztlich fruchtlose Diskussion, aber genau das Pfund, mit dem Schmidt wuchern kann. Man kommt bei der Lekt\u00fcre nicht umhin, auch die eigenen Ansichten von Kriminalliteratur abzuklopfen, was einen st\u00e4ndigen Diskurs mit den Ansichten des anderen bedingt. Krimi kann vieles sein, es gibt eine Menge von Blickwinkeln, aus der man sie betrachten, einsch\u00e4tzen und sch\u00e4tzen kann. Was ist Krimi? Nun, zuallererst: Eine aus Erfahrung und Lekt\u00fcre gespeiste, vom eigenen Intellekt geformte Definition. Dies zu erreichen, braucht es unbedingt solcher Hilfsmittel wie &#8222;Gangster, Opfer, Detektive&#8220;. Womit wir beim Anfangskapitel von Schmidts Buch w\u00e4ren, das nichts weniger als die Kernfrage zum Genre behandelt. &#8222;Was zum Teufel ist ein Kriminalroman?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Beantworten wir jetzt aber nicht. Sp\u00e4ter. Erst mal weiterschm\u00f6kern.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jochen Schmidt: Gangster, Opfer, Detektive. Eine Typengeschichte des Kriminalromans. <br \/>Kbv 2009. 1127 Seiten. 43,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Ziegelstein? Eher ein Backstein. Unhandlich und kiloschwer, kein Schn\u00e4ppchen aus der Krabbelkiste: Jochen Schmidts &#8222;Gangster, Opfer, Detektive&#8220; in \u00fcberarbeiteter, aktualisierter und stark erweiterter Neuausgabe der Erstver\u00f6ffentlichung von 1989 bei Ullstein. 1127 Seiten, Gro\u00dfformat. 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