{"id":21808,"date":"2009-11-12T11:41:00","date_gmt":"2009-11-12T11:41:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/11\/declan-burke-gibt-auf\/"},"modified":"2022-06-13T15:23:19","modified_gmt":"2022-06-13T13:23:19","slug":"declan-burke-gibt-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/11\/declan-burke-gibt-auf\/","title":{"rendered":"Declan Burke gibt auf"},"content":{"rendered":"\n<p>Zwei B\u00fccher hat der irische Krimiautor Declan Burke herausgebracht. Hochgelobt in den angloamerikanischen Landen, noch nicht ins Deutsche \u00fcbersetzt, von Bernd Kochanowski indes auch hierzulande gepriesen. Burke f\u00fchrt zudem einen feinen Blog mit dem hintersinnigen Namen \u2192<a href=\"http:\/\/crimealwayspays.blogspot.com\/2009\/11\/woe-is-me-etc-failing-writer-writes.html\">Crime Always Pays<\/a>, und auf diesem teilte er nun seiner best\u00fcrzten Leserschaft mit, er gebe das Schreiben von Krimis auf. Er m\u00fcsse eine Familie ern\u00e4hren, was ihm mit journalistischen Arbeiten besser gelinge als dem m\u00fchseligen Zusammenbosseln von &#8222;fiction&#8220;, dieser zeitraubenden und schlechtbezahlten T\u00e4tigkeit. Wir soll man sich eines gutes Gewissens erfreuen, wenn man seine Familie vernachl\u00e4ssigt, sie in \u00f6konomische N\u00f6te st\u00fcrzt \u2013 und das werte Publikum, aller Jubelarien zum Trotz, dann doch lieber zum \u00fcblichen Massenfroufrou greift?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aufheulen und Verst\u00e4ndnis gleicherma\u00dfen: so die ersten Reaktionen. Dabei ist Burkes Entscheidung ja nicht einmalig. Man m\u00fcsste einmal nachschauen, wie viele talentierte SchreiberInnen nach dem ersten, dem zweiten, dem dritten Buch das Handtuch geworfen haben, nach einem resignierten Blick auf die Kontoausz\u00fcge und in die Gesichter ihrer Angeh\u00f6rigen. Ja, warum tut man sich das an? Wo leben wir denn? In einer Gesellschaft, die sich \u00fcber das Einkommen definiert, in der ein Buchh\u00e4ndler leben will, ein Verleger leben will, ein Drucker, eine Sekret\u00e4rin, ein Rundfunkredakteur, leben wollen sie alle, nicht schlecht zudem, ausk\u00f6mmlich eben. Und w\u00fcrde etwa ein Buchh\u00e4ndler, ein Verleger, ein Redakteur f\u00fcr einen Hungerlohn, allein &#8222;zur Bef\u00f6rderung der hehren Literatur&#8220; morgens fluchend aufstehen, sich zu seinem Arbeitsplatz qu\u00e4len? Doch, einige machen das gewiss. Eine Zeitlang, bis es nicht mehr geht. Die meisten tun es nicht. Sie haben ihr Gehalt und manchmal besteht ihre Aufgabe darin, den Autoren zu erkl\u00e4ren, warum die leider NICHT von ihrer Arbeit leben k\u00f6nnen. Ist halt so.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann schmei\u00dfen viele den Bettel hin. Sie verstehen ja, dass, wer von B\u00fcchern leben will, genug B\u00fccher verkaufen muss. Das sind nun einmal die Marktgesetze. Setz dich ein Jahr hin, schreib was und verkauf eine Million Exemplare, dann schauen dich alle neidisch oder bewundernd an. Setz dich ein Jahr hin, schreib was und verkauf 400 Exemplare, genie\u00dfe die Elogen der Kritiker und ignoriere die H\u00e4me jener, f\u00fcr die Qualit\u00e4t immer auch mit Quantit\u00e4t verbunden ist, die ein schlecht verkauftes Buch automatisch f\u00fcr ein schlechtes halten. Wie lange macht man so etwas mit? Und: warum?<\/p>\n\n\n\n<p>Weil man schreiben m\u00f6chte. Weil man schreiben muss. Weil man \u2013 jedenfalls vorerst \u2013 die Hoffnung nicht aufgibt. Weil man \u2013 ja doch \u2013 an so etwas wie Gerechtigkeit glaubt, an das Gute im Menschen gar \u2013 okay, das vergeht einem schnell, aber an etwas muss jeder glauben und sei es auch noch so haneb\u00fcchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann gibt man auf. Dann lichten sich die Reihen, verschwinden die Talente. Zuerst vielleicht aus den Katalogen der &#8222;Gro\u00dfen&#8220;, abwandern in die der &#8222;Kleinen&#8220;, was nichts Ehrenr\u00fchriges ist, im Gegenteil, was eine Chance sein kann. Oder ein neuer Teufelskreis. Wieder schreibst du, wieder wills keiner lesen, weil kleine Verlage eben kleine Verlage sind und sich den Platz in den gro\u00dfen Buchkaufh\u00e4usern nicht leisten k\u00f6nnen. Und weil auch kleine Verlage Geld verdienen m\u00fcssen, verschwindet man eines Tages auch aus deren Katalogen. Da ist die Entscheidung von Declan Burke die am wenigsten schmerzliche: Er gibt\u2019s einfach auf, bevor man ihn aufgibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Weh tut&#8217;s dennoch: dem Autor, seinen Lesern, den Kritikern, die sich einen Wolf geschrieben haben, um einen wie Burke zu pushen. Und die an den \u00fcblichen W\u00e4nden abgeprallt sind: der Selbstbescheidung der Leserschaft, die mit Massenmist zufrieden ist, dem ganzen &#8222;Betrieb&#8220;, den das nicht k\u00fcmmert, weil f\u00fcr Burke sofort ein anderer Naivling und Idealist in den Ring steigt. Auch mit dem l\u00e4sst sich Geld verdienen. Vielleicht nicht viel, aber immerhin. Kleinvieh halt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und mit diesen Gedanken wollen wir fr\u00f6hlich ins Wochenende gehen, etwas Gutes lesen und hoffentlich auch etwas Gutes schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei B\u00fccher hat der irische Krimiautor Declan Burke herausgebracht. Hochgelobt in den angloamerikanischen Landen, noch nicht ins Deutsche \u00fcbersetzt, von Bernd Kochanowski indes auch hierzulande gepriesen. 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