{"id":21814,"date":"2009-11-19T11:36:47","date_gmt":"2009-11-19T11:36:47","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/11\/wie-alles-anfaengt-und-so-manches-endet\/"},"modified":"2022-06-17T20:21:20","modified_gmt":"2022-06-17T18:21:20","slug":"wie-alles-anfaengt-und-so-manches-endet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/11\/wie-alles-anfaengt-und-so-manches-endet\/","title":{"rendered":"Wie alles anf\u00e4ngt und so manches endet"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ach, im Moment hab ich wenig Zeit, mir \u00fcber Krimis Gedanken zu machen, im Moment schreib ich selber einen. Und damit ihr schon mal wisst, wie alles anf\u00e4ngt, hier der Anfang, was sonst. Es ist die Fortsetzung der &#8222;Armen Leute&#8220;, aber den Titel sag ich noch nicht. Es ist auch nicht der n\u00e4chste Krimi, der erscheinen wird, denn der ist schon l\u00e4ngst fertig und ihr habt gar nichts davon mitbekommen. Hier also:<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das hatten wir nicht gewollt. So war das nicht gedacht. Ruhig wollten wir sein, ruhig wie die Kinohelden, cool eben, richtige Profis. Aber es kam anders. Schon dass die Flaschen in den Stoffbeuteln klirrten und dieses Klirren ins Tal br\u00fcllte, als wir den Berg hinabstiegen: &#8222;Mensch, passt doch auf!&#8220; Wir: eine Herde Mensch mit Stofftaschen. &#8222;Zur\u00fcck!&#8220; Zuhause: &#8222;Wir gehen einzeln im Abstand von drei Minuten! Da fahren doch noch Autos! Da laufen doch noch Leute rum! Wie sieht das aus, wenn wir&#8230;&#8220;<br \/>Also einer nach dem andern. Und, der professionelle Clou, auf verschiedenen Wegen! Drei, genau. Und weil der eine Weg l\u00e4nger ist als der andere und einige von uns schneller laufen als andere, stie\u00dfen wir am Ziel, aus drei Richtungen kommend, beinahe zusammen. &#8222;Los! Rasch! Jetzt ist das eh wurscht! In den Hinterhof!&#8220;<br \/>Nebenan in der Weinstube feierte Oma Kiesling ihren Achtzigsten. Zweiundzwanzig Uhr, die G\u00e4ste abgef\u00fcllt mit Hauswein und der kotzigen Akustik lustiger Buam. Guuuuut. Keiner w\u00fcrde h\u00f6ren, wenn im Hinterhof von BAC \u2013 Billig-Anzieh-Center \u2013 kleine F\u00fc\u00dfe \u00fcbern Beton trippeln und eine Fensterscheibe eingeschlagen wird. Mensch, das ging so einfach! Das Fenster eher so&#8217;ne Schiffsluke, verdammt eng, aber wir sind ja halbe Hemden, nicht? Nur die Glasscherben sorgf\u00e4ltig entfernen und schon flutschen wir ins Innere des Ladens, einer von uns bleibt drau\u00dfen als Wache, weil er zu breit ist f\u00fcr die Luke.<br \/>\u00dcberall stehen Kisten. Muss das Lager sein. Und St\u00e4nder \u2013 pass auf, wirf nichts um! \u2013 mit dem Dreckszeug. Und das wars dann wohl. Dass einer dachte: &#8222;Dreckszeug!&#8220;. Und mit dem Fu\u00df gegen eine Kiste trat oder einen Fetzen von einem St\u00e4nder riss, weil die Sachen da so gespenstisch hingen im Licht unserer Taschenlampe, diese bunten Schei\u00dfklamotten, rotbraungeldbeigewei\u00dfschwarzlilakunterbunt, weil wir all den Mist darauf zu lesen bekamen, Harvard University, Happy Holidays, Nightrider, Joy Clothes oder Youtharmy, und da dachten wir pl\u00f6tzlich alle &#8222;Dreckszeug!&#8220; und einer sagte &#8222;Dreckszeug!&#8220;, und uns war egal, wie laut er das sagte, wie kr\u00e4ftig gegen die Kisten getreten wurde, bis die durchs Kabuff rutschten, und dr\u00fcben von der Weinstube her dr\u00f6hnte es auch noch &#8222;Ich lieb dich und du liebst mich, sonst ist gar nichts mehr wich-tisch&#8220;, und einer von uns rei\u00dft jetzt was Grellgr\u00fcnes vom St\u00e4nder, fragt &#8222;Wei\u00dft du, wieviel Weichmacher, wieviel Pestizide da drin sind?&#8220; und ein anderer gibt keine Antwort, denn wir kennen die Antwort, zwar nicht genau, aber wir kennen sie, sondern er sagt: &#8222;Und unsereins verreckt da dran!&#8220; Und wieder ein anderer sagt gar nichts, hat aber ein Feuerzeug aus der Tasche geholt und die Flamme springt aus dem Plastik und wird an dieses grellgr\u00fcne Gift gehalten und zack beginnt es auch schon zu brennen, war klar, alles Dreck, alles k\u00fcnstlich, alles todbringend \u2013 wirf das ganz schnell weg jetzt, sonst verbrennst du dir die Finger! \u2013 aber das musste man dem nicht sagen. Der schleuderte den brennenden Fetzen irgendwo hin, auf eine der Kisten, und l\u00e4ngst hatten wir anderen ebenfalls Shirts und Hosen und Pullover von den Stangen gerissen, dem einen, lodernden Stoff hinterhergeworfen, geflucht dabei, so laut, dass die Wache von drau\u00dfen ein &#8222;Seid um Himmelswillen leiser!&#8220; in den Raum hineinzischte, aber zu sp\u00e4t, es brannte pr\u00e4chtig und w\u00e4rmte unsere Herzen und schlie\u00dflich brannten die Kisten und wir standen dabei und dachten uns: Auch gut.<br \/>Eigentlich wollten wir nur die Flaschen ausleeren. Nach vorne in den Laden gehen, alle Klamotten auf einen Haufen und die Flaschen mit unserer gesammelten Pisse dr\u00fcber. Aber verbrennen \u2013 noch besser. Blo\u00df: Was machen wir jetzt mit der Pisse? War&#8217;n ziemliches St\u00fcck Arbeit und alles andere als angenehm. &#8222;Lass einfach stehen!&#8220; r\u00e4t einer, nur: &#8222;Das is doch wie&#8217;n genetischer Fingerabdruck!&#8220; Also nehmen wir sie wieder mit und sch\u00fctten sie zu Hause ins Klo, aber zuhause werden wir feststellen, dass wir eine Flasche hier unten vergessen haben.<br \/>&#8222;Die Leute in der Weinstube!&#8220; rief jetzt einer, da waren schon zwei von uns durch das Fensterchen wieder nach drau\u00dfen geklettert, husteten, der ganze Qualm halt, der sich mit uns durch das Fensterchen zw\u00e4ngte. Na und? Die Leute in der Weinstube. Die werden schon merken, wenn es brennt. Die werden schon kreischend ins Freie rennen, die Oma Kiesling mit ihren achtzig Jahren ist noch r\u00fcstig, die siehst du immer mit ihrem Schiebew\u00e4gelchen einkaufen gehen, diesem Rollator oder wie der hei\u00dft. Okay. Rauchvergiftung. Aber sollen sie doch den ganzen Qualm einatmen, bis ihnen das Kotzen kommt! Solls doch Krebs erregen und die roten Blutk\u00f6rperchen richtig sch\u00f6n und schnell kaputtmachen, wie sie die Blutk\u00f6rperchen der Kinder kaputtgemacht haben, die all den Dreck, diesen f\u00fcrchterlichen Dreck haben herstellen m\u00fcssen. Und du siehst die Bilder, kannst gar nichts dagegen machen. Die Kinder in den F\u00e4rbereien, bleiche, schwitzende, ersch\u00f6pfte Kinder, und die Kinder an den N\u00e4hmaschinen und die Kinder in ihren Unterk\u00fcnften, die nachts abgeschlossen werden, damit keiner abhaut, und dann brennt es dort und hundert Kinder verbrennen und es juckt keine Sau, aber wenn das T-Shirt nicht mehr 4,95 kostet, sondern vielleicht 6,95, dann jammern sie unisono &#8222;Preiserh\u00f6hung!&#8220; und quatschen von Inflation und Lebensstandard und zetern \u00fcber den Sozialstaat, und dann k\u00f6nnte man ihnen auf die Fresse&#8230; ach was, auf die Fresse! \u2013 dann k\u00f6nnte man sie selber abfackeln, dann kriegst du pl\u00f6tzlich Mordgel\u00fcste, und wenn sie halt jetzt &#8222;Rauchvergiftung&#8220; kriegen \u2013 na und? Wunderbar! Selber schuld!<br \/>Wir sind alle drau\u00dfen, die Taschent\u00fccher vor Nase und Mund wie Banditenmasken. Irgendwelche Zeugen? Nee. Ein Blick auf das Schaufenster, hinter dem das Feuer tanzt. Ein Blick auf die Weinstube, die \u2013 es ist Oktober und kalt \u2013 kein Fenster offenstehen hat, aber der Qualm wird schon seinen Weg finden. Ob wir die Feuerwehr anrufen sollen? N\u00f6. Jo. N\u00f6. N\u00f6. Jo. Ach was. Drei zu zwei dagegen, demokratisch, komm, jetzt aber weg von hier. Wir rennen die Stra\u00dfe hoch. Nicht rennen! Mensch, blo\u00df nicht rennen! Langsam gehen! Lachen! Sch\u00e4kern! Wir sind jung! Wir sind unbek\u00fcmmert! Wir haben geknutscht und Petting gemacht und jetzt gehen wir heim zur Selbstbefriedigung. Also: ganz langsam. Um die Kurve. Ausatmen. Vorbei. Wir glauben die ersten Schreie zu h\u00f6ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ach, im Moment hab ich wenig Zeit, mir \u00fcber Krimis Gedanken zu machen, im Moment schreib ich selber einen. Und damit ihr schon mal wisst, wie alles anf\u00e4ngt, hier der Anfang, was sonst. Es ist die Fortsetzung der &#8222;Armen Leute&#8220;, aber den Titel sag ich noch nicht. 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