{"id":21815,"date":"2009-11-22T14:45:49","date_gmt":"2009-11-22T14:45:49","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/11\/jochen-schmidt-gangster-opfer-detektive-schluss-und-darueber-hinaus\/"},"modified":"2022-06-06T17:15:01","modified_gmt":"2022-06-06T15:15:01","slug":"jochen-schmidt-gangster-opfer-detektive-schluss-und-darueber-hinaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/11\/jochen-schmidt-gangster-opfer-detektive-schluss-und-darueber-hinaus\/","title":{"rendered":"Jochen Schmidt: Gangster, Opfer, Detektive (Schluss und dar\u00fcber hinaus)"},"content":{"rendered":"\n<p>\u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/11\/jochen-schmidt-gangster-opfer-detektive-erster-eindruck.php\">Noch immer<\/a> streite ich mit Jochen Schmidts &#8222;Gangster, Opfer, Detektive&#8220;, und inzwischen h\u00e4ngt der Haussegen betr\u00e4chtlich schief, der Gang zum Scheidungsanwalt scheint unvermeidlich. Dass dieses Werk solche Emotionen auszul\u00f6sen vermag, ist seine gro\u00dfe St\u00e4rke, die aber vor allem aus seinen gro\u00dfen Schw\u00e4chen resultiert. Auch als reine Informationsquelle wird das Buch mehr und mehr verzichtbar. Fazit: ziemliche Ern\u00fcchterung&#8230;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Beginnen wir bei der Kritik mit dem Offensichtlichsten. Schmidts Werk, ein Koloss von \u00fcber 1100 Seiten, h\u00e4tte leicht auf h\u00f6chstens die H\u00e4lfte eingedampft werden k\u00f6nnen, w\u00e4re irgend jemand in der Lage gewesen, den Autor von seiner fatalen Neigung zur Nacherz\u00e4hlung abzubringen. Komplette OEuvres werden hier inhaltlich wiedergek\u00e4ut, oft auch mit nonchalantem Spoilern, das Ganze dann mit einer &#8222;Meinung&#8220; abgerundet, doch f\u00fcr wirkliche Argumentation und Analyse reicht dann der Platz leider nicht mehr. Ein Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Man mag Jochen Schmidts harschem Urteil \u00fcber den &#8222;Soziokrimi&#8220; (flach, langweilig, politisch ein\u00e4ugig) ja aus vollem Herzen zustimmen und es auch hinnehmen, dass er sich fast ausschlie\u00dflich auf Horst Bosetz(-ky) kapriziert und meinetwegen die doch interessantere Helga Riedel au\u00dfen vor l\u00e4sst. Die wichtigsten Fragen indes bleiben unbeantwortet. Schlie\u00dflich ist der Soziokrimi weder vom Himmel gefallen noch irgendwann in den Achtzigern per Dekret einfach so beendet worden. F\u00fcr sein Entstehen gibt es sehr wohl inner- als auch au\u00dferliterarische Gr\u00fcnde, der Soziokrimi passte ebenso in die literarisch-intellektuelle Landschaft wie auch in die historische Zeit mit ihren sozialen und ideologischen Parametern. Auch kommt ihm das &#8222;Verdienst&#8220; zu, zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Krimis diesen wenigstens als Thema diskursf\u00e4hig gemacht zu haben (wenn ich mich nicht arg t\u00e4usche, kam &#8222;Krimi&#8220; in den Feuilletons erstmals in Verbindung mit diesem Soziokrimi vor). Dies zu beleuchten, also die BEDINGUNGEN f\u00fcr die Entstehung eines besonderen &#8222;Typus&#8220; von Kriminalliteratur nachzuverfolgen, erwartet man schon von einem Buch, das im Untertitel &#8222;eine Typengeschichte des Kriminalromans&#8220; verspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und hat sich diese innige Verschwisterung von literarischen und im weitesten Sinne soziologischen Einfl\u00fcssen nicht kontinuierlich fortgesetzt? Auch Biermann, G\u00f6hre oder Ani sind &#8222;irgendwie soziologisch&#8220;, aber eben ganz anders, und selbst der hinterletzte Regionalkrimi protzt inzwischen mit seiner &#8222;Gesellschaftrelevanz&#8220;. Und was sagt die Rezeption von Krimis zu Zeiten ihrer soziologischen Fixierung \u00fcber die Leser aus? Denn erfolgreich waren \u2013ky und die Seinen ja sehr wohl. Schweigen wir ganz von den internationalen Einflussgr\u00f6\u00dfen auf die nationale Krimiproduktion&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte bis in alle Ewigkeit so weitermachen. Schmidt tut es nicht einmal im Ansatz. Er ist, was man anhand vieler Beispiele belegen k\u00f6nnte, auf eine seltsame Art ahistorisch, seltsam deshalb, weil allein das Versprechen einer TypenGESCHICHTE den Blick auf die Entwicklung und Ver\u00e4stelung des Genres notwendig gemacht h\u00e4tte. Greifen wir, pars pro toto, Fred Vargas, wie Jochen Schmidt sie sieht, aus dem gro\u00dfen Ganzen:<\/p>\n\n\n\n<p>Wohl ringt Schmidt den B\u00fcchern der Franz\u00f6sin durchaus Gutes ab: <em>&#8222;&#8230;fraglos spannend, phantasievoll und vergleichsweise<\/em> (sic! Verglichen mit wem?, Anm. dpr) <em>gut erz\u00e4hlt und f\u00fcr den, der brutale M\u00e4rchen mag, eine am\u00fcsante Lekt\u00fcre.&#8220; <\/em>Um dann im n\u00e4chsten Satz den Todessto\u00df zu setzen: <em>&#8222;Doch bringen beide<\/em> (gemeint sind &#8222;Der vierzehnte Stein&#8220; und &#8222;Die dritte Jungfrau&#8220;, Anm. dpr), <em>da sie ihre Morde keinem realistischen Motiv, sondern lediglich der Willk\u00fcr ihrer Erz\u00e4hlerin verdanken, den Mord zweifelsohne in jene chinesische Vase zur\u00fcck, aus der ihn Dashiell Hammett laut Raymond Chandler mit gro\u00dfer M\u00fche und sehr zum Nutzen des Genres herausgeholt hat.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Kein realistisches Motiv? Willk\u00fcr der Erz\u00e4hlerin? Was w\u00e4re \u00fcberhaupt ein &#8222;unrealistisches Motiv&#8220;, was anderes als erz\u00e4hlerische Willk\u00fcr schafft \u00fcberhaupt Literatur? \u2013 Und m\u00fcssen VerfasserInnen von Kriminalromanen im 21. Jahrhundert immer noch dem \u2013 gewiss eminent bedeutenden \u2013 Diktum Chandlers folgen? Der hatte den nun ohne Frage realit\u00e4tsfernen englischen Landhauskrimi im Visier, aber Fred Vargas schreibt keine Landhauskrimis, sie experimentiert auf ihre Weise mit Wirklichkeit. Und das lie\u00dfe sich historisch herleiten, denn die Entwicklung des Genres \u2013 und somit das Entstehen von &#8222;Typen&#8220; &#8211; wird entscheidend gepr\u00e4gt von den unterschiedlichen Ans\u00e4tzen, sich mit Wirklichkeit zu besch\u00e4ftigen, sozialer, politischer, psychischer&#8230; Ein Derek Raymond etwa, der gewiss nicht im Besitz chinesischer Vasen war, geht in seiner Interpretation von Wirklichkeit bereits weit \u00fcber Hammett \/ Chandler hinaus, im Werk eines Jerome Charyn herrscht eine &#8222;Willk\u00fcr des Erz\u00e4hlers&#8220;, gegen die Fred Vargas&#8216; Herangehensweise wie biologischer Determinismus wirkt&#8230; Und so weiter und so weiter, auch hier: Hat man den Faden einmal in der Hand, will er partout keine Ende finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Mag sein, dass diese Sicht das Projekt eines &#8222;Standardwerks zur Kriminalliteratur&#8220; von Anfang an unm\u00f6glich machen w\u00fcrde, eines h\u00e4ppchenweise servierten, nur in Spurenelementen analytischen Gangs durch die Weltkriminalliteratur also. Man wird, um es zuzuspitzen, Chester Himes nicht verstehen, wenn man Sherlock Holmes nicht verstanden hat, den Zusammenhang von Krimi und Gesellschaft geringsch\u00e4tzen, wenn man etwa die Fr\u00fchgeschichte der deutschen Kriminalliteratur so dezidiert NICHT kennt wie Schmidt. Und m\u00fcssen wir wirklich noch einmal Brecht und Bloch als &#8222;Krimiexperten&#8220; vorgesetzt bekommen, wenn die Frage &#8222;Was zum Teufel ist ein Kriminalroman?&#8220; zur Diskussion steht?<\/p>\n\n\n\n<p>Hier zeigt sich am deutlichsten, dass Schmidts gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke die immense Belesenheit ist, seine Schw\u00e4che indes das Unverm\u00f6gen zur eigenst\u00e4ndigen Analyse. Das ganze Elend offenbart sich ausgerechnet dort, wo Schmidt heftig zu loben beginnt, etwa in dem mit zehn Seiten ungew\u00f6hnlich langen Artikel zu Friedrich Ani. Dass dieser f\u00fcr Schmidt die Krone hiesiger Kriminalproduktion darstellt, wird zwar behauptet, aber nicht wirklich begr\u00fcndet. Statt dessen wie gehabt: Nacherz\u00e4hlungen, Nacherz\u00e4hlungen, Nacherz\u00e4hlungen. Kein Wort \u00fcber Anis Sprache (was auch verwundert h\u00e4tte, spielt sie im Schmidtschen Krimikosmos doch auch sonst keine nennenswerte Rolle) oder seinen von Anfang an merkw\u00fcrdig starren Erz\u00e4hlgestus, \u00fcber den sich herrlich und sicher auch aufschlussreich streiten lie\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Es bleibt festzuhalten: Die Lebensleistung Jochen Schmidts in allen Ehren. Doch wenn uns &#8222;Gangster, Opfer, Detektive&#8220; eines klarmacht, dann die Tatsache, dass man Kriminalliteratur nicht allein vom Standpunkt einer MEINUNG aus auff\u00e4chern und mit Hilfe von angeblichen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten in &#8222;gelungen&#8220;, &#8222;na ja&#8220; und &#8222;missgl\u00fcckt&#8220; kategorisieren kann. Kriminalliteratur entsteht, wie alle Literatur, aus der Wirklichkeit derer heraus, die sie schreiben und lesen. Alles ist miteinander verkn\u00fcpft, nichts vergeht wirklich, selbst dann nicht, wenn es anachronistisch geworden ist. So befinden wir uns gleicherma\u00dfen in einem Museum und einem komplexen evolution\u00e4ren Prozess. Das Museale flie\u00dft, das Flie\u00dfende erstarrt, was literarisch &#8222;minderwertig&#8220; sein kann, entpuppt sich als k\u00fcnstlerisch notwendig und umgekehrt, Krimis sind experimentelle Haikus, Jamben, die sich anstrengen, Troch\u00e4en zu werden&#8230; &#8222;Gangster, Opfer, Detektive&#8220; sieht hingegen Kriminalliteratur als eine statische Veranstaltung, bei der nur gern gesehen ist, wer der Gesichtskontrolle des Autors standh\u00e4lt und bereit ist, sich mit den Standardt\u00e4nzen des Genres zu begn\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es bleibt Jochen Schmidts unfreiwilliges Verdienst, uns mit seinem gewaltigen Werk noch einmal verdeutlicht zu haben, dass enzyklop\u00e4discher Anspruch bei gleichzeitiger Horizontbeschr\u00e4nkung nicht der richtige Weg zum Verst\u00e4ndnis von Kriminalliteratur sein kann. Der Wert des Buches liegt darin, als eine Art negative Blaupause zu wirken, die uns Anregungen f\u00fcr geeignetere Ans\u00e4tze geben sollte, die eins ganz gewiss nicht sein k\u00f6nnen: allumfassend. Man wird etwas anderes von ihnen erwarten d\u00fcrfen: Tiefe.<\/p>\n\n\n\n<p>(siehe hierzu auch \u2192<a href=\"http:\/\/www.titel-magazin.de\/modules.php?op=modload&amp;name=News&amp;file=article&amp;sid=8740&amp;mode=thread&amp;order=0&amp;thold=0&amp;POSTNUKESID=49cde3515ab187accf3b20958bd604cc\">die Kritik von Ulrich Noller<\/a>, die das Gesagte unterstreicht sowie weitere Aspekte und Exempel benennt)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2192Noch immer streite ich mit Jochen Schmidts &#8222;Gangster, Opfer, Detektive&#8220;, und inzwischen h\u00e4ngt der Haussegen betr\u00e4chtlich schief, der Gang zum Scheidungsanwalt scheint unvermeidlich. 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