{"id":21816,"date":"2009-11-23T15:30:02","date_gmt":"2009-11-23T15:30:02","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/11\/jean-amila-die-abreibung\/"},"modified":"2023-01-15T23:26:02","modified_gmt":"2023-01-15T22:26:02","slug":"jean-amila-die-abreibung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/11\/jean-amila-die-abreibung\/","title":{"rendered":"Jean Amila: Die Abreibung"},"content":{"rendered":"\n<p>Es wird Zeit, mal wieder auf Jean Amila hinzuweisen, jenen hierzulande allzu lange unbekannten und un\u00fcbersetzten Vertreter der franz\u00f6sischen s\u00e9rie noire. Seit einigen Jahren hat sich der Conte Verlag Amilas angenommen und nun mit &#8222;Die Abreibung&#8220; den f\u00fcnften Band vorgelegt \u2013 einen besonders guten obendrein.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die ganze Story spielt sich in einer einzigen Nacht ab. Irgendwo in Paris abseits der Sehensw\u00fcrdigkeiten, in der sch\u00e4big-trostlosen Vorstadt mit einem Krankenhaus hinter einer schier endlosen grauen Mauer. Gegen\u00fcber eine Werkstatt, und dort hat Ren\u00e9 Lecomte, der gro\u00dfe Gangsterboss, noch eine Rechnung offen. Gerade erst aus dem unfreiwilligen \u00fcberseeischen Exil heimgekehrt, will er Schulden eintreiben, doch die Sache geht schief. Lecomte erwischt es schwer, er schleppt sich auf die andere Stra\u00dfenseite ins Krankenhaus \u2013 und jetzt fangen die Probleme erst richtig an.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Krankenhaus hat gerade der Nachtdienst begonnen. Assistenz\u00e4rzte, Helferinnen und drei Krankenpflegesch\u00fclerinnen sind zugegen. Derweil ger\u00e4t die Pariser Unterwelt in Aufruhr. Ist Lecomte tot? Wer wird sein Nachfolger? Allm\u00e4hlich sammeln sich die interessierten Parteien rund um das Krankenhaus. Lecomte ist NICHT tot, er hat die erste Notoperation \u00fcberlebt. Was passieren muss, passiert: Das Verbrechen h\u00e4lt Einzug in die Welt der aufopfernden Krankenpflege&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein h\u00fcbsches Setting, gar keine Frage. Zwei Welten treffen aufeinander, doch Amila w\u00e4re nicht Amila und die s\u00e9rie noire nicht die s\u00e9rie noire, wenn es bei dieser simplen Konfrontation bliebe. In beiden Welten n\u00e4mlich machen die kleinen Leute die Drecksarbeit, darin unterscheiden sie sich kaum. Und die Kleinen mucken auf. Die junge und noch idealistische Th\u00e9r\u00e8se, zum ersten Mal im Nachteinsatz, schwankt zwischen gutem Willen und panischer Angst, Aline, die auf der Neugeborenenstation arbeitet, ist angewidert von all diesen Geb\u00e4rmuttern und was aus ihnen rauskommt. Derweil sich Sylvie den Ann\u00e4herungsversuchen des Assistenzarztes zu erwehren hat. Nein, gar so nett und sauber ist das wirklich nicht. Die Patienten nerven oder werden frech, ein Fehler kann verh\u00e4ngnisvoll sein und alle hoffen, dass die Schicht bald zu Ende sein wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz allm\u00e4hlich merkt man, dass hier keine zwei Welten aufeinandertreffen, sondern zwei verbl\u00fcffend \u00e4hnliche Manifestationen ein und derselben. Auch die Gangster da drau\u00dfen m\u00fcssen irgendwie klarkommen, wollen &#8222;Karriere&#8220; machen, haben ihr Dasein als Befehlsempf\u00e4nger dicke, schwanken zwischen Treue und Eigennutz, man verb\u00fcndet sich und pumpt sich im n\u00e4chsten Moment gegenseitig mit Blei voll, ganz zu schweigen von den Bullen und den \u00c4rzten und den Schwestern&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende \u00fcberschlagen sich die Ereignisse. Das Krankenhaus wird zum Schlachtfeld, unsere drei Lernschwestern haben an Lebenserfahrung gewonnen und die LeserInnen einen Text kennengelernt, der ihnen skandal\u00f6se 54 Jahre lang vorenthalten worden ist. Schnell und mit viel Witz erz\u00e4hlt, ohne gleich witzig zu sein, \u00f6konomisch hingetuschte Charakterbilder, die aus Gangstermilieu und Krankenhausatmosph\u00e4re eine verbl\u00fcffend homogene Welt machen, die uns merkw\u00fcrdig bekannt vorkommt. Und obwohl nach 184 Seiten alles gesagt ist, was gesagt werden sollte, h\u00e4tte man gerne noch weitergelesen. Danken wir Gott und Conte, dass die Amila-Reihe fortgesetzt wird.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Hinweis: Der Rezensent ist Autor des Conte Verlags.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jean Amila: Die Abreibung. <br \/>Conte 2009 <br \/>(La bonne tisane, 1955. \u00dcbersetzt von Helm S. Germer). <br \/>184 Seiten. 10 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es wird Zeit, mal wieder auf Jean Amila hinzuweisen, jenen hierzulande allzu lange unbekannten und un\u00fcbersetzten Vertreter der franz\u00f6sischen s\u00e9rie noire. 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