{"id":21817,"date":"2009-11-24T19:10:14","date_gmt":"2009-11-24T19:10:14","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/11\/der-allgegenwaertige-krimiautor\/"},"modified":"2022-06-06T16:34:58","modified_gmt":"2022-06-06T14:34:58","slug":"der-allgegenwaertige-krimiautor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/11\/der-allgegenwaertige-krimiautor\/","title":{"rendered":"Der allgegenw\u00e4rtige Krimiautor"},"content":{"rendered":"\n<p>Hallo. Ich bin ein Krimiautor in den Zeiten des Internets, der gro\u00dfen Vernetzung. Ich bin der Souver\u00e4n meinerselbst und bedauere meine Vorg\u00e4nger, die, wenn sie bekannt werden wollten, immer auf DIE ANDEREN angewiesen waren: die Presse, die Fernsehfritzen, die Germanisten, die aus dem Werbevollen sch\u00f6pfenden Verleger. Heute ist das ganz anders. Ich stromere durchs Netz und stelle mich meinen zuk\u00fcnftigen LeserInnen vor. Der Weltruhm ist nur eine Homepage weit entfernt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Genau: die Homepage. Damit f\u00e4ngt alles an. Eine Homepage braucht jeder Autor, es gen\u00fcgt die Standardversion: Biografie, Werk, Bildergalerie, Termine, &#8222;was die Fachpresse sagt&#8220; (nat\u00fcrlich nur die positiven Reaktionen). G\u00e4stebuch? Hm, ja. Aber im Auge behalten. K\u00f6nnte ja mal ein unzufriedener Leser, ein neidischer Kollege&#8230; Gilt auch f\u00fcr Blogs. Alles ganz nett, aber gef\u00e4hrlich. \u00dcberhaupt: Will man denn mit seinen Lesern kommunizieren? Steht nicht alles schon im Buch respektive auf der Homepage? Okay. Wer seinen Sermon abl\u00e4sst (&#8222;Verehrter Autor&#8230;&#8220;) und tats\u00e4chlich Antwort von diesem verehrten Autor bekommt, der ist ein fast sicherer Kaufkandidat f\u00fcr das n\u00e4chste Buch. Aber lohnt sich das? F\u00fcr den lausigen Euro Honorar den Verst\u00e4ndnisvollen, Gebauchpinselten, Volksnahen spielen? Und was soll man denn in diesen Blogs immer so vom Stapel lassen? &#8222;Mein neuer Krimi ist erschienen!&#8220; \u2013 &#8222;Mein neuer Krimi wird in drei Monaten erscheinen!&#8220; \u2013 &#8222;Mein neuer Krimi ist seit vier Wochen auf dem Markt!&#8220; \u2013 &#8222;Hurra! Ich bin rezensiert worden!&#8220; &#8211; Geht\u2019s nicht einfacher?<\/p>\n\n\n\n<p>Einfacher? Nun ja. Eine Homepage reicht nat\u00fcrlich nicht. Man muss inzwischen auch \u00fcberall sonst mit seiner Visage, seinem Namen und ein paar flotten Spr\u00fcchen vertreten sein. Bei NING zum Beispiel. Soziales Netzwerk. Sektion KrimiautorInnen. M\u00f6glichst viele Freundschaften per Mausklick schlie\u00dfen (&#8222;Johann Wolfgang Goethe ist jetzt mit Charles Bukowski befreundet.&#8220;) und dann aber ab die Post: &#8222;Hallo Charles, m\u00f6chte dir nur mitteilen, dass mein neuester Bestseller, &#8222;Die Wahlverwandtschaften&#8220;, ab sofort auf dem Markt ist!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ja, der Markt. Ob Krimiautoren tats\u00e4chlich die B\u00fccher der Konkurrenz kaufen? W\u00e4ren sie sch\u00f6n bl\u00f6d. Aber vielleicht verirrt sich ja ein Normalleser auf die Seite, ein Enthusiast, der nichts lieber s\u00e4he, als mit dem Autor seines Vertrauens &#8222;befreundet&#8220; zu sein. Also doch NING. Z\u00e4hneknirschend ein Profil erstellen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Mensch! Das zittrige Handyfilmchen von der letzten Lesung! Immer noch nicht auf YouTube! Und der Super-8-Streifen &#8222;FKK-Urlaub mit Anneliese 1991&#8220;? Sofort digitalisieren und auf die n\u00e4chste Pornovideoseite! Titel: &#8222;Bekannter Krimiautor n\u00e4hert sich einer Kolonie err\u00f6tender Klostersch\u00fclerinnen!&#8220; &#8211; Wenn&#8217;s Abverkauf bringt&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn man schon mal dabei ist: Auch Facebook ist Pflicht. Die freuen sich auf meine Daten, ganz bestimmt. Schnell alle Krimiforen abklappern und einen Gru\u00df hinterlassen. Und twittern. Wenigstens einmal w\u00f6chentlich. M\u00f6glichst vielen anderen V\u00f6gelchen &#8222;followen&#8220;, damit die selbst zu Followern werden. 140 Zeichen: &#8222;Mein neuer Krimi ist endlich zu haben! Bei Amazon gibt\u2019s schon zw\u00f6lf F\u00fcnf-Sterne-Rezensionen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Oh, verdammt, genau. Amazon. Muss ich auch noch schnell&#8230; Wozu hat man f\u00fcnf Rechner mit f\u00fcnf verschiedenen IP-Adressen, wozu hat man von jeder schon mal was Billiges bei Amazon bestellt, damit man dort &#8222;Kunde&#8220; ist und &#8222;rezensieren&#8220; darf! Und ein paar Freunde d\u00fcrften sich auch noch finden, die Texte schreibt man aber besser selber.<\/p>\n\n\n\n<p>So. W\u00e4r&#8217;s das? Kennt mich jetzt jeder? Gibt es noch irgendeinen Ort im unendlichen Netz, an dem der arglose Surfer NICHT \u00fcber mich stolpert? Denn das ist das Credo aller Werbung: Dein Name, deine Fresse, das muss den Leuten ins Unterbewusste kriechen. Damit sie im entscheidenden Augenblick \u2013 dann n\u00e4mlich, wenn sie in der Buchhandlung vorm Novit\u00e4tentischlein stehen \u2013 nach DEINEM Buch greifen. Ohne zu wissen, warum. Wie ihnen der Name bekannt vorkommt? Sein Klang irgendeine verborgene Saite in der Konsumentenseele zum Klingen bringt? Keine Ahnung. Eh wurscht. Hauptsache, es funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch, doch, das Internet ist demokratisch. Es hat uns die Fesseln der Anonymit\u00e4t abgestreift. Wir sind potentiell weltber\u00fchmt. Jetzt m\u00fcsste man nur noch die Zeit finden, einen neuen Krimi zu schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo. Ich bin ein Krimiautor in den Zeiten des Internets, der gro\u00dfen Vernetzung. 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