{"id":21818,"date":"2009-11-25T16:55:34","date_gmt":"2009-11-25T16:55:34","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/11\/hirnueberzuckerung\/"},"modified":"2022-06-06T14:36:41","modified_gmt":"2022-06-06T12:36:41","slug":"hirnueberzuckerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/11\/hirnueberzuckerung\/","title":{"rendered":"Hirn\u00fcberzuckerung"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8222;Es gibt keinen gro\u00dfen Roman, der nicht auf einem gesunden Fundament aus Trivialit\u00e4t st\u00fcnde.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ah, denkt man, hier wird\u2019s interessant. Und dann auch noch in der &#8222;Welt&#8220;. Mit obigen Worten macht uns \u2192<a href=\"http:\/\/www.alligatorpapiere.de\/aktuell.html\">der Alligator<\/a> Lust auf \u2192<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/article5277311\/Warum-wir-von-Schund-Literatur-abhaengig-sind.html\">Hannes Steins Artikel <\/a>zu dem, was der Amerikaner &#8222;Brain Candy&#8220; nennt, der Deutsche aber &#8222;Trivialliteratur&#8220; oder, wenn er gerade seinen nichtakademischen Tag hat, &#8222;Flughafenliteratur&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also nichts wie hin zu Hannes Steins Erkenntnissen&#8230; Doch recht schnell stutzen wir: <em>&#8222;Die Autoren: C wie Child, K wie Koontz, S wie Slaughter, ich k\u00f6nnte jetzt das ganze Alphabet durchdeklinieren.&#8220; <\/em>Es handelt sich offensichtlich um Kriminalliteratur und zwar um solche von h\u00f6chst unterschiedlicher Qualit\u00e4t. Lee Child in einem Atemzug mit Karin Slaughter zu nennen, das hat schon was, und ganz bestimmt wird der Autor das gleich differenzieren, so wie man die &#8222;Hirnzuckerl&#8220; ja auch nicht in einen Topf wirft, die handger\u00fchrte Schokolade und das klebrige Industriebonbon etwa. Indes: Nichts ist damit. <em>&#8222;&#8230;gestelzte Dialoge, d\u00e4mliche Klischees, k\u00fcnstliche Spannungsverst\u00e4rker usw.&#8220;<\/em>, das alles befindet sich laut Herrn Stein in Trivialliteratur, und wir wollen ihm auch gar nicht widersprechen, aber doch so langsam erfahren, worauf er eigentlich hinaus will. Warum liest man das Zeugs? \u2013 Nun, sagt Herr Stein, weil man <em>&#8222;hier noch eine R\u00fcckbindung an die \u00e4ltesten, will sagen: mythischen Schichten der Literatur sp\u00fcrt.&#8220; <\/em>Nach einem abschreckenden Beispiel erl\u00e4utert er uns auch, was denn diese &#8222;mythischen Schichten&#8220; sein k\u00f6nnten: <em>&#8222;&#8230;wieder einmal die uralte Geschichte von dem Ritter, der das Monster in seiner H\u00f6hle stellt und mit einer Lanze durchbohrt&#8220;. <\/em>So, so.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich, erfahren wir weiter, handelt es sich dabei nicht um wirkliche Literatur, denn Brain Candy macht nicht &#8222;satt&#8220;, d.h. stillt nicht das, was echte Literatur stillt: <em>&#8222;den Hunger nach Selbsterkenntnis&#8220;<\/em>. Hm. Ich lach ja jetzt gar nicht. Ich bin immer noch gespannt, wann die Sache von dem gro\u00dfen Roman kommt, der auf Trivialit\u00e4t fu\u00dft. Genau \u2013 das stehts auch gleich: Es gibt keinen gro\u00dfen Roman etc&#8230; <em>&#8222;Kontakt mit dem mythischen Urstoff alles Erz\u00e4hlens&#8220;<\/em>&#8230; Jetzt wird\u2019s interessant!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denkste. Der Text ist n\u00e4mlich zu Ende. Nichts mehr. Kein einziges Beispiel, nichts Genaues \u00fcber diesen omin\u00f6sen Urstoff wei\u00df der Autor nicht, wir m\u00fcssen jetzt wohl die Weltliteratur alleine nach Rittern und durchbohrten Monstern durchforsten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eins aber wissen wir: Was wir hier gelesen haben, war Brain Candy. Mit gestelzter Arroganz, d\u00e4mlichen Klischees und k\u00fcnstlichen Spannungsverst\u00e4rkern wie dem, uns die Zusammenh\u00e4nge von &#8222;hoher und niederer Literatur&#8220; verraten zu wollen, es aber denn doch bleiben zu lassen, wahrscheinlich, weil der Text eh zu lang oder das Internet schon voll war, man denkt unter Printautoren scheinbar noch so.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein, mein Bester, das war nun gar nichts. Alles auf einen Haufen werfen, nur weil es in der Flughafenbuchhandlung nun mal in einem gemeinsamen Drehst\u00e4nder steckt, dann etwas von &#8222;mythischen Schichten&#8220; murmeln und ausgerechnet dann, wenn\u2019s interessant wird, weil es tats\u00e4chlich so etwas wie Selbsterkenntnis zeitigen k\u00f6nnte, den Artikel einfach beenden \u2013 so einen Pfusch von Cliffhanger k\u00f6nnte sich nicht einmal der schlimmste Schundautor leisten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Es gibt keinen gro\u00dfen Roman, der nicht auf einem gesunden Fundament aus Trivialit\u00e4t st\u00fcnde.&#8220; Ah, denkt man, hier wird\u2019s interessant. Und dann auch noch in der &#8222;Welt&#8220;. 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