{"id":21823,"date":"2009-12-03T15:52:09","date_gmt":"2009-12-03T15:52:09","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/12\/hugo-bettauer-hemmungslos\/"},"modified":"2022-06-12T23:51:59","modified_gmt":"2022-06-12T21:51:59","slug":"hugo-bettauer-hemmungslos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/12\/hugo-bettauer-hemmungslos\/","title":{"rendered":"Hugo Bettauer: Hemmungslos"},"content":{"rendered":"\n<p>Ach, das waren lustige Tage! Ein Vatertagsausflug auf Staatskosten mit Aussicht auf fremde L\u00e4nder und Ordensbrust. Man skandierte &#8222;Jeder Schu\u00df ein Russ&#8216;, jeder Sto\u00df ein Franzos'&#8220; oder \u2013 auch der Wortwitz spr\u00fchte in jenen Tagen \u2013 &#8222;Serbien muss sterbien&#8220;. Ob man die &#8222;Dicke Berta&#8220; sehen w\u00fcrde, jene legend\u00e4re Gro\u00dfkanone aus dem Hause Krupp? Oder gar, wer wei\u00df?, auf dem Feld der Ehre einen \u00e4hnlich dicken Fisch an die Angel bek\u00e4me wie damals 70\/71 den franz\u00f6sischen Kaiser pers\u00f6nlich? &#8211; Doch es sollte kein Feld der Ehre mehr geben. Statt dessen Massenvernichtung mit zeitgem\u00e4\u00dfer Hightech. Verdun, die nordfranz\u00f6sischen, belgischen Sch\u00fctzengr\u00e4ben, Ypern, Giftgas und Granaten, Verrecken in der eigenen Schei\u00dfe. Erster Weltkrieg.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wer ihm lebend entkam, stand pl\u00f6tzlich in einer anderen Zeit. R\u00e4terepublik, Entmachtung des Adels, Arbeitslosigkeit, Inflation. Moralische Werte? Ach geh. Mancher, der einst treu und brav gewesen war, redete pl\u00f6tzlich so wie Kolomann Isbaregg, im alten Wien noch Freiherr und ein &#8222;von&#8220;, jetzt aber im neuen Wien ein Raubtier unter Raubtieren, ein Hungernder unter Hungernden:<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Wenn es mir zweckvoll erscheint, so bin ich imstande, ein Verbrechen zu begehen oder aber auch eine sogenannte anst\u00e4ndige Handlungsweise.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Moral und Ehre hat ihm die moderne Kriegsf\u00fchrung ausgetrieben, Isbaregg will essen und gut leben. Mit einem Taschendiebstahl beginnt seine Verbrecherkarriere, rasch erscheint ihm ein skrupelloser Mord &#8222;zweckvoll&#8220;, sodann eine reiche Heirat, die, als sie ihm l\u00e4stig wird, mit der Ermordung der Ehefrau beendet wird. Und all das in Wien, dem immer noch lustig untergehenden und bald elend wiederauferstehenden Wien, zwischen Morbidit\u00e4t und Dekadenz, von j\u00fcdischer Intelligenz geistig am Leben erhalten und sich in Judenfeindlichkeit suhlend.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer war nun dieser Hugo Bettauer, der uns in Kolomann Isbaregg den Prototyp einer neuen Zeit vorstellt, einen sein noch rudiment\u00e4r vorhandenes Gewissen st\u00e4ndig beschwichtigenden Opportunisten in des Wortes h\u00e4sslichster Bedeutung? Bettauer war ein Wiener Jude, Schulfreund von Karl Kraus, Journalist, der auch in \u00dcbersee gearbeitet hatte, Herausgeber diverser Zeitschriften, die rasch angefeindet wurden, darunter &#8222;Er und Sie. Wochenschrift f\u00fcr Lebenskultur und Erotik&#8220;. Er schrieb Romane (in rascher Folge, was man den meisten anmerkt) wie etwa die immer noch lesenswerte &#8222;Stadt ohne Juden&#8220; oder die legend\u00e4r verfilmte &#8222;Freudlose Gasse&#8220;, wurde zur bevorzugten Zielscheibe eines ungez\u00fcgelten Antisemitismus, in Prozesse verwickelt, bedroht. 1925, gerade 53 Jahre alt, von einem &#8222;Nationalgesinnten&#8220; erschossen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Hemmungslos&#8220; erschien 1920 und ist ein zum &#8222;Kriminalroman&#8220; geronnenes Zeitzeugnis, wobei man vorsichtig sein muss mit der Genretypologie. Die \u00dcberf\u00fchrung Kolomanns geschieht allerdings tats\u00e4chlich ganz genrem\u00e4\u00dfig, von einer ad\u00e4quaten Dramaturgie ist &#8222;Hemmungslos&#8220; indes ein St\u00fcck weit entfernt. Und dennoch: Bettauers Roman geh\u00f6rt in die Reihe jener Kriminalromane, die unmittelbar auf ihre Zeit und ihre Zust\u00e4nde reagieren, eine seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gewachsene, mal mehr, mal weniger starke Tradition. Durchaus lesenswert, aber&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Denn auch dies muss gesagt werden: Als Autor, gar &#8222;Krimiautor&#8220; geh\u00f6rte Bettauer nicht zur ersten Garde. Allzu plakativ kommt er daher, der neue unbehauste Mensch mit seiner wandelbaren Moral, zu viele &#8222;Statements&#8220; gibt er ab, das sonstige Personal holzschnittartig zu Diensten. Zum Ende hin wird\u2019s gar ein wenig peinlich, wenn wir Isbaregg, kurz bevor seine Monstrosit\u00e4t offenbar wird, bei der tr\u00e4nendr\u00fcsigen Errettung eines &#8222;gefallenen M\u00e4dchens&#8220; zusehen d\u00fcrfen, und ganz zum Schluss hebt Bettauer die Geschichte ins Bedeutend-Allgemeine, ja beinahe Mystische.<\/p>\n\n\n\n<p>Das konnte, nebenbei, Leo Perutz besser. Dessen Thema in &#8222;Wohin rollst du, \u00c4pfelchen?&#8220; ist dem Bettauers auf verbl\u00fcffende Weise nahe. Ein Mann, traumatisiert aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt, m\u00f6chte eine dort erlittene angebliche Beleidigung r\u00e4chen, er steigert sich hinein in seinen Hass, wird von ihm besessen und \u2013 aber das lese man am besten selbst. Perutz z\u00e4umt das Pferd von hinten auf, er schildert nicht das Abhandengekommensein von Moral und Ehre, sondern im Gegenteil ihre groteske \u00dcbersteigerung. Genau die aber wird sich f\u00fcr die Geschichte als noch fataler erweisen als Isbareggs bei vollem Bewusstsein verk\u00fcndete Amoral. Und stilistisch \/ dramaturgisch konnte Bettauer Perutz eh nie das Wasser reichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also durchaus eine Leseempfehlung, allerdings mit Einschr\u00e4nkung: &#8222;Hemmungslos&#8220; ist ein spannendes Zeitzeugnis, reicht aber \u2013 im Gegensatz zu &#8222;Wohin rollst du, \u00c4pfelchen?&#8220; &#8211; \u00fcber diese Zeit nicht hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Hugo Bettauer: Hemmungslos. \nMit einem Nachwort von Peter Larndorfer. \nMilena Verlag 2009. 174 Seiten. 17,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ach, das waren lustige Tage! Ein Vatertagsausflug auf Staatskosten mit Aussicht auf fremde L\u00e4nder und Ordensbrust. Man skandierte &#8222;Jeder Schu\u00df ein Russ&#8216;, jeder Sto\u00df ein Franzos&#8217;&#8220; oder \u2013 auch der Wortwitz spr\u00fchte in jenen Tagen \u2013 &#8222;Serbien muss sterbien&#8220;. 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