{"id":21831,"date":"2009-12-20T16:54:57","date_gmt":"2009-12-20T16:54:57","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/12\/gerard-donovan-winter-in-maine\/"},"modified":"2022-06-09T23:49:39","modified_gmt":"2022-06-09T21:49:39","slug":"gerard-donovan-winter-in-maine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/12\/gerard-donovan-winter-in-maine\/","title":{"rendered":"Gerard Donovan: Winter in Maine"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Das ist ein Roman, wie ihn uns die PR-Abteilung passend zur Jahreszeit empfiehlt. Viel Schnee, viel K\u00e4lte, viel Wildnis, viel Einsamkeit \u2013 und man selber lesend am warmen Kamin, ein Glas Rotwein in der Hand, w\u00e4hrend der Hund zu den F\u00fc\u00dfen \u2013 nein, kein Hund. Denn mit dem h\u00f6rt in Gerard Donovans &#8222;Winter in Maine&#8220; die Gem\u00fctlichkeit auf.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Julius Winsome, Anfang 50, lebt einsiedlerisch in einem Holzhaus mitten in den W\u00e4ldern Maines. Sein Hund Hobbes ist ihm treuer Gef\u00e4hrte, eine Frau gab es auch einmal, das ist aber schon lange her und konnte nicht gutgehen. Eines Tages wird Hobbes erschossen. Julius nimmt sich die Familienflinte, geht in den Wald und r\u00e4umt den erstbesten J\u00e4ger ab. Er ist nicht das letzte Opfer.<\/p>\n\n\n\n<p>So weit, so einfach. Dass jemand die Ermordung seines Hundes r\u00e4cht, indem er den M\u00f6rder erschie\u00dft, mag ja noch angehen im gro\u00dfen, wirren Reich der Psyche. Aber Julius wei\u00df \u00fcberhaupt nicht, wer seinen Hund erschossen hat. Jeder k\u00f6nnte es gewesen sein, jeder mit einem Gewehr eben. Hier wird es kompliziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn die Geschichte ist unvollst\u00e4ndig. Nicht nur der Hund hat Julius&#8216; Einsamkeit ertr\u00e4glich gemacht. Auch die 3282 B\u00fccher, die ihm der Vater hinterlassen hat und die jetzt die H\u00fctte f\u00fcllen. Schwerpunkt Shakespeare, neue B\u00fccher scheint Julius nie dazugekauft zu haben. Er arbeitet im Sommer als Landschaftsg\u00e4rtner, winters liest er. Fr\u00fcher hat er jeden Tag ein paar W\u00f6rter Shakespeare-Englisch auswendig gelernt, und damit beginnt er jetzt wieder, quasi als Vorbereitung f\u00fcr sein blutiges Handwerk.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufreizend undramatisch erz\u00e4hlt Donovan die Geschichte dieses Au\u00dfenseiters, der Menschen mit der gleichen Selbstverst\u00e4ndlichkeit erschie\u00dft wie er Holz hackt. Dabei ist es die Geschichte eines Monsters. Aufgewachsen beim Vater (die Mutter starb fr\u00fch), den der Zweite Weltkrieg ebenso angewidert hatte wie der Erste den Gro\u00dfvater (von dem auch die Familienflinte, ein ehemaliges Scharfsch\u00fctzengewehr, stammt), ist Julius in der Literatur erzogen worden. Doch ach, in was f\u00fcr einer Literatur! Tote Buchstaben sind das, nicht die Werke von Menschen, die \u00fcber Menschen erz\u00e4hlen. Und so verwundert es kaum, dass Julius, der B\u00fccherwurm, mit Menschen nicht umgehen kann. Zu jedem Toten, den er hinterl\u00e4sst, bastelt er sich Legenden zusammen. Der k\u00f6nnte es gewesen sein, der seinen Hund erschossen hat \u2013 oder der \u2013 oder der&#8230; egal.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist die Natur grandios, Donovans Sprache eindringlich und bildhaft, Julius ein eigentlich recht sympathischer Mensch, in dem jedoch ein v\u00f6llig verkorkster, verzogener Charakter sitzt. Genau das macht die Qualit\u00e4t des Buches aus. Wie sich da jemand durch den gr\u00f6\u00dften Schatz der Menschheit \u2013 ihre Literatur \u2013 arbeitet und nicht merkt, wie sie ihn immer weiter von der Menschheit selbst, der Empathie, der Logik entfremdet. So ist &#8222;Winter in Maine&#8220; ein Buch \u00fcber falsche Bildung, \u00fcber verh\u00e4ngnisvolle Werte. Man f\u00fchlt sich an Alfred Anderschs &#8222;Der Vater eines M\u00f6rders&#8220; erinnert, in dem der Autor eine Schulstunde bei seinem Griechischlehrer Himmler beschreibt, dem Vater jenes Heinrich, der auch ohne erschossenen Hund zum Massenm\u00f6rder wurde. \u201eSch\u00fctzt Humanismus denn vor gar nichts?\u201c fragt Andersch, und Donovan gibt uns die Antwort: Nein, sch\u00fctzt nicht. Genauso wenig wie Shakespeare. &#8222;Ein belesener Mensch mordet nicht!&#8220; steht in einer Amazon-&#8222;Rezension&#8220;. Vor so viel Naivit\u00e4t mag man in die Knie gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ende ist so unspektakul\u00e4r wie beinahe alles in diesem Buch. Und das macht es so grauenvoll wahr. Nicht nur im Winter, wenn es drau\u00dfen schneit.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Gerard Donovan: Winter in Maine. <br \/>Luchterhand 2009. 207 Seiten. 17,95 \u20ac<br \/>(Julius Winsome, 2006. Deutsch von Thomas Gunkel)<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist ein Roman, wie ihn uns die PR-Abteilung passend zur Jahreszeit empfiehlt. Viel Schnee, viel K\u00e4lte, viel Wildnis, viel Einsamkeit \u2013 und man selber lesend am warmen Kamin, ein Glas Rotwein in der Hand, w\u00e4hrend der Hund zu den F\u00fc\u00dfen \u2013 nein, kein Hund. 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