{"id":21835,"date":"2009-12-27T21:00:54","date_gmt":"2009-12-27T21:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/12\/gunnar-gunnarsson-schwarze-voegel\/"},"modified":"2022-06-17T23:42:40","modified_gmt":"2022-06-17T21:42:40","slug":"gunnar-gunnarsson-schwarze-voegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/12\/gunnar-gunnarsson-schwarze-voegel\/","title":{"rendered":"Gunnar Gunnarsson: Schwarze V\u00f6gel"},"content":{"rendered":"\n<p>Die isl\u00e4ndische Kriminalliteratur hat sich l\u00e4ngst im Fahrwasser des Schwedenhypes auf ihre Art skandinavisiert und globalisiert, von anderen nordischen Vertretern des Genres nur noch durch die Namensendungen und gelegentlich ein \u00dcberma\u00df an Eis und Schnee zu unterscheiden. Das ist schade f\u00fcr ein kleines Land mit einer ungew\u00f6hnlich alten und ausgepr\u00e4gten Nationalliteratur. Doch auch Island hat, was Krimis anbetrifft, seine Klassiker, und der gr\u00f6\u00dfte ist (neben den bekannt blut- und verbrechensgetr\u00e4nkten Geschichten der Edda) Gunnar Gunnarssons &#8222;Schwarze V\u00f6gel&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Gunnarsson (1889 \u2013 1975) war zu seiner Zeit ein in ganz Europa bekannter Autor, der sich des weiter verbreiteten D\u00e4nischen bediente, um von seiner Arbeit \u00fcberhaupt leben zu k\u00f6nnen (Island geh\u00f6rte bis 1944 zu D\u00e4nemark). Doch auch in Deutschland wurde Gunnarsson hoch gesch\u00e4tzt, was indes dem Autor nach dem Krieg nicht gut bekam, hielt man ihm doch eine zu gro\u00dfe N\u00e4he zu den Nazis vor. Der 1929 erschienene Roman &#8222;Svartfugl&#8220; kam denn auch umgehend als &#8222;Schwarze Schwingen&#8220; zu seiner Eindeutschung, wenngleich \u2013 wie das ausf\u00fchrliche Nachwort von Karl-Ludwig Wetzig zur Neuausgabe erl\u00e4utert \u2013 mit einem im Original nicht festzustellenden Blut-und-Boden-Vokabular verhunzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte beruht auf einem Tatsachenfall. 1802. Auf einem Ein\u00f6dhof im Gebiet der Westfj\u00f6rde teilen sich zwei Familien in ihr j\u00e4mmerliches b\u00e4uerliches Dasein. Bjarni, mit der kr\u00e4nklichen Gu\u00f0r\u00fan verheiratet, verliebt sich in Steinunn, J\u00f3ns Frau. Das kann nicht gutgehen. Treffen sich die Menschen zum sonnt\u00e4glichen Kirchgang, wird gemunkelt, unsittliche Dinge ereigneten sich da drau\u00dfen auf dem gemeinsamen Hof. Dann st\u00fcrzt zun\u00e4chst J\u00f3n \u00fcber die Klippen ins Meer, kurz darauf bringt Bjarni seine Frau Gu\u00f0r\u00fan im Behelfssarg zum Kirchhof. Als nach Monaten die \u00dcberreste der Leiche J\u00f3ns angeschwemmt werden und daran Anzeichen von Gewalteinwirkung zu erkennen sind, wird aus den Ger\u00fcchten bittere juristische Wahrheit. Bjarni und Steinunn werden festgenommen und vor Gericht gestellt, sie leugnen die Tat.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut zwei Drittel des Romans sind dem Mordprozess gewidmet, an dessen Ende der Schuldspruch f\u00fcr beide und damit das Todesurteil steht. Die Angeklagten haben gestanden, wenn auch nicht alles, aber doch genug.<\/p>\n\n\n\n<p>Na und? Krimi? Zugegeben: &#8222;Schwarze V\u00f6gel&#8220; nach dieser Kurzbeschreibung als Kriminalroman zu bezeichnen, w\u00e4re ein wenig vermessen. Ein Roman \u00fcber Liebe und Tod, Armseligkeit und Hunger, einen sehr merkw\u00fcrdigen Richter und \u00fcberhaupt seltsame Menschen, auf eine Weise verfasst, die man wohl &#8222;eindringlich&#8220; nennen k\u00f6nnte, wo sich die Macht der Natur mit der Ohnmacht der menschlichen Seele ebenso grandios wie unheilvoll vereint. Und nat\u00fcrlich pr\u00e4chtig erz\u00e4hlt. Aber halt&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Denn genau diese Erz\u00e4hlsituation ist es, die aus &#8222;Schwarze V\u00f6gel&#8220; einen Krimi der ganz besonderen Art macht. Wir h\u00f6ren die Geschichte aus der Feder des jungen Kaplans Ei\u00falfur Kolbeinsson, zu dessen Sprengel die ungl\u00fcckseligen Familien geh\u00f6ren. Es beginnt r\u00fcckblickend, f\u00fcnfzehn Jahre nach den Ereignissen, soeben ist Ei\u00falfurs \u00e4ltester Sohn bei einem Schiffsungl\u00fcck ums Leben gekommen. Die Geschichte selbst spielt zur Zeit von Ei\u00falfurs Verheiratung, und sp\u00e4testens hier beginnen wir dem jungen, sehr ehrenwerten Kaplan zu misstrauen. Denn ganz offensichtlich liebt die Braut nicht ihn, sondern seinen j\u00fcngeren Bruder, doch Ei\u00falfur dreht die Geschichte so, dass sie uns glauben machen soll, es sei anders und Ei\u00falfur die erste Wahl seiner Braut.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens zu Beginn des Prozesses wissen wir, dass der Chronist Ei\u00falfur ein unsicherer Kantonist sein muss. Mit einer kleinen Intrige schafft er es, als Protokollant des Prozesses fungieren zu d\u00fcrfen (diese Intrige wird in einem einzigen kurzen, wie beil\u00e4ufig erw\u00e4hnten Satz abgehandelt, man muss also genau lesen). Der Kaplan, so viel steht fest, ist kein Garant f\u00fcr &#8222;die Wahrheit&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Die Wahrheit! War der Drang zur Wahrheit nicht einer der unz\u00e4hligen blutd\u00fcrstigen Werw\u00f6lfe des Geistes? Vielleicht sogar einer der gerissensten von allen. Die Wahrheit! War sie etwa nicht einer der schwarzen, heiseren und gierigen Geier des Daseins? Und war ihr Gesetz nicht auch das des Lebens sonst: sich vermehren und verschlingen.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>So spricht einer, der die Wahrheit nach seinem Gusto erz\u00e4hlt, sie beugt und verformt, erfindet und unterdr\u00fcckt. Doch warum tut er das? Das Besondere an &#8222;Schwarze V\u00f6gel&#8220; besteht darin, dass wir genau dies nicht erfahren. Steht der Kaplan auf der Seite der Angeklagten \u2013 oder legt er sie letztlich herein? F\u00fcr beide Lesarten gibt es Indizien, doch von DER Wahrheit bleibt der Roman weit entfernt. Es ist halt so und legt sich wie eine Folie \u00fcber alles, was wir im Text \u00fcber die Suche nach &#8222;Wahrheit&#8220; lesen. Das reicht von den n\u00fcchternen Fakten der Gerichtsverhandlung bis ins Allgemein-Philosophische, zwingt uns selbst auf die Suche nach &#8222;Wahrheit&#8220; und zur Erkenntnis, dass sie eben immer ein Konstrukt bleibt, ein Konstrukt, dass sich vermehrt und gegenseitig ad absurdum f\u00fchrt, &#8222;verschlingt&#8220;. So entstehen im Grunde viele Geschichten und Ger\u00fcchte, wird das Lesen selbst ein Teil der Handlung, denn beiden gemein ist die Natur des Konstrukts und die Frage nach dem Motiv, dem dieses Konstrukt sein Dasein verdankt. Dabei ist der Erz\u00e4hler beides &#8211; ein begnadeter Erfinder des Wahren und ein verdammt schlechter L\u00fcgner, so dass Faktizit\u00e4t und Manipulation stets untrennbar miteinander verbunden bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Krimi? Keiner der Sorte, in der auf viele Fragen viele Antworten zu erwarten w\u00e4ren. Wer nun an Kriminalliteratur aber gerade sch\u00e4tzt, dass sie zu einer Antwort m\u00f6glichst viele Fragen stellt, der ist bei Gunnarsson genau richtig. Ein eigenst\u00e4ndiges, ebenso modernes wie zeitloses St\u00fcck Spannungsliteratur.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S. Ein Dank auch an den Herausgeber und \u00dcbersetzer Karl-Ludwig Wetzig f\u00fcr die gelungene Arbeit. Das Nachwort, das u.a. Gunnarssons Verh\u00e4ltnis zu den Nazis relativiert (womit wir schon wieder bei &#8222;Wahrheiten&#8220; w\u00e4ren&#8230;), ist jedenfalls vorbildlich, die \u00dcbersetzung in all ihren Tonarten ein Genuss.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Gunnar Gunnarsson: Schwarze V\u00f6gel. <br \/>Reclam 2009 <br \/>(Svartfugl, 1929. Herausgegeben und \u00fcbersetzt von Karl-Ludwig Wetzig). <br \/>302 Seiten. 22,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die isl\u00e4ndische Kriminalliteratur hat sich l\u00e4ngst im Fahrwasser des Schwedenhypes auf ihre Art skandinavisiert und globalisiert, von anderen nordischen Vertretern des Genres nur noch durch die Namensendungen und gelegentlich ein \u00dcberma\u00df an Eis und Schnee zu unterscheiden. Das ist schade f\u00fcr ein kleines Land mit einer ungew\u00f6hnlich alten und ausgepr\u00e4gten Nationalliteratur. 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