{"id":21836,"date":"2010-01-04T09:00:41","date_gmt":"2010-01-04T09:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/01\/ulrich-ritzel-beifang\/"},"modified":"2022-06-17T23:45:40","modified_gmt":"2022-06-17T21:45:40","slug":"ulrich-ritzel-beifang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/01\/ulrich-ritzel-beifang\/","title":{"rendered":"Ulrich Ritzel: Beifang"},"content":{"rendered":"\n<p>Beifang. Der Fischer schippert \u00fcbers Meer, das Schleppnetz sammelt ein, was sich einsammeln l\u00e4sst. Eigentlich steht ihm der Sinn nur nach Heringen. Aber wenn er dann das Netz an Bord hievt, zappelt alles M\u00f6gliche in den Maschen. Jede Menge Kleinfisch, aber auch Delphine, Rochen, Haie, Autoreifen&#8230; Was er nicht braucht, wirft der Fischer zur\u00fcck ins Meer, lebendig oder tot oder so gut wie tot. Eine besonders \u00f6konomisch-\u00f6kologische Fangmethode ist das nicht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ulrich Ritzels neuester Krimi hei\u00dft &#8222;Beifang&#8220; und das aus gutem Grund. Berndorf, Expolizist, jetzt privater Ermittler, hat einen Auftrag in der alten Heimat Ulm angenommen. F\u00fcr einen &#8222;Staranwalt&#8220;, der gerade einen Bundeswehrsoldaten verteidigt, dem man die Ermordung seiner Frau mittels Handkantenschlag zur Last legt, soll er ein Schmuckst\u00fcck des Opfers finden. Dass dieser Schmuck mit einer anderen Geschichte verkn\u00fcpft ist, hat der Leser schon aus dem Prolog erfahren, der w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs spielt, als in der N\u00e4he von Ulm ein &#8222;j\u00fcdisches Altersheim&#8220; existierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Berndorf ist noch nicht richtig angekommen, da wird sein Auftraggeber selbst ermordet. Irgendwer hat ihn vor einen Zug geworfen, so lassen sich jedenfalls die Indizien und Zeugenaussagen deuten. Unser Protagonist, der eigentlich nur nach dem verschwundenen Schmuck fischen wollte, muss nun doch mit den gro\u00dfen Schleppnetz arbeiten, und auf 462 Seiten wird sich darin einiges verheddern.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorweg: Man liest Ritzels Buch mit gro\u00dfem Vergn\u00fcgen. Der Mann schreibt weit \u00fcber bundesdeutschem Durchschnitt, seine Sprache ist durchdacht und in ihrer Stilistik eine gekonnte Mischung aus Protogonisten- und Autorenreflektionen. Gegenwart und Vergangenheit werden von Ritzel in souver\u00e4ner Weise abgefischt, die aktuellen Schweinereien und die l\u00e4ngst historisch gewordenen, ein paar Helfershelfer sind an Bord, die leicht nymphomanische Anw\u00e4ltin, der in Bibelspr\u00fcchen parlierende Gerichtsprozess-Junkie.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber kommen wir noch einmal zur\u00fcck zum Titel des Buches, &#8222;Beifang&#8220;. Der suggeriert ja nicht allein, dass die Berndorfschen Ermittlungen sich von Seite zu Seite ausweiten und sich im Netz des Detektivs am Ende so mancherlei verfangen haben wird, womit man gar nicht hatte rechnen k\u00f6nnen. &#8222;Beifang&#8220; hei\u00dft auch: Berndorf ist von Anfang an gezwungen, aus den vielen M\u00f6glichkeiten genau die richtige herauszusuchen und die anderen zu verwerfen. Und was sich Berndorf dabei offenbart, ist eine einzige Wimmelei.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel: Die Ermordete hat unmittelbar vor der Tat Geschlechtsverkehr gehabt und 180 Kilometer mit ihrem Wagen zur\u00fcckgelegt. Weder der Intimpartner noch die gefahrene Strecke lassen sich ermitteln. 180 Kilometer in Ulm und um Ulm herum also. F\u00fcr Berndorf jedoch steht fest, dass die Tote nach Stuttgart gefahren und dort ein Hotelzimmer gemietet haben muss. Eine kleine Zeitungsrecherche gen\u00fcgt, um zudem herauszufinden, wer der Frau beiwohnte. Das alles liest man mit vor Verbl\u00fcffung offenem Mund. Berndorf wird hier zum Fischer, der mit verbundenen Augen ins volle Netz greift, weil er einen ganz bestimmten Hering fassen will \u2013 und es gelingt ihm auf Anhieb. All die anderen M\u00f6glichkeiten \u2013 und es d\u00fcrfte unz\u00e4hlige geben \u2013 fallen von vornherein weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit nicht genug. Im Verlauf der Handlung wird Berndorf seine wirklich \u00fcbersinnliche Methode, stets das Richtige zu denken und zu tun, noch einige Male strapazieren. Einen fl\u00fcchtigen jungen Mann etwa, der sich im Umkreis von f\u00fcnf Kilometern aufhalten k\u00f6nnte, steuert Berndorf mitten in der Nacht zielsicher an. Den Schmuck findet er nat\u00fcrlich auch \u2013 und zwar an einem Ort, an dem ihn keiner vermutet h\u00e4tte. Ebenso geht es mit dem M\u00f6rder der Frau. Irgendwann kennt ihn Berndorf einfach \u2013 da kann ihm der Leser aber schon l\u00e4ngst nicht mehr folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; und bleibt am Ende zwischen Lob und Tadel hin und her gerissen zur\u00fcck. Noch einmal: &#8222;Beifang&#8220; steht stilistisch und in der Bearbeitung des Themas weit \u00fcber dem Durchschnitt. Die Methoden des Ermittlers jedoch sind derma\u00dfen unglaubw\u00fcrdig, dass es einen \u00e4rgert. Nichts gegen Zuf\u00e4lle und Eingebungen. Wer jemals einen Krimi geschrieben hat, wei\u00df, wie schnell mal als Autor in die Bredouille geraten kann. Etwas muss endlich ans Tageslicht, aber wie? Ritzel \u00fcbertreibt es aber, sein Berndorf fischt hier im wahrsten Sinne des Wortes im Tr\u00fcben. Aber nun; das ist eben der Beifang dieses Buches. Man kann ihn aussortieren und zur\u00fcckwerfen, bis genau das im Netz \u00fcbrig geblieben ist, was man haben wollte: ein weit ausholender und spannender Kriminalroman.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Ulrich Ritzel: Beifang. <br \/>Btb 2009. 462 Seiten. 19,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beifang. Der Fischer schippert \u00fcbers Meer, das Schleppnetz sammelt ein, was sich einsammeln l\u00e4sst. Eigentlich steht ihm der Sinn nur nach Heringen. Aber wenn er dann das Netz an Bord hievt, zappelt alles M\u00f6gliche in den Maschen. 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