{"id":21838,"date":"2010-01-05T08:29:17","date_gmt":"2010-01-05T08:29:17","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/01\/schund\/"},"modified":"2022-06-17T20:27:44","modified_gmt":"2022-06-17T18:27:44","slug":"schund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/01\/schund\/","title":{"rendered":"Schund!"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8222;Bruno befestigte den Plan des Lohwiesenweges (&#8230;) an der wei\u00dfen Metalltafel. Da es keine vier roten Magneten gab, nahm er f\u00fcr die untere linke Ecke einen gr\u00fcnen.&#8220;<br \/>(Rainer W\u00fcrth, &#8222;Kr\u00f6tenwanderung&#8220;, S. 51)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das Medium ist die Botschaft, sogar in der Kriminalliteratur. W\u00e4re die ein Topf, er kochte permanent \u00fcber, seine Belanglosigkeiten, deren Kr\u00f6nungsrequisit obiger gr\u00fcner Magnet sein k\u00f6nnte, liefen als eine z\u00e4he Masse \u00fcber den Rand und fielen \u2013 Tropfen f\u00fcr Tropfen \u2013 ins Bodenlose des Schunds. Aus einem Medium, dem honorablen Taschenbuch, in ein anderes, das eselsohrige Heftchen, aus dem Reservat deutschsprachiger Hoch-Kriminalliteratur in den archaischen Urwald deutschsprachiger Nullprosa.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn denn tats\u00e4chlich das Medium die Botschaft sein wollte. Wenn wir mit unserem Vokabular abh\u00e4ngig w\u00e4ren von produktionstechnischen \u00c4u\u00dferlichkeiten. Und sind wir das etwa nicht? Heftchen nennen wir &#8222;Schund&#8220;, Taschenb\u00fccher aus &#8222;guten Verlagen&#8220; h\u00f6chstens &#8222;misslungen&#8220;, Gebundenes mit Schutzumschlag &#8222;Literatur&#8220;, Gebundenes mit Schutzumschlag und Leseb\u00e4ndchen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Manche nennen generell alles Kriminalliterarische Schund. Hier ist nicht das Medium die Botschaft, hier ist es das Genre. Aber bleiben wir bei den Medien. Wer von uns liest einen Heftchenroman anders als mit spitzen Fingern, wenn \u00fcberhaupt? &#8222;Der Schu\u00df in der Clay-Allee&#8220; von Paul Ickes zum Beispiel, 1958 in der Reihe &#8222;Kelter Kriminalromane&#8220;, Band 132, erschienen, einige Jahre sp\u00e4ter als &#8222;Tempo Kriminal&#8220; zweitverwertet?<\/p>\n\n\n\n<p>Schund also. Die soziologisch Interessierten unter uns denken sofort an entfremdete Arbeit, Schreiben als Flie\u00dfbandmaloche unter erschwerten zeitlichen Bedingungen, wer seine 65 Seiten nicht binnen sieben bis zehn Tagen raushaut und auch nicht zuf\u00e4llig Simenon hei\u00dft, wer in Handlungs- und Dramaturgieschablonen denken muss, der soll sich nicht wundern, wenn wir ihn Schundautor nennen und ihm nur die niederen Weihen des Genres, wenn \u00fcberhaupt, zubilligen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber jetzt kommt&#8217;s: Ickes spielt in einer Liga, in die W\u00fcrth und Konsorten niemals aufsteigen werden. Nicht weil &#8222;Der Schu\u00df in der Clay-Allee&#8220; ein unter genreliterarischen Gesichtspunkten aufsehenerregendes, gar epochales Werk w\u00e4re. Ickes entf\u00fchrt uns in das Berlin der F\u00fcnfziger Jahre, eine Schauspielerin, leicht abgehalftert, wird ermordet, eine Reihe Verd\u00e4chtiger agiert, nat\u00fcrlich vom v\u00e4terlich-autorit\u00e4ren Kommissar durchleuchtet. Einzig von den \u00fcblichen Gewohnheiten abweichend: Der Kommissar hat eine um vieles j\u00fcngere Freundin, eine selbstverst\u00e4ndlich platonische Beziehung, deren Struktur einem beim Lesen nebul\u00f6s bleibt, und diese Freundin, von Beruf Zeichnerin, ermittelt dreist auf eigene Faust. Und der Kommissar hat nichts dagegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufl\u00f6sung des Falles ist typisch, also ein wenig abenteuerlich. Macht nichts. Warum Ickes souver\u00e4n \u00fcber den Erg\u00fcssen z.B., aber nicht nur aktueller Krimimassenware schwebt, hat einen simplen Grund: Er kann schreiben. Auch das nicht sensationell, auf angenehme Art solide schon. Die Dramaturgie, man mag sie auch schon tausend Mal zur Kenntnis genommen haben, stimmt, das Personal wird knapp und sicher gezeichnet, die Handlung ist \u00fcbersichtlich, stringent, in ihrer Komposition von der unaufdringlichen Eleganz mit Geschmack ausgew\u00e4hlter Konfektionskleidung. Kurzum: Ganz anders als das Gros der Kriminalromane neuester Produktion, die ich um die Weihnachtszeit verkonsumiert habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Lars Rambe, zum Beispiel. Dessen &#8222;Die Spur auf dem Steg&#8220; gibt sich kompositorisch anspruchsvoll, arbeitet mit diversen Zeit- und Perspektivebenen, l\u00e4sst auch \u2013 Schwedenkrimi halt \u2013 das Korruptionsgeflecht unseres Hier und Jetzt nicht zu kurz kommen \u2013 und ist in einem Deutsch geschrieben, das ohne von Brechreiz geplagt zu werden nur ertragen kann, wer die deutsche Sprache inst\u00e4ndig hasst. Mir ist es schnuppe, ob die \u00dcbersetzer nur ihren Job gemacht und ein mieses Schwedisch in ein mieses Deutsch \u00fcbertragen haben. \u00dcber die Ignoranz des &#8222;Lektorats&#8220; rege ich mich ebenfalls nicht auf, die werden schon wissen, was sie ihren Milchk\u00fchen vorsetzen k\u00f6nnen oder nicht, ohne dass die mit dem Wiederk\u00e4uen und Geldschei\u00dfen aufh\u00f6ren. Ich wei\u00df n\u00e4mlich folgendes: Jemand wie Rambe h\u00e4tte, sagen wir: in den F\u00fcnfziger Jahren, als Heftchenautor, keinen Blumentopf gewonnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Qualit\u00e4t ist also keine Frage des Mediums und ergo Schund nicht dem Heftchenroman naturgesetzlich untrennbar beigesellt. Okay, das \u00fcberrascht uns jetzt nicht sonderlich. Der Krimi von Paul Ickes geh\u00f6rt zu einer wirren Welt der Eindeutigkeiten und Normen, er hat das Pech der falschen Geburt in die Unterschicht einer kriminalliterarischen Gesellschaft hinein, die deshalb statisch geworden ist, weil ihr die Statik fehlt. In dieser Gesellschaft geht es weniger nach Leistung, das Herkommen erscheint wichtiger.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Roman wie der von Ickes, in Buchform gerade einmal \u2013 je nach Satz \u2013 130 bis 150 Seiten stark, lehrt uns dar\u00fcber hinaus noch zweierlei: Wer einen schnellen, geradlinigen Krimi schreibt, kann das auf h\u00f6chstens 200 Seiten wunderbar tun. Alles was umfangreicher ist, l\u00e4uft Gefahr, all die Belanglosigkeiten zu summieren, die heute von &#8222;besseren Krimis&#8220; anscheinend erwartet werden. Und: H\u00e4tte man doch nur die Zeit, die Krimis der F\u00fcnfziger Jahre aufmerksam zu durchforsten. Was an grundsolider, immer noch spannender Literatur w\u00e4re da auszugraben!<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Bruno befestigte den Plan des Lohwiesenweges (&#8230;) an der wei\u00dfen Metalltafel. 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