{"id":21841,"date":"2010-01-11T08:01:13","date_gmt":"2010-01-11T08:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/01\/jim-nisbet-dunkler-gefaehrte\/"},"modified":"2022-06-16T22:38:37","modified_gmt":"2022-06-16T20:38:37","slug":"jim-nisbet-dunkler-gefaehrte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/01\/jim-nisbet-dunkler-gefaehrte\/","title":{"rendered":"Jim Nisbet: Dunkler Gef\u00e4hrte"},"content":{"rendered":"\n<p>Nein, keine literaturtheoretischen Einlassungen an dieser Stelle. Nur das: Durch viele Texte ziehen sich mehr oder weniger offene Bedeutungsstr\u00e4nge, die, richtig miteinander verkn\u00fcpft, so etwas wie einen Subtext, ein zus\u00e4tzliches Zeichen- und Bedeutungssystem ergeben. Fast immer wird dabei mit Synekdochen gearbeitet. Ganz allgemein: Das was der Text auf seiner Oberfl\u00e4che aussagt, ist auf seiner Subebene entweder eine Spezifierung oder eine Verallgemeinerung \u2013 oder beides. Wenn wir z.B. Gregor Samsa als K\u00e4fer wiederfinden, geht es nicht um die Person Gregor Samsa, es geht um den Menschen an sich in seiner Entfremdung. Habe ich das erkannt, kann ich von dieser h\u00f6heren Warte des Allgemeinen wieder auf das Spezielle, vielleicht auf meine eigene Situation schlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Und jetzt zu Jim Nisbets &#8222;Dunkler Gef\u00e4hrte&#8220;. Dort wird mit einem sehr offenen Subtext gearbeitet, der explizit synekdochal funktioniert. Nisbet selbst verwendet das Wort in seinem Text. Wir begegnen dem indischst\u00e4mmigen Kalifornier Banajhee Rolf, den gerade das schn\u00f6de Leben v\u00f6llig aus der Bahn geworfen hat. Seinen Job als Chemiker hat er verloren, weil Heuschrecken seine Firma aufgekauft und f\u00fcr ihre Aktion\u00e4re profitabel gemacht haben. Seine Altersversicherung ist h\u00f6chst gef\u00e4hrdet, ebenso die Ausbildung seines studierenden Sohnes. Einen neuen Job wird er nicht finden, weil Banajhees letzte \u00e4rztliche Untersuchung ein paar Herzprobleme hat offenkundig werden lassen. Seine Ehefrau f\u00e4hrt nach Chicago zum studierenden Sohn und will sich dort einen Job suchen. Man wird das H\u00e4uschen im teuren Kalifornien verkaufen, sich sanieren und nach Chicago ziehen. Banajhee ist allein zu Haus.<\/p>\n\n\n\n<p>Da begegnet ihm sein Schicksal in Gestalt des etwas zwielichtigen Nachbarn Toby Pride und seiner recht freiz\u00fcgigen Freundin Esme. Die beiden streiten sich, Banajhee fungiert als Moderator und landet in der nachbarlichen Wohnung, wo ihn etliche h\u00e4rtere Getr\u00e4nke in eine lockere Stimmung versetzen. Dann kommt es zu einem Zwischenfall, der Banajhees Leben v\u00f6llig ver\u00e4ndert. Er setzt sich in ein Auto, verl\u00e4sst Kalifornien und seine Existenz, bis sich in einem Spielkasino in Nevada sein Schicksal endg\u00fcltig erf\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Banajhees gro\u00dfe Leidenschaft gilt der Astrophysik, besonders den Neutronensternen. Neutronensterne sind Objekte von extremster Dichte und mit daher ziemlich ulkigen Schwerkraftph\u00e4nomen. Die physikalischen Gesetze, wie wir sie kennen, existieren nicht mehr oder in ihrer aberwitzigsten Form. Wer sich mit Neutronensternen besch\u00e4ftigt, landet sehr rasch bei der Chaostheorie, die ja eigentlich eine Ordnungstheorie ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Und genau das ist &#8222;Dunkler Gef\u00e4hrte&#8220;: Ein Buch \u00fcber Chaos und Ordnung, das uns die unappetitlichen Einzelheiten des American Dream vorf\u00fchrt (die sich inzwischen ja fast eins zu eins auf Deutschland \u00fcbertragen lassen), die Auswirkungen brutalkapitalistischer Mechanismen auf den Einzelnen und ihre Widerspiegelung im Gro\u00dfenganzen des Kosmos. Dabei werden nicht nur die Gesetze der \u00e4u\u00dferen Natur, sondern auch die der inneren, der Moral und Ethik aufgehoben oder geraten in skurrile Turbulenzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Sch\u00f6nste an Nisbets Buch: So offen dieser Subtext auch vor einem liegt (eine Sache, die eigentlich ziemlich langweilig werden kann), so vielseitig interpretierbar bleibt er doch. Ein synekdochales Spiel, gewisserma\u00dfen, sehr sch\u00f6n auch der Auftritt des alten Goldgr\u00e4bers am Schluss, der uns noch einmal auf den realexistierenden Boden US-amerikanischer Ideologie zur\u00fcckholt. Du machst ein Verm\u00f6gen, haust es sofort auf den Kopf und gehst wieder raus, um ein neues Verm\u00f6gen zu machen. Zwischendurch waschen dich ein paar willige M\u00e4dels in der Badewanne wieder sauber.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei verlieren wir Banerjhee nie als Person aus den Augen, bei allen Abschweifungen ins Allgemein-Bedeutende, in die Struktur des Lebens selbst gewisserma\u00dfen, bleibt er als Subjekt kenntlich. Eine glatte Empfehlung also. Und ad\u00e4quat \u00fcbersetzt, auch wenn ich den Originaltext nicht kenne. Es passt aber, weil die Diktion dem entspricht, was Nisbet uns erz\u00e4hlen m\u00f6chte, auf welcher Ebene auch immer..<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jim Nisbet: Dunkler Gef\u00e4hrte. <br \/>Pulp Master 2010 <br \/>(Dark Companion. 2006. Deutsch von Frank Nowatzki und Angelika M\u00fcller). <br \/>191 Seiten. 12,80 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, keine literaturtheoretischen Einlassungen an dieser Stelle. 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