{"id":21851,"date":"2010-01-28T11:03:55","date_gmt":"2010-01-28T11:03:55","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/01\/mo-hayder-haut\/"},"modified":"2022-06-17T23:41:32","modified_gmt":"2022-06-17T21:41:32","slug":"mo-hayder-haut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/01\/mo-hayder-haut\/","title":{"rendered":"Mo Hayder: Haut"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Anna Veronica Wutschel, unsere Spezialistin f\u00fcr sinnstiftende literarische Selbsttherapien schreibender Frauen und gelegentlich auch M\u00e4nner, hat sich durch Mo Hayders &#8222;Haut&#8220; gelesen, um unter all dem Blut und den Tr\u00e4nen und dem Angstschwei\u00df das zu finden, was man von Krimis gemeinhin erwartet: ein bissel Spannung, die nicht gleich mit der dramaturgischen Pumpgun zwischen die Buchdeckel gehustet wird. Ob sie f\u00fcndig wurde? Spannend&#8230;)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die selbst verordnete Therapie hat angeschlagen. Das zumindest erkl\u00e4rte Mo Hayder in einem Interview. Fr\u00fcher &#8211; so sagt sie da &#8211; habe sie \u00fcber Jahre unter Albtr\u00e4umen gelitten. Seit sie diese jedoch (als Bestseller) aufs Papier materialisiert, scheint sie von der n\u00e4chtlichen Last befreit.<br \/>Der konstruierte Blick in den Abgrund allerdings st\u00f6\u00dft manchmal lediglich auf gnadenlose Banalit\u00e4t. Tief ins B\u00f6se sollen Hayders Texte wohl driften, doch die gesuchten Schock-Elemente erscheinen eher lapidar, die Handlungsverl\u00e4ufe vornehmlich abstrus und die so d\u00fcster ausschraffierten Seelen der Figuren verlaufen sich in bl\u00e4sslichen Konturen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Haut<\/em>, der zweite Teil um Sergeant \u2018Flea\u2019 Marley und den reanimierten, inzwischen nach Bristol versetzten Detective Inspector Jack Caffery, spielt nur wenige Tage nach dem spektakul\u00e4ren Muti-Fall, den Caffery und Marley in <em>Ritualmord<\/em> l\u00f6sen mussten. Qualvoll, im Problem-Gestr\u00fcpp der Protagonisten verheddert, verpuzzelte Hayder dort weitschweifig deren Traumata mit rituellem K\u00f6rperteile-Handel und sadistischer Profitgier. Und genau vier Tage nach Abschluss dieser Schreckens-Ereignisse lauert das Schicksal den Hauptfiguren erneut und \u00fcbel auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine halb-prominente Fu\u00dfballergattin entwischt aus einer Entzugsklinik, die Polizei startet eine immense Suchaktion, die Medien geraten au\u00dfer Rand und Band. Nur Inspector Caffery ist unkonzentriert, meint er doch, ihm sei bei der Festnahme im Muti-Fall ein T\u00e4ter entkommen. Eventuell k\u00f6nnte es sich sogar um den Tokoloshe handeln, ein geheimnisvolles (Fabel-)Wesen, das, aus Afrika entwischt, nur Ungl\u00fcck bringt. Und das Caffery bereits w\u00e4hrend der letzten Ermittlungen zu verfolgen schien. Wen also wundert\u2019s, dass der Inspector sich so wenig Gedanken um die verschwundene Fu\u00dfballergespielin machen will. Lieber sucht er einen vielleicht gar nicht so immateriellen Geist und ermittelt auf eigene Faust ziemlich ins Blaue hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>Da gibt es n\u00e4mlich einen Selbstm\u00f6rder, dem Haare abgeschnitten wurden. Dieses Vorgehen erinnert an den Muti-Fall, denn schlie\u00dflich wird Haaren eine magische Kraft zugesprochen. Es gibt aber auch noch andere Leichen. Und Caffery nimmt sich eine Woche Auszeit, um sich zu fragen, ob die gefundenen toten Frauen tats\u00e4chlich Selbstmord begingen? Ob ihnen eventuell auch Haare abgeschnitten wurden? Und wenn ja, warum und von wem?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrenddessen taucht Flea Marley, die Leiterin der Unterwasser-Sucheinheit, auch weiterhin gegen alle Vorschriften bis hinab zum Tiefenrausch, der bekanntlich lebensgef\u00e4hrlich ist. Kaum hat sie wieder festen Boden unter den F\u00fc\u00dfen, findet sie eine Leiche im Kofferraum ihres Autos. Und die Tote ist ausgerechnet die von der Polizei so dringend gesuchte Fu\u00dfballergattin. Erst vor wenigen Tagen hatte Flea ihrem labilen Bruder Thom den Wagen geliehen. Anscheinend ist der nicht nur im betrunkenen Zustand durch eine Polizeikontrolle gerast, sondern hat ihr auch noch den Wagen samt Leiche in die Garage gestellt. Das ist aus vielerlei Gr\u00fcnden schlimm, vor allem da Flea glaubt, ihren Bruder sch\u00fctzen zu m\u00fcssen. Perfide Spielchen nehmen ihren Lauf, und Flea schmiedet einen wirklich schlechten Plan. Als dann auch noch eine erpresserische, trunks\u00fcchtige Tiersch\u00fctzerin mit pr\u00e4zis ausgerichtetem Fernrohr auftaucht, scheinen all ihre Bem\u00fchungen, den eigenen sowie den Kopf ihres Bruders aus der Schlinge zu ziehen, kl\u00e4glich zu scheitern.<\/p>\n\n\n\n<p>Caffery ermittelt mittlerweile ein wenig. Zuweilen trifft er auf Flea, deren Reizen er nur schwerlich widerstehen kann, verfolgt Spuren, die ihn u. a. zu exquisitem Sex-Spielzeug f\u00fchren, und r\u00e4tselt, ob jemand, der so viel Spa\u00df am Leben hatte und nebenbei noch seine Mitmenschen erpresste, Selbstmord begehen w\u00fcrde?<\/p>\n\n\n\n<p>Gelegentlich trifft Caffery den Walking Man, dem er sich auf (gar nicht so) sonderbare Weise verbunden f\u00fchlt. Zumal dieser fast mythische Walking Man ihm ebenso wortkarg wie weise das Gewissen bespricht. Ach, letztlich &#8211; das l\u00e4uft irgendwo im Nebenprogramm &#8211; trifft der Inspector auch noch auf einen M\u00f6rder, der titelgebend auf \u201cHaut\u201d fokussiert ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Angst, (Aber-)Glaube, Verantwortung und B\u00fcndnisse, die aus Not geschlossen werden, sind die tragenden Motive des Textes. Weil aber nicht immer alles passen will, verrenkt sich die Autorin hartn\u00e4ckig, um ihren Plot auf- und ineinander gest\u00f6pselt zu bekommen. Dass dabei alle Logik auf der Strecke bleibt und die Spannung vollends im Pers\u00f6nlichkeits-Gewusel abhanden kommt, ist bedauerlich. <em>Haut<\/em> vertappt sich da v\u00f6llig in der un\u00fcbersichtlichen D\u00fcsternis des Hayder\u2019schen Albtraum-Labors.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Mo Hayder: Haut. <br \/>Goldmann, 2009 <br \/>(Skin. 2009. Deutsch von Rainer Schmidt). <br \/>384 Seiten. 19,95 Euro.<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Anna Veronica Wutschel, unsere Spezialistin f\u00fcr sinnstiftende literarische Selbsttherapien schreibender Frauen und gelegentlich auch M\u00e4nner, hat sich durch Mo Hayders &#8222;Haut&#8220; gelesen, um unter all dem Blut und den Tr\u00e4nen und dem Angstschwei\u00df das zu finden, was man von Krimis gemeinhin erwartet: ein bissel Spannung, die nicht gleich mit der dramaturgischen Pumpgun zwischen die Buchdeckel [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-21851","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21851","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21851"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21851\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21851"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21851"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21851"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}