{"id":21856,"date":"2010-02-08T08:25:39","date_gmt":"2010-02-08T08:25:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/02\/von-spannern-mistkerlchen-und-anderen-autoren\/"},"modified":"2022-06-13T15:23:39","modified_gmt":"2022-06-13T13:23:39","slug":"von-spannern-mistkerlchen-und-anderen-autoren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/02\/von-spannern-mistkerlchen-und-anderen-autoren\/","title":{"rendered":"Von Spannern, Mistkerlchen und anderen Autoren"},"content":{"rendered":"\n<p>Guido Westerwelle hat einen wunderbaren Krimi geschrieben (wir stellen uns das mal vor, obwohl es schwerf\u00e4llt). W\u00fcrden Sie deshalb in Zukunft FDP w\u00e4hlen? Oder, weil Ihnen der Mensch Westerwelle v\u00f6llig unsympathisch ist, seinen Krimi \u00fcberhaupt gar nicht lesen? Hypothetische Fragen. Aber im Kern doch solche, die unser Leseverhalten entscheidend pr\u00e4gen k\u00f6nnen. Denn hinter jedem Text steckt eine Person, und manchmal steckt sie im Text selbst. Was uns f\u00fcr gew\u00f6hnlich nicht interessiert, es sei denn, wir glauben diese Person zu kennen. James Ellroy zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ellroy macht es einem nicht schwer. Er ist ein arrogantes, gr\u00f6\u00dfenwahnsinniges Arschloch, ein Muhammad Ali der Kriminalliteratur, blo\u00df nicht so witzig, ein wahlweise Angeber oder Psychopath, obsessiv, nervig, anma\u00dfend. Das alles jedenfalls in der Selbst- und Fremddarstellung. Nun geb ich gerne zu, dass ich arrogante Arschl\u00f6cher ganz gerne mag. Sie sind mir jedenfalls lieber als die furchtbar Mediokren, die plakativ Bescheidenen, das Reissbrettgesox, hinter dessen Nicht-Attit\u00fcden eine Art &#8222;mediales Konzept&#8220; lauert. Doch, ich mag das. Aber nur wenn dieser autobiografischen Gro\u00dfkotzigkeit ad\u00e4quate literarische Taten folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man ahnt es aber: So einfach ist es nun doch nicht. Reden wir gar nicht \u00fcber die oft gemutma\u00dfte Kongruenz von Autor und Protagonist (das hei\u00dft: reden wir doch, aber sp\u00e4ter), reden wir zun\u00e4chst \u00fcber den Autor als empirisches Wesen. Was wissen wir von ihm au\u00dfer den Lebenslauf-Eckdaten? Die Antwort: nichts. Autoren sind, wie viele andere Menschen auch, Inszenierungen, aber eben besondere Inszenierungen. Sie stehen zwischen der anonymen Empirie und dem \u00f6ffentlichen Werk, f\u00fcr das sie unabdingbar sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgefallen ist mir das vor vielen Jahren, als ich mich mit dem Werk Arno Schmidts besch\u00e4ftigte, dem deutschen Musterbeispiel f\u00fcr dieses merkw\u00fcrdige Konstrukt. Schmidt, f\u00fcr alle, die es nicht wissen, hat in seinen Texten so explizit damit kokettiert, er sei mit seinem Ich-Protagonisten identisch, dass sich die Forschung mit Vehemenz darauf st\u00fcrzte und fortan munter den Menschen, den Autor und den Ich-Erz\u00e4hler miteinander vermengte. Mit teilweise bizarren Ergebnissen. Wem der scheue Autor im wirklichen Leben einmal begegnet war, schilderte ihn als schulmeisterlich, abweisend, politisch eher konservativ \u2013 und fand sich im Werk best\u00e4tigt. Auf die Idee, dass es genau andersrum sein k\u00f6nnte, die Charakteristika des Ich-Erz\u00e4hlers das Bild des &#8222;empirischen Arno Schmidt&#8220; bestimmte, kamen nur wenige. Da ich mich damals auch intensiv mit Schmidt besch\u00e4ftigte, habe ich mir ein eigenes Muster erarbeitet, um die Zusammenh\u00e4nge in den Griff zu bekommen. Es gibt ein empirisches Ich, das ein Autor-Ich inszeniert und \u00fcber diese Schaltstation Teile dieses empirischen Ich in die Texte transportiert. Man kann es sich wirklich wie eine Maschine vorstellen, jedoch mit der Einschr\u00e4nkung, dass dieser Transportweg nicht mehr zur\u00fcckzuverfolgen ist. Ich kann also vom Ich-Erz\u00e4hler nur bedingt auf die Autorinszenierung und \u00fcberhaupt nicht auf den empirischen Menschen schlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses System war weder perfekt noch auf Dauer tragf\u00e4hig. Dennoch halte ich es im Prinzip f\u00fcr hilfreich, weil es uns die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet, unser Verst\u00e4ndnis von Literatur von etlichen Vorurteilen, die wir dem Autor gegen\u00fcber hegen k\u00f6nnten, zu entkoppeln und wenigstens im Ansatz zu verstehen, warum Egomanie und Arroganz zur Autorschaft geh\u00f6ren. Nicht bei allen, aber bei vielen. Ellroy steht hier pars pro toto, ein offensichtlicher und klarer Fall.<\/p>\n\n\n\n<p>In &#8222;Blut muss flie\u00dfen&#8220; begegnen wir Donald Crutchfield, kurz Crutch genannt. Lange Zeit ordnen wir ihn, was die Bedeutung seiner Funktion innerhalb des Textes betrifft, eher im Mittelfeld ein, unter den Hauptfiguren, ein zwar wichtiges, aber f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Buches nicht ganz so bedeutendes Bindeglied, einer, durch den die Handlung vorangetrieben wird, das ja, mehr nicht. Je weiter wir lesen, desto klarer wird indes: ein Irrtum. Crutch ist DIE Hauptfigur.<\/p>\n\n\n\n<p>Was erfahren wir \u00fcber ihn? Er ist Anfang, Mitte Zwanzig, man nennt ihn &#8222;Mistkerlchen&#8220;, &#8222;Spanner&#8220; \u2013 und das aus gutem Grund. Er beobachtet Frauen aus der Distanz und hat den f\u00fcr seine Obsession idealen Beruf als Detektivgehilfe, der untreue Ehem\u00e4nner und \u2013frauen mittels allerlei \u00dcberwachungstechniken \u00fcberf\u00fchrt. Crutch ist ein K\u00fcnstler der Recherche, davon besessen. Was ihn interessiert sind \u00e4ltere Frauen, er m\u00f6chte alles \u00fcber sie wissen und stolpert dabei in die eigentliche Handlung des Buches, einen wahren Abgrund von Komplott und organisiertem Verbrechen. Crutch steht einigemale davor, vom Erdboden vertilgt zu werden wie eine l\u00e4stige Laus, der Leser sagt ihm kein langes Leben voraus &#8211; und t\u00e4uscht sich auch darin gewaltig. W\u00e4hrend der Autor Ellroy nach und nach und sehr gen\u00fcsslich sein Personentableau leerr\u00e4umt, h\u00e4lt sich Crutch \u00fcber Wasser, und am Ende wird klar, warum das so sein muss. Donald Crutchfield n\u00e4mlich, Mistk\u00e4ferchen und Spanner, ist nicht nur die Hauptfigur des Romans, er ist auch ihr Autor. Er ist James Ellroy selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Daran jedenfalls l\u00e4sst Ellroy keinen Zweifel, und auf den letzten Seiten bekennt er sich offen dazu. Ellroy hat diverse Male betont, wie besessen er von Frauen sei, kaum ein Interview, das dieses Detail aussparte. Das korrespondiert mit Crutchs Spannertum, das wiederum darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, dass ihn seine Mutter fr\u00fch verlassen hat und sich jetzt nur noch zu Weihnachen mit einer Karte und einem F\u00fcnfdollarschein aus allen m\u00f6glichen Gegenden der USA meldet. Auch hier deutlich erkennbare Verbindungen zu Ellroys Autobiografie, der Ermordung der Mutter, was eine sehr brutale Form des Verlassenwerdens ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie beinahe alle Personen in &#8222;Blut will flie\u00dfen&#8220;, wird Crutch als vollst\u00e4ndig zerrissener Mensch dargestellt. Auch seine Fixiertheit auf \u00e4ltere Frauen bleibt davon nicht ausgenommen. Was sich als eine besondere Form der Verehrung erkennen lie\u00dfe (Crutch tritt diesen Frauen niemals zu nahe, er bel\u00e4stigt sie nicht, er zeigt ihnen diskret seine Bewunderung), l\u00e4sst sich auch als eine besondere Form der Missachtung deuten. F\u00fcr Crutch sind diese Frauen Fetisch, Zielpunkt einer verqueren Sexualit\u00e4t, Objekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Crutch ist, wie gesagt, ein begnadeter Rechercheur, und Recherche bedeutet hier: Er zeichnet Leben nach, aus Fakten und Vermutungen, bis am Ende die Fakten \u00fcberwiegen, die gesuchte Person gefunden. Genau das macht ein Autor. Er sucht und findet sein Personal, es konturiert sich allm\u00e4hlich. Und Crutch ist, wie es auch ein Autor sein sollte, Herr des Geschehens. Die Geschichte ist ihm untertan, nur er hat die Macht, alle R\u00e4tsel zu l\u00f6sen oder, wenn es ihm beliebt, sie niemals enden zu lassen. Manchmal kokettiert Crutch, der Autor geradezu mit seiner Allmacht, etwa wenn er sein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Roman vermittels Kopfschuss dadurch verhindert, dass der vorgesehene Exekutor pl\u00f6tzlich Gefallen an seinem Opfer findet und es leben l\u00e4sst. Auch das h\u00e4ufig bem\u00e4ngelte Ende des Romans, der noch einmal alle F\u00e4den aufnimmt und auf wenig kunstvolle, geradezu hektische Art entwirrt, zeigt noch einmal diese Macht. Seht her, sagt Ellroy, ICH entscheide.<\/p>\n\n\n\n<p>In Crutch, dem Mistkerlchen, offenbart sich die Selbststilisierung des Autors Ellroy, das Obsessive, nicht selten schlicht und ergreifend Ekelhafte eines Charakters, von dem wir indes nicht wissen, ob hier tats\u00e4chlich der empirische Ellroy als Kunstform zu besichtigen ist. Ich habe damals am Beispiel Schmidt die gegenteilige Mutma\u00dfung ge\u00e4u\u00dfert. F\u00fcr mich hat letztenendes der empirische Autor Arno Schmidt nicht via Autor-Ich den fiktiven Schmidt geformt, sondern genau umgekehrt. Der Mensch hat sich seiner Figur angepasst. Ob das bei Ellroy \u00e4hnlich gelaufen ist, wei\u00df ich nicht. Dass der AUTOR Ellroy, wie er sich als Crutch portr\u00e4tiert, ein Wesen sein muss, das seine St\u00e4rke, seinen Schaffenswillen aus v\u00f6lligem Desolatsein sch\u00f6pft, erscheint mir aber logisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das Buch selbst? Nun, ich habe schon einiges an ihm auszusetzen. Baldigst nachzulesen in diesem Rezensententheater.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Guido Westerwelle hat einen wunderbaren Krimi geschrieben (wir stellen uns das mal vor, obwohl es schwerf\u00e4llt). W\u00fcrden Sie deshalb in Zukunft FDP w\u00e4hlen? Oder, weil Ihnen der Mensch Westerwelle v\u00f6llig unsympathisch ist, seinen Krimi \u00fcberhaupt gar nicht lesen? Hypothetische Fragen. Aber im Kern doch solche, die unser Leseverhalten entscheidend pr\u00e4gen k\u00f6nnen. 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