{"id":21857,"date":"2010-02-10T09:19:29","date_gmt":"2010-02-10T09:19:29","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/02\/james-ellroy-blut-will-fliessen\/"},"modified":"2022-06-17T23:40:37","modified_gmt":"2022-06-17T21:40:37","slug":"james-ellroy-blut-will-fliessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/02\/james-ellroy-blut-will-fliessen\/","title":{"rendered":"James Ellroy: Blut will flie\u00dfen"},"content":{"rendered":"\n<p>Es gibt nur wenige dickleibige B\u00fccher, die ich von der ersten bis zur letzten Seite mit der Inbrunst eines unrettbar Gefangenen lese. Irgendwann kommt der Moment der Redundanz, was kaum anders sein kann, und ich warte f\u00f6rmlich darauf \u2013 und auch darauf, wie es dem Autor gelingt, diesen Moment zu \u00fcberwinden. &#8222;Blut will flie\u00dfen&#8220;, abschlie\u00dfender Band von James Ellroys Amerika-Trilogie (nach &#8222;Ein amerikanischer Thriller&#8220; und &#8222;Ein amerikanischer Albtraum&#8220;), geh\u00f6rt bei aller Kunstfertigkeit nicht zu den B\u00fcchern, bei denen ich mir nach Seite 500 noch \u00dcberraschungen erhoffe. Wobei Redundanz nichts Negatives per se sein muss. Und Ellroy selbst in der Redundanz das Gehirn des Lesers noch zu gesch\u00e4ftigen weiss.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es beginnt schon mit dem historischen Bogen, den Ellroy in &#8222;Blut will flie\u00dfen&#8220; schl\u00e4gt. Dass seine Aufarbeitung der amerikanischen Jahre zwischen 1968 und 1972 als eine rasante Mischung aus \u00dcberzeichnungen, Mythen und sonstigen Verschw\u00f6rungstheorien daherkommen w\u00fcrde, war zu erwarten. Und man glaubt ihm sofort. Vom Mord an Robert Kennedy (mit Reminiszenzen an den Tod seines Bruders John) und Martin Luther King \u00fcber die Bek\u00e4mpfung schwarzer Militanz bis zum Versuch des organisierten Verbrechens, sich der Dominikanischen Republik als Kubaersatz zu bem\u00e4chtigen \u2013 alles taucht auf (merkw\u00fcrdigerweise Vietnam nur am Rande), historische Gestalten wie J. Edgar Hoover, Howard Hughes oder Richard Nixon in all ihrer Verformtheit desgleichen. Eine sinistre Paranoia-Maschine, die Weltgeschichte ausspuckt, dazwischen die Story des \u00dcberfalls auf einen Geldtransporter, bei dem u.a. Smaragde gestohlen wurden, und nat\u00fcrlich h\u00e4ngt auch dieses Verbrechen mit dem Gro\u00dfen-Ganzen zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie gesagt: Man glaubt das alles sofort. Nun m\u00f6chte ich meine Lesezeit aber nicht mit st\u00e4ndigem Nicken verbringen und erwarte mehr. Der historische \u00dcberbau als Plateau, von dem man sich tief in menschliche Verwerfungen fallen lassen kann, die letztlich Ursache und Konsequenz des Gesellschaftlichen sind. Und hier hat Ellroy einiges aufgefahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir Wayne Tedrow Jr., einen begnadeten Chemiker, der zugleich Spitzel, Strohmann der Mafia, Rassist,Vaterm\u00f6rder und noch einiges mehr in einer Person ist. Oder Dwight Holly, FBI-Agent, Killer, Rassist, Liebender, Denker und Kriecher. Er hat seit Jahren ein Verh\u00e4ltnis mit Karen Sifakis, Unidozentin und bekennende Linke, aber explizit gewaltfrei. Sie wiederum kennt die mythische Hauptfigur des Buches, Joan Rosen Klein, ebenfalls links, aber mit terroristischen \u00dcberzeugungen. Mit ihr wird Holly ebenfalls ein Verh\u00e4ltnis beginnen. Wichtig auch noch der korrupte Polizist Scotty Bennett, seit Jahren mit einer Obsession f\u00fcr den Smaragdfall, sein Kollege, der schwarze und schwule Marshall Bowen, karrieregeil und smart, als Undercover-Agent t\u00e4tig. Und nat\u00fcrlich Donald &#8222;Crutch&#8220; Crutchfield, Spanner und Rechercheur, eine Figur, die man anfangs eher am Rande platziert, bis man \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2010\/02\/von-spannern-mistkerlchen-und-anderen-autoren.php\">den gro\u00dfen Irrtum<\/a> erkennt. Schweigen wir ganz von all den anderen Figuren, die Ellroys Roman bev\u00f6lkern und in immer neuen Volten vorantreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesem Figurentableau wuchert der Text, Ellroy knetet sein Personal in alle denkbaren Formen und nimmt es nach eigenem Belieben abrupt aus dem Spiel. Rassisten werden zu Antirassisten, FBI-Killer r\u00e4sonnieren \u00fcber Schuld und S\u00fchne \u2013 es ist ein st\u00e4ndiges Sich-Camouflieren, ein Ver- und Entpuppen, bis einem s\u00e4mtliche Sinne verkleben. Klar konturieren durch das Verwischen der Konturen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jede dieser Figuren tr\u00e4gt den eigenen Feind in sich, und der daraus resultierende Selbsthass mutiert zum eigentlichen Antrieb dieser wahrlich blutgetr\u00e4nkten Geschichte, die dennoch auch immer Liebesgeschichte ist. Das alles \u00fcberzeugt als Konzept, ist originell, \u00fcberzeugend, schwappt jedoch in praxi \u00fcber s\u00e4mtliche Ufer. Alle Hauptpersonen sind nach diesem einen Muster gezeichnet, was \u00fcber knapp 800 Seiten ein wenig erm\u00fcdet und geradewegs zur eingangs erw\u00e4hnten Redundanz f\u00fchrt. Wer das Bauprinzip einmal begriffen hat, liest sich fortan durch einen sehr wohl spannenden, letztlich aber \u00fcberraschungsarmen Roman.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die dramaturgische Komposition \u00e4ndert sich nicht. Ellroy erz\u00e4hlt wie bekannt atem- und schn\u00f6rkellos, verwendet &#8222;Dokumenteneinsch\u00fcbe&#8220; (Tageb\u00fccher, Aktenvermerke, Presseberichte), wobei es ihm durchaus gelingt, das Ganze auch stilistisch und perspektiv zu differenzieren (und dem \u00dcbersetzer Stephen Tree gelingt es, dies ins Deutsche zu transponieren).<\/p>\n\n\n\n<p>Problematisch auch der Schluss. Er wirkt beinahe wie eine Parodie auf die gel\u00e4ufigen &#8222;Alles muss aufgekl\u00e4rt werden&#8220;-Krimis. Was an sich Sinn ergibt, so es ironisch gemeint ist (was bei Ellroy nicht ausgeschlossen, aber bezweifelt werden darf). Die im Grunde nicht beherrschbare Geschichte (im literarischen wie historischen Sinne) wird beherrschbar gemacht, es wird Sinn suggeriert, wo doch kein Sinn erkennbar sein kann. So endet alles in quasi offizi\u00f6ser und gegl\u00e4tteter Geschichtsschreibung.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: &#8222;Blut will flie\u00dfen&#8220; ist ein mehr als lesenswertes Buch, das bei gr\u00f6\u00dferer Konzentration und Variation noch deutlich an Wert h\u00e4tte gewinnen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">James Ellroy: Blut will flie\u00dfen. <br \/>Ullstein 2010 <br \/>(Blood's a Rover, 2009. Deutsch von Stephen Tree). <br \/>783 Seiten. 24,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt nur wenige dickleibige B\u00fccher, die ich von der ersten bis zur letzten Seite mit der Inbrunst eines unrettbar Gefangenen lese. 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