{"id":21858,"date":"2010-02-11T10:43:48","date_gmt":"2010-02-11T10:43:48","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/02\/nelson-demille-das-vermaechtnis\/"},"modified":"2024-09-21T05:15:58","modified_gmt":"2024-09-21T03:15:58","slug":"nelson-demille-das-vermaechtnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/02\/nelson-demille-das-vermaechtnis\/","title":{"rendered":"Nelson DeMille: Das Verm\u00e4chtnis"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Nicht nur dpr hat sich in letzter Zeit die selbige mit dicken W\u00e4lzern vertrieben. Auch <\/em><em>Anna Veronica Wutschel<\/em> begab sich auf die gewundenen Pfade eines Gesellschaftspanoramas. Und diese l\u00e4ngere Exkursion hat ihr durchaus gefallen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Den gepflegten dreifachen Scotch kippen und etwas v\u00f6llig Verr\u00fccktes anstellen: Mit einer sch\u00f6nen Frau zu tief ins Glas schauen und leidenschaftlich werden, sich wenige Stunden sp\u00e4ter mit der ehebrecherisch-m\u00f6rderischen Ex-Gattin vers\u00f6hnen, mit dem FBI feilschen und der Mafia anb\u00e4ndeln, obwohl oder gerade weil diese auf t\u00f6dliche Vendetta sinnt\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Nelson DeMille hat mit <em>Das Verm\u00e4chtnis<\/em> einen furiosen Gesellschafts-Thriller aufs Papier gebracht. Ein wenig scheint es, als tr\u00e4fen die Sopranos auf Desperate Housewives an der Gold Coast von Long Island, eben dort wo sich seit Jahrzehnten Macht, Reichtum und Standesd\u00fcnkel tummeln. Zwar sind die glanzvollsten Tage auch an der goldenen K\u00fcste l\u00e4ngst vor\u00fcber, doch steht das Standesbewusstsein bei den Alteingesessenen immer noch hoch im Kurs. Nat\u00fcrlich, gern w\u00e4re man unter sich geblieben, aber erst infiltrierte ein Mafioso die Nachbarschaft, nun lebt ein extrem wohlhabender Iraner im Herrenhaus, w\u00e4hrend sich die Erben des Geldadels mit dem G\u00e4stehaus zufrieden geben m\u00fcssen, der illustre, wenn auch nur eingeheiratete Nachfahre eines Walt Whitman gar im Pf\u00f6rtnerhaus bei den Bediensteten um Unterschlupf bitten muss.<\/p>\n\n\n\n<p>In die Verderbtheiten eines kr\u00e4nkelnden, sich aber immer wieder kriminell neu formierenden Milieus bef\u00f6rdert DeMill seinen Protagonisten John Whitman Sutter. Und der ist mit seinem scharfen Zynismus trotz einiger selbstverliebter Langatmigkeiten der perfekte Gastgeber \u00fcber knapp 900 Seiten. Grandios schlingelt sich der b\u00f6s-charmante Schelm mehr recht als schlecht durch die feine Gesellschaft, die T\u00fccken der Mafia, durch eine Gegenwart, die von einer dramatischen Vergangenheit verschattet bleibt, und h\u00e4lt allen Widrigkeiten zum Trotz an der Liebe fest.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor Jahren (<em>Das Verm\u00e4chtnis<\/em> kn\u00fcpft inhaltlich direkt an den bereits 1990 verfassten Bestseller <em>In der K\u00e4lte der Nacht<\/em> an) hatte Sutter sich auf ein heimt\u00fcckisches Spiel mit seinem damals neuen Nachbarn, dem Mafia-Don Bellarosa, eingelassen: Risiko und Nervenkitzel sowie viel Geld lockten. Vor allem erstere schlugen im \u00dcberfluss zur\u00fcck, denn sp\u00e4testens als auf den Mafioso geschossen wurde und Sutter ihm in letzter Sekunde das Leben rettete, schien der Dramatik genug. Dann jedoch ging Sutters Ehefrau Susan ein st\u00fcrmisches Verh\u00e4ltnis mit Bellarosa ein, das FBI lie\u00df den Don hochgehen, und als Susan sich betrogen f\u00fchlte, erschoss sie ihren Lover ebenso leidenschaftlich wie kompromisslos. Seltsamerweise wurde die gesellschaftlich angesehene Lady Susan Stanhope f\u00fcr diesen Mord niemals belangt, das Leben allerdings nahm eine Kehrtwende, und la dolce vita schien in Trug und Mord versunken.<\/p>\n\n\n\n<p>Zehn Jahre sp\u00e4ter nun kehrt Sutter wegen einer Nachlass-Angelegenheit nach Long Island zur\u00fcck, nachdem ihn die Flucht vor den schmerzlichen Ereignissen, vor dem gesellschaftlichen Skandal \u00fcber einen mehrj\u00e4hrigen Segelt\u00f6rn nach London verschlagen hatte. Zwar hat sich w\u00e4hrend der Abwesenheit des einst renommierten Anwalts viel ver\u00e4ndert, doch ist die Oberfl\u00e4che tr\u00fcgerisch, und nur allzu bald scheinen die Z\u00fcgel der Vergangenheit ganz m\u00f6rderisch die Gegenwart zu lenken.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4ssliche Familien-Querelen, \u00fcberaus knickerige oder vom Staat bereits wegen krimineller Aktivit\u00e4ten von ihren Millionen entlastete Vorfahren bereiten \u00c4rger. Doch wer die Zukunft plant, muss auch an die Familienehre denken und sieht sich zuweilen gezwungen, offene Rechnungen zu begleichen. Wer dann schlussendlich auf wessen Abschussliste landet, bleibt lange unklar. Sp\u00e4testens als (der \u00fcbrigens ganz reale) Mafia-Boss John Gotti stirbt, brechen m\u00f6rderische K\u00e4mpfe um die neu zu sortierende Vorherrschaft aus. Und aus nahe liegenden Motiven k\u00f6nnte auch das frisch und derweil wieder gl\u00fccklich vereinte Sutter-P\u00e4rchen in einer allzu verst\u00e4ndlichen Vendetta-Geste umgenietet werden. Das Sicherheitsbed\u00fcrfnis steigt enorm und f\u00fchrt zu erheblichen gesellschaftlichen Unbequemlichkeiten. Sutter, der angriffslustige Snob, wei\u00df um die sch\u00f6ne Vergangenheit. Allerdings wei\u00df er auch um ihre t\u00f6dlichen Verstrickungen. Doch kann er verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt?<\/p>\n\n\n\n<p>Nelson DeMille j\u00e4tet und erntet reichlich aus dem Wildwuchs der feinen und feineren Gesellschaft. Mit einem sehr gradlinig doch clever gesponnenen, sich langsam entwickelnden Plot, mit gekonnt boshaften Dialogen, die mit hinterh\u00e4ltig breit gebauten, best\u00e4ndig wieder eingerissenen Br\u00fccken den Figuren wie ihren Welt- und Wertvorstellungen scharf zu Leibe r\u00fccken, blickt DeMille auf alle Lasterhaftigkeiten hinter der Etikette. Dort st\u00f6\u00dft er auf eine Welt voll Canoli und Spaghetti, voller vorgezogener und ausgedehnter Cocktail-Stunden, in der Erpressung zum guten Ton geh\u00f6rt und Mord aus Leidenschaft eine fast entschuldbare, zumindest verst\u00e4ndliche &#8211; wenn auch t\u00f6dliche &#8211; Straftat ist. <em>Das Verm\u00e4chtnis<\/em> ist ein sich in seinem verschlagen l\u00e4ssig blasierten Erz\u00e4hlton nie verfummelnder, schwer kluger, vor allem aber h\u00f6chst am\u00fcsanter W\u00e4lzer.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu einem kleinen Rundgang durch die Gold-Coast-Herrenhaus-Kulisse l\u00e4dt der Autor \u2192<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=uLSL0V8X5MI\">hier<\/a> ein. DeMille erw\u00e4gt sogar ein weiteres Wiedersehen mit den Sutters in einem dritten Roman. Aber gern doch.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Nelson DeMille: Das Verm\u00e4chtnis. <br \/>Hoffmann und Campe, 2009 <br \/>(The Gate House. 2008. Deutsch von Georg Schmidt). <br \/>864 Seiten. 24,00 Euro.<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht nur dpr hat sich in letzter Zeit die selbige mit dicken W\u00e4lzern vertrieben. Auch Anna Veronica Wutschel begab sich auf die gewundenen Pfade eines Gesellschaftspanoramas. 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