{"id":21859,"date":"2010-02-15T08:23:41","date_gmt":"2010-02-15T08:23:41","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/02\/vom-stehlen\/"},"modified":"2022-06-16T04:41:52","modified_gmt":"2022-06-16T02:41:52","slug":"vom-stehlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/02\/vom-stehlen\/","title":{"rendered":"Vom Stehlen"},"content":{"rendered":"\n<p>Reden wir nicht \u00fcber den neuesten Literaturwunderm\u00e4di-Hype, nicht \u00fcber Copyright und feuilletonistische Verblasenheit. Auch nicht \u00fcber Jens Lindner und den Piper-Verlag, \u00fcber \u2192<a href=\"http:\/\/www.buchmarkt.de\/content\/41462-jens-lindner-zu-seinem-plagiat.htm\">Zerknirschtheit und Blamage<\/a>. So tickt diese Wahnsinnsszene nun einmal, so tickte sie schon immer. Nein, reden wir \u00fcber den allt\u00e4glichen Diebstahl, ohne den Literatur undenkbar w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Denn geklaut wird pausenlos, man nennt es lernen. Wenn ich mir den Satz des Pythagoras aneigne und sp\u00e4ter daraus den Satz des dpr entwickle (keine Sorge, wird nicht vorkommen), stehe ich auf den Schultern eines Riesen. Dagegen wird niemand etwas einwenden k\u00f6nnen. Auch in der Kriminalliteratur heben wir unsere K\u00f6pfchen nur deshalb aus dem Morast, weil wir andere tief in den selben dr\u00fccken. Nat\u00fcrlich tun wir nicht das, was Herr Lindner &#8222;sich inspirieren lassen&#8220; nennt. Und wir lassen uns auch nicht wie er davon beruhigen, dass Brecht, Mann und, man staune, Goethe es ja auch taten, das Klauen. Nein, dazu verstehen wir leider nicht wenig genug von Literatur. Uns ist eh klar, dass die meisten S\u00e4tze schon jemand vor uns geschrieben hat. &#8222;Als ich ins Freie trat, begann es zu regnen&#8220; d\u00fcrfte man mir, sollte ich je so formulieren, kaum als Plagiat vorwerfen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Diebstahl, von dem wir hier sprechen, hat auch nichts mit W\u00f6rtern, Worten und S\u00e4tzen zu tun, denn Kriminalliteratur besteht auch aus Plots, Personen und Dramaturgie, einem gewissen Erz\u00e4hlduktus und gelegentlich sogar &#8211; man munkelt es jedenfalls &#8211; aus dem Versuch, die Einzelteile zu einem Ganzen zu f\u00fcgen. Und betrachtet man sich das, st\u00f6sst man allenthalben auf Diebstahl, zumeist begangen aus purer Gedanken- und Sorglosigkeit, aus einem kindlichen Glauben an &#8222;Genreregeln&#8220; und Marktg\u00e4ngigkeit heraus, wof\u00fcr ALLE verantwortlich sind: der drittklassige Autor, der zu Profitmaximierung verdammte Verlag, einige eher brunzdumme Kritiker und selbstverst\u00e4ndlich auch das gen\u00fcgsame zahlende Publikum.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den zehn, f\u00fcnfzehn B\u00fcchern, in die ich 2010 bisher reingelesen habe, waren wenigstens acht Plagiate. Was wurde da alles geklaut! Protagonisten mit mehr D\u00e4monen in der Seele als H\u00e4morrhoiden am Hintern, Spannungsb\u00f6gen, von denen man bereits, wenn sie anfangen sich \u00fcber die Handlung zu spannen, weiss, in welcher Sierra der Gemeinpl\u00e4tze sie am Ende landen werden. Eine Sprache, die schon abgedroschen war, als der erste Neanderthaler die Schnauze aufmachte, &#8222;Gesellschaftskritik&#8220; von einer Borniertheit, dass selbst Herr Westerwelle f\u00fcr eine Sekunde an seinen gesunden Menschenverstand appellieren w\u00fcrde&#8230; und so weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist das nichts Neues, und neu ist auch nicht, dass gerade sogenannte &#8222;Genreliteratur&#8220; unter diesem st\u00e4ndigen Sich-Beklauen leidet und kein Bundeskrimiverfassungsgericht dieses permanente Mi\u00dfachten der Lesermenschenw\u00fcrde gei\u00dfelt. Dabei gibt es doch gen\u00fcgend Gesetze, die das Genre ma\u00dfregeln, aber sie drohen nicht etwa mit Strafe bei Diebstahl, sondern sanktionieren diesen noch, verlangen nach ihm. Da aber dort, wo kein Kl\u00e4ger ist auch keine Klage sein kann, f\u00fchlt sich die \u00fcbliche Nahrungskette Autor \u2013 Verlag \u2013 Kritiker \u2013 Lesepublikum nur dann d\u00fcpiert, wenn\u2019s einer wie der Herr Lindner zu arg treibt und leider dabei auff\u00e4llt. Ansonsten giert man nach dem 1000. Schwedenkrimi aus fremden Versatzst\u00fccken, dem 2000. Pulp, bei dem selbst die Covergestaltung geklaut ist, dem 3000. Regionalkrimi, bei dem man Berchtesgaden nur durch Sylt und die Berge durch das Meer ersetzen muss, dem 100.000 R\u00e4tselkrimi, f\u00fcr den man Conan Doyle und Agatha Christie Tantiemen als Schmerzensgeld bezahlen m\u00fcsste, dem millionsten bauchnabelbetrachtenden Gr\u00fcbelprotagonisten&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Na ja, was rede ich hier eigentlich. Erstaunlicherweise entwickelt sich selbst die Kriminalliteratur weiter, aus all dem geistigen Leerlauf heraus, von intelligenten Dieben inszeniert, von intelligenten Lesern erkannt, von intelligenten Kritikern desgleichen. Es gibt also weiterhin Hoffnung, und das beste Mittel gegen diese Form des Diebstahls ist noch immer, ihn einfach zu ignorieren und die Diebe allesamt auf ihrer b\u00f6sen Tat sitzen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reden wir nicht \u00fcber den neuesten Literaturwunderm\u00e4di-Hype, nicht \u00fcber Copyright und feuilletonistische Verblasenheit. Auch nicht \u00fcber Jens Lindner und den Piper-Verlag, \u00fcber \u2192Zerknirschtheit und Blamage. So tickt diese Wahnsinnsszene nun einmal, so tickte sie schon immer. 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