{"id":21866,"date":"2010-02-26T08:31:17","date_gmt":"2010-02-26T08:31:17","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/02\/patrick-pecherot-nebel-am-montmartre\/"},"modified":"2022-06-07T17:29:44","modified_gmt":"2022-06-07T15:29:44","slug":"patrick-pecherot-nebel-am-montmartre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/02\/patrick-pecherot-nebel-am-montmartre\/","title":{"rendered":"Patrick P\u00e9cherot: Nebel am Montmartre"},"content":{"rendered":"\n<p>Hat die krimiliterarische Welt wirklich auf einen Roman gewartet, der nicht von L\u00e9o Malet stammt, aber uns dennoch mit den Abenteuern seines Helden Nestor Burma kommt? Wahrscheinlich nicht. Aber auf das meiste hat diese Welt nicht gewartet und dann dankbar angenommen&#8230;<br \/>Dabei ist es so naheliegend. Schlie\u00dflich hat Malet seinen Plan, uns durch s\u00e4mtliche Arrondissements von Paris zu geleiten und dabei seinen Protagonisten in allerhand Kriminelles zu verwickeln, nicht zur G\u00e4nze realisiert. Montmartre allerdings, wo P\u00e9cherots Geschichte haupts\u00e4chlich spielt, hat der Meister durchaus abgehandelt. Aber eben nicht 1926, als Burma wie sein Sch\u00f6pfer noch anderen Obsessionen fr\u00f6nten, dem Schreiben surrealistischer Gedichte beispielsweise. Genau hier setzt P\u00e9cherot an.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Sein Nestor, genannt &#8222;Pipette&#8220; (Pfeifchen), ist ein Jungspund, der neben der brotlosen Kunst des &#8222;automatischen Dichtens&#8220; nach dem Diktum Andr\u00e9 Bretons, auch die nur wenig eintr\u00e4glichere des Einbrechens betreibt. Zusammen mit drei Kumpanen begibt er sich n\u00e4chtens in die Gem\u00e4cher eines abwesenden Grafen und stiehlt dessen Tresor. Doch welch ein Schock, als man daheim das Drum endlich geknackt hat! Er enth\u00e4lt die Leiche eines dubiosen Journalisten, dessen Haupteinnahmequelle Erpressung war.<\/p>\n\n\n\n<p>Was nun folgt, ist eine turbulente Jagd durch das bevorzugt n\u00e4chtliche Paris, die K\u00fcnstlerkneipen am Montmartre, die Elendsquartiere der Armen und die Villen der Reichen, wobei uns allerlei Personal aus den Romanen Malets wiederbegegnet, von den Motiven ganz zu schweigen. Selbst Andr\u00e9 Breton h\u00f6chstpers\u00f6nlich wird in den Fall verwickelt und erteilt uns beil\u00e4ufig ein paar Lektionen zu seiner Auffassung von Literatur. Clou des Ganzen ist dabei jedoch etwas anderes: P\u00e9cherot vermengt geschickt die Biografie Malets mit der seines Protagonisten, etwas das Malet selbst bei der Entwicklung Nestor Burmas wohl auch getan hat. Das macht er geschickt und nahtlos in einer sprachlich angemessenen \u00dcbersetzung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein reines literarisches Spielchen also, eine Hommage an den Meister? Auch das, nat\u00fcrlich. Die Story liest sich gut, inklusive der bekannten Schw\u00e4chen der Originale, des zu oft bem\u00fchten Kommissar Zufalls beispielsweise oder des ein wenig zu sorglos zusammengeknoteten Schlusses. Dinge, die man Malet schon immer verziehen hat und auch seinem Bewunderer gerne verzeiht. P\u00e9cherot jedoch schafft es, neben der Zeichnung von &#8222;Pariser Atmosph\u00e4re der 20er Jahre&#8220; noch ein weiteres Element ins Spiel zu bringen: die Politik und ihre ebenso verschlungenen wie fragw\u00fcrdigen Wege. Die Geschichte l\u00f6st sich zum Ende hin vom eher Pittoresken und n\u00e4hert sich der grauen Wirklichkeit, das allzeit bereite Dienstm\u00e4dchen, der b\u00e4renstarke und herzensgute Kumpan, der egozentrische Dichter \u2013 am Ende steht die Ern\u00fcchterung der unauff\u00e4lligen Strippenzieher in Grau, steht der Zynismus der Macht, die \u00fcber Millionen Leichen geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer wie der Rezensent mit ein wenig Skepsis ob solcher &#8222;Hommagen&#8220; an das Buch herangegangen ist, klappt es jedenfalls befriedigt zu. Ein Spiel mit dem n\u00f6tigen Respekt, dem n\u00f6tigen Augenzwinkern \u2013 und der n\u00f6tigen Tiefe. Sehr sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Patrick P\u00e9cherot: Nebel am Montmartre. <br \/>Edition Nautilus 2010. 190 Seiten. 14,90 \u20ac<br \/>(Les Brouillards de la Buttes. 2001. Deutsch von Katja Meintel)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hat die krimiliterarische Welt wirklich auf einen Roman gewartet, der nicht von L\u00e9o Malet stammt, aber uns dennoch mit den Abenteuern seines Helden Nestor Burma kommt? Wahrscheinlich nicht. Aber auf das meiste hat diese Welt nicht gewartet und dann dankbar angenommen&#8230;Dabei ist es so naheliegend. 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