{"id":21869,"date":"2010-03-04T10:26:58","date_gmt":"2010-03-04T10:26:58","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/03\/michael-connelly-so-wahr-uns-gott-helfe\/"},"modified":"2022-06-17T23:36:43","modified_gmt":"2022-06-17T21:36:43","slug":"michael-connelly-so-wahr-uns-gott-helfe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/03\/michael-connelly-so-wahr-uns-gott-helfe\/","title":{"rendered":"Michael Connelly: So wahr uns Gott helfe"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Nein, im Moment hilft nicht einmal Gott der l\u00e4dierten wtd-Mannschaft. Nur <strong>Anna Veronica Wutschel<\/strong>, unser Fels in der Brandung, tut es, was uns auch viel lieber ist. Lesen Sie hier, was sie von Michael Connelly h\u00e4lt.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Mit einem rasanten Einstieg tritt Mickey Haller, der Anwalt auf vier R\u00e4dern (vgl. \u201cLincoln Lawyer\u201d, 2006), ein furioses Comeback an. Dass \u201cSo wahr uns Gott helfe\u201d zwischenzeitlich ordentlich das Tempo zu drosseln scheint, mag an Michael Connellys Vorliebe f\u00fcr exakte Recherche und detailgenaue Wiedergabe des jeweiligen Milieus liegen, in das er sich begibt &#8211; in diesem Fall der Alltag eines Anwalts sowie die sich kompliziert gestaltende \u00dcbernahme einer Kanzlei. Doch ersch\u00f6pft die gro\u00dfe Portion Authentizit\u00e4t nur wenig die Story, denn zu geschickt f\u00fchrt Connelly durch den Alltag des mit allen juristischen Heikeligkeiten beschlagenen Anwalts. Das Ganze w\u00fcrzt Connelly mit einer kleinen Prise Remmi Demmi ab &#8211; es muss auch mal geschossen werden -, um letztlich all die gesponnenen Intrigen zwanglos hintereinander zutage zu f\u00f6rdern. Mit diesem recht unvermittelten Ende allerdings erz\u00e4hlt er sich hinter das genial angelegte Potential.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein lebensgef\u00e4hrlicher Bauchschuss (vgl. \u201cDer Mandant\u201d) hatte Mickey Haller dazu gezwungen, die Juristerei vorl\u00e4ufig aufzugeben. Nach einer langwierigen Genesung, einer schweren Medikamentensucht und dem unweigerlichen Entzug lieb\u00e4ugelt er seit l\u00e4ngerer Zeit mit einem Neueinstieg. Konnte er sich bislang dazu nicht durchringen, wird ihm pl\u00f6tzlich die Entscheidung leicht gemacht: Als t\u00f6dliche Sch\u00fcsse auf einen Kollegen abgegeben werden, \u201cerbt\u201d Haller nicht nur dessen Kanzlei, sondern man \u00fcbertr\u00e4gt ihm auch an h\u00f6chstrichterlicher Stelle die dazugeh\u00f6rigen Mandanten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein schlechter, v\u00f6llig unverhoffter Deal, und Haller legt sich m\u00e4chtig ins Zeug, denn neben privatem \u00c4rger mit seiner Ex-Frau gestaltet sich die unorthodoxe \u00dcbernahme als schwierig. Zumal jeder Mandant &#8211; vererbt oder nicht &#8211; ihn als neuen Anwalt ablehnen kann. Vor allem muss sich Haller den spektakul\u00e4ren Fall eines Hollywood-Tycoons sichern, verspricht der nicht nur ein grandioses Comeback, viel Publicity, sondern auch eine ganze Menge Geld. Doch benimmt sich der hochkar\u00e4tige Mandant, der seine Frau und deren Liebhaber erschossen haben soll, nicht nur \u00e4u\u00dferst divenhaft, er stellt auch eine einzige, an sich g\u00e4nzlich inakzeptable Forderung. Haller akzeptiert und sieht sich bald zwischen mehreren Zwangslagen. Zu allem \u00dcbel scheint der M\u00f6rder seines Vorg\u00e4ngers es skrupellos auf ihn abgesehen zu haben, und viel spricht daf\u00fcr, dass Haller nicht nur beruflich um seine Existenz k\u00e4mpfen muss. Gut, dass Detective Hieronymus Bosch ein Auge auf den Anwalt h\u00e4lt, der sich trotz all seiner abgebr\u00fchten Schachz\u00fcge in dem von vielerlei Seiten gesponnenen Netz zu verstricken droht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass das Rechtssystem marode ist, ist keine \u00fcberraschend neue Einsicht. Doch hat Connelly mit Mickey Haller eine feine Figur ersonnen, die sich ebenso integer wie skrupellos durch das System schl\u00e4ngelt. Und dabei sind ihm alle Wege und Mittel recht, wobei nicht er das Prinzip beugt, sondern aus allen Haken, \u00d6sen und Fallstricken desselben sch\u00f6pft. Die Zusammenarbeit zwischen Anwalt Haller und Detective Bosch gestaltet sich naturgem\u00e4\u00df kompliziert, geh\u00f6ren doch beide Berufsst\u00e4nde nicht unbedingt befreundeten Lagern an. Hier \u00fcberzeugt das Spiel mit Voreingenommenheiten, beruflich entgegengesetzten Interessen und ungem\u00fctlich notgedrungener Zusammenf\u00fchrung. Und dieser Handlungsstrang wartet am Ende mit einer kleinen \u00dcberraschung auf. Doch bleibt Bosch \u00fcberraschend blass, ger\u00e4t fast zum Klischee des harten Cops. Dabei h\u00e4tte gerade die reine Aussenschau auf Harry Bosch gewiss wesentlich markanter, vielleicht gar am\u00fcsanter ausfallen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cSo wahr uns Gott helfe\u201d (im Original lautet der Titel weit weniger pathetisch \u201cThe Brass Verdict\u201d) bietet gro\u00dfartig diametral, kreuz und quer gelegten, harten Stoff, der allerdings an seiner wie nicht von langer Hand vorbereiteten Aufl\u00f6sung kr\u00e4nkelt. H\u00e4tte der Autor im hintergr\u00fcndigen Anliegen beizeiten Zweifel ges\u00e4t, die unterschiedlichen Parteien der eigenen Reihen ruppig argw\u00f6hnisch aufeinandergehetzt, w\u00fcrde der Text tiefgr\u00fcndig \u00fcberzeugen. Insgesamt birgt der Auftakt ganz b\u00f6se eine Menge Variationen von (Missbrauch von) Macht, Recht, Gewalt und (verdrehter) Moral. Das ist imposant kluge Unterhaltung, die aber leider mit ihren m\u00fchsam erkraxelten Offenlegungen zu wenig hantiert, sie wie aufgesetzt, erst auf den letzten Dr\u00fccker ausplaudert.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Michael Connelly: So wahr uns Gott helfe. <br \/>Heyne 2010 <br \/>(The Brass Verdict, 2008. Deutsch von Sepp Leeb). <br \/>510 Seiten. 19,95 Euro.<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Nein, im Moment hilft nicht einmal Gott der l\u00e4dierten wtd-Mannschaft. Nur Anna Veronica Wutschel, unser Fels in der Brandung, tut es, was uns auch viel lieber ist. 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