{"id":21872,"date":"2010-03-10T16:55:58","date_gmt":"2010-03-10T16:55:58","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/03\/peter-robinson-wenn-die-daemmerung-naht\/"},"modified":"2022-06-17T23:35:46","modified_gmt":"2022-06-17T21:35:46","slug":"peter-robinson-wenn-die-daemmerung-naht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/03\/peter-robinson-wenn-die-daemmerung-naht\/","title":{"rendered":"Peter Robinson: Wenn die D\u00e4mmerung naht"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Wenn die D\u00e4mmerung naht, widmet sich unsere Fachrezensentin Anna Veronica Wutschel steckenpferdm\u00e4\u00dfig gerne den blutigen Untaten m\u00f6rderischer P\u00e4rchen. Weil sie bei beginnender Dunkelheit ihr zweites gro\u00dfes Hobby, das Z\u00fcchten exotischer Schlingpflanzen im heimischen Garten, nicht aus\u00fcben kann? Wir wissen es nicht. Lesen Sie also, wie Frau W. ihrem Hobby fr\u00f6nt. Peter Robinson, garantiert schlingpflanzenfrei.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wie auf einer Trib\u00fcne steht der Rollstuhl gef\u00e4hrlich nah an der sturmumtosten Klippe. Darin sitzt eine querschnittsgel\u00e4hmt hilflose Frau. Doch jede Hilfe kommt zu sp\u00e4t, denn ein M\u00f6rder hat ihr die Kehle durchgeschnitten. Stark beginnt \u201cWenn die D\u00e4mmerung naht\u201d mit schnellen Perspektivwechseln, viel Tempo, wobei sich Peter Robinson innerhalb der erz\u00e4hlten Szenen ganz auf seine Figuren konzentriert. Doch dann setzt Robinson auf Kalk\u00fcl und Differenziertheit und versieht sein enorm ausgekl\u00fcgeltes, glatt geschmirgeltes Roman-Konstrukt mit einer wild eingel\u00e4uteten Aufl\u00f6sung und einer Botschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Todesf\u00e4lle ersch\u00fcttern Yorkshire. W\u00e4hrend DI Annie Cabbot an der K\u00fcste auf einige erschreckende Fakten st\u00f6\u00dft, die die wahre Identit\u00e4t der Ermordeten im Rollstuhl betreffen, ermittelt DCI Alan Banks im Fall einer vergewaltigten und ermordeten College-Studentin. Erst als Annie einem Hinweis nachgeht, der auf ein Jahrzehnte zur\u00fcckliegendes Verbrechen verweist, nimmt sie die Witterung des T\u00e4ters auf. Bald allerdings geschehen weitere Morde, und Annie muss mit Banks, auch wenn ihr Verh\u00e4ltnis zurzeit \u00fcberaus angespannt ist, eng zusammenarbeiten, da sich ihre F\u00e4lle ganz t\u00fcckisch zu \u00fcberschneiden scheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Peter Robinson in dem soeben erschienenen 17. Band der Alan-Banks-Reihe auf einen alten Fall des Detectives zur\u00fcckgreift, scheint ein cleverer Schachzug. Geh\u00f6rt \u201cWenn die Dunkelheit f\u00e4llt\u201d nicht nur eindeutig zu den besten Titeln der Serie, sondern lieferte auch eine Menge Stoff, um eine raffinierte Fortsetzung mit versetztem Blickwinkel zu verfassen. Welche Nachwirkungen haben die entsetzlichen Sex-Morde, die das Ehepaar Payne vor Jahren beging? Wie hart m\u00fcssen die \u00dcberlebenden mit ihrem Schicksal k\u00e4mpfen? Und wie versuchen sie, dieses zuweilen zurechtzur\u00fccken? Dazu mixt Robinson einen ganzen Reigen weiterer Verbrechen und hat sich \u00fcberhaupt, was Spiegelungen, Projektionen, Abstraktionen betrifft, einige Gedanken gemacht. Dabei geht er weniger nuanciert als systematisch vor, wenn er sich an seinem Themenkomplex abarbeitet. Pr\u00fcderie und L\u00fcsternheit, Liebe, Sex und Perversionen scheinen taugliche Sujets, wenn man von Sex-Morden erz\u00e4hlt. Was allerdings clever und in aller Widerspr\u00fcchlichkeit geschickt in den Text einf\u00fchrt, \u00fcberzeugt l\u00e4ngst nicht, wenn es in unz\u00e4hligen Varianten an allen m\u00f6glichen Figuren durchgespielt wird. Da Obsessionen, wildes Treiben und delikate Ausrutscher nicht selten vom Alkohol befl\u00fcgelt werden, stellt Robinson dem Leser auch die Trinkgewohnheiten so ziemlich jeder Figur detailliert vor. Und damit klar wird, dass niemand vor B\u00f6sem gefeit ist, und Alter altbekannt nicht vor Torheit sch\u00fctzt, spielt der Autor auch noch ordentlich auf der Generationen-Klaviatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu legt Banks, der fanatische Musikliebhaber, unerm\u00fcdlich einen Track nach dem anderen auf den Plattenteller. Klar, das wird jeden Soundliebhaber erfreuen, und nicht selten kann der Song\/Text als Link oder Hypertext tiefer gehend Atmosph\u00e4re oder gar Handlung nahe bringen. Auf die Dauer allerdings kann diese Obsession des Ermittlers f\u00fcr Leser durchaus anstrengend werden.<\/p>\n\n\n\n<p>So verschaukelt Robinson die entspannt spannende erz\u00e4hlerische L\u00e4ssigkeit mit der er \u201cWenn die D\u00e4mmerung naht\u201d er\u00f6ffnet, spie\u00dft sich seine Themen vor die Brust und jagt sie akkurat beflissentlich durch alle Bev\u00f6lkerungsschichten. Dabei h\u00e4tte sich der Autor wohl eher um die Aufl\u00f6sung k\u00fcmmern m\u00fcssen. Zwar scheint diese als logische Folge aus dem Text hervorzugehen, doch ist die Story, die sich um diesen Erz\u00e4hlstrang windet, derart ausgeknobelt kompliziert und unglaubw\u00fcrdig erz\u00e4hlt, dass sich der Erstverdacht, man l\u00e4se einen klug spannenden Thriller, immer mehr verfl\u00fcchtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was in \u201cWenn die Dunkelheit f\u00e4llt\u201d so wunderbar gelang, n\u00e4mlich true crime in Literatur umzusetzen, scheitert in dem neuen Fall. Spekulationen sind zumeist m\u00fc\u00dfig, doch liegt die Annahme nahe, dass sich Robinson, der seit Jahrzehnten in Kanada lebt, nicht nur von den P\u00e4rchen-Morden der Wests, des Hindley-Brady-Gespanns, der Birnies, Gallegos etc. inspirieren lie\u00df. Denn in Kanada sorgte vor allem \u2192<a href=\"http:\/\/www.trutv.com\/library\/crime\/serial_killers\/notorious\/bernardo\/index_1.html\">der Homolka-Bernardo-Fall<\/a> f\u00fcr Schlagzeilen. Vor allem als Karla Homolka, mit der die Justiz den so genannten \u2018Teufelspakt\u2019 schloss, 2005 nach den von ihr ausgehandelten 12 Jahren Gef\u00e4ngnis entlassen wurde. Ist Karla eine skrupellose M\u00f6rderin, Vergewaltigerin, die so clever taktierte, dass sie mit Mitte 30 ein neues Leben beginnen durfte? (Inzwischen soll sie mit neuem Mann und Kind in der Karibik leben.) Oder war sie wirklich das Opfer ihres sadistischen Mannes, als das sie sich darstellte? Viel spricht gegen letztere Annahme, zumindest aber f\u00fcr die kanadische \u00d6ffentlichkeit stand sp\u00e4testens bei ihrer Entlassung aus dem Gef\u00e4ngnis fest, dass Karla Homolka mit ihren ruchlosen Straftaten praktisch davongekommen war. Und es begann eine wahre Hass- und Hetz-Kampagne gegen die Frau, die als \u2018Schulm\u00e4dchen-M\u00f6rderin\u2019 bekannt wurde. Die heftigen \u00f6ffentlichen Reaktionen, die Emp\u00f6rung \u00fcber einen immer noch brisant aktuellen Fall k\u00f6nnte erkl\u00e4ren, warum sich der Autor Robinson dazu verleiten lie\u00df, mit viel Kalk\u00fcl wenig in der Schwebe zu lassen, Positionen auszuloten, um dann ganz klar, an eng gef\u00fchrter Leine dem Leser die Augen zu \u00f6ffnen. Damit serviert er allerdings viel zu ausgewogene, gleichzeitig aber lasch verk\u00f6chelte Kost.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Peter Robinson: Wenn die D\u00e4mmerung naht. <br \/>Ullstein 2010 <br \/>(Friend of the Devil. 2009. Deutsch von Andrea Fischer). <br \/>460 Seiten. 22,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Wenn die D\u00e4mmerung naht, widmet sich unsere Fachrezensentin Anna Veronica Wutschel steckenpferdm\u00e4\u00dfig gerne den blutigen Untaten m\u00f6rderischer P\u00e4rchen. Weil sie bei beginnender Dunkelheit ihr zweites gro\u00dfes Hobby, das Z\u00fcchten exotischer Schlingpflanzen im heimischen Garten, nicht aus\u00fcben kann? Wir wissen es nicht. Lesen Sie also, wie Frau W. ihrem Hobby fr\u00f6nt. 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