{"id":21873,"date":"2010-03-15T08:19:18","date_gmt":"2010-03-15T08:19:18","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/03\/pablo-de-santis-das-raetsel-von-paris\/"},"modified":"2022-06-17T23:34:11","modified_gmt":"2022-06-17T21:34:11","slug":"pablo-de-santis-das-raetsel-von-paris","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/03\/pablo-de-santis-das-raetsel-von-paris\/","title":{"rendered":"Pablo De Santis: Das R\u00e4tsel von Paris"},"content":{"rendered":"\n<p>Nichts Neues unter der argentinischen Sonne von Pablo De Santis. Auch in &#8222;Das R\u00e4tsel von Paris&#8220; dreht sich alles um Perfektion und Scheitern, Phantasie und Positivismus, Symbol und Mythos. Immerhin: Man erf\u00e4hrt auch explizit etwas \u00fcber das Wesen von Kriminalliteratur.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Paris, Weltausstellung 1889. Unter dem neuerrichteten Eiffelturm soll es zur ersten Begegnung aller &#8222;12 Detektive&#8220; kommen, dem exklusiven Kreis der weltbesten Schn\u00fcffler. Doch von Anfang an steht das Treffen unter einem schlechten Stern. Der Argentinier Craig kann \u2013 aus verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden \u2013 nicht teilnehmen und schickt seinen neuen Gehilfen, den jungen Sigmundo Salvatrio. Dieser nun lernt staunend kennen, was die Welt in Atem h\u00e4lt. Nicht nur die Weltausstellung, sondern auch die Detektive und ihre Gehilfen, deren Abenteuer in eigenen Zeitschriften ausgebreitet und gefeiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt, wie es in einem z\u00fcnftigen Kriminalroman kommen muss: Einer der Detektive f\u00e4llt vom Eiffelturm, ganz offensichtlich weder Unfall noch Selbstmord, diverse Antimodernisten, denen Turm und Trara suspekt sind, geraten unter Verdacht. Als Adlatus des Polen Arzaky begibt sich auch Salvatrio auf die Jagd nach dem M\u00f6rder. Der wiederum plant l\u00e4ngst neue Untaten&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, so soll es sein. Und ist doch ganz anders. Zun\u00e4chst einmal ein Gest\u00e4ndnis des Rezensenten. Es ist mir schwergefallen, mich in den Text einzulesen, zu viele hehre Merks\u00e4tze schieben sich in die Geschichte, &#8222;Das Schicksal n\u00e4hrt sich aus dem Irrtum, der Ruhm aus der Reue&#8220; spricht der Ich-Erz\u00e4hler und ist eben der Autor, und von dem will ich solche Spr\u00fcche nicht h\u00f6ren. In Ordnung, manchmal haben sie tats\u00e4chlich etwas mit den Themen von De Santis zu tun. &#8222;Die Wissenschaft ist nicht l\u00e4nger ein Zusammenspiel von Antworten, sondern das Ausl\u00f6schen von Fragen.&#8220; Mag ja sein. Aber genau das m\u00f6chte ich erz\u00e4hlt und nicht diktiert bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der eigentliche Lesegewinn n\u00e4hrt sich ergo aus der Detektivgeschichte selbst. Dieser Salvatrio ist zun\u00e4chst der begeisterte, in Demut erstarrte Leser, der endlich die Helden seiner Phantasie zu Gesicht bekommt \u2013 und f\u00fcrchterlich ern\u00fcchtert wird. Ein Haufen intriganter Schw\u00e4tzer ist das, die von ihnen ausgebreiteten &#8222;Sensationsf\u00e4lle&#8220; l\u00e4ppisch. Ihre allergr\u00f6\u00dfte Herausforderung ist immer noch die olle Kamelle vom &#8222;verschlossenen Raum&#8220;, die eigentliche Drecksarbeit erledigen die Assistenten, denen selbst kaum Rechte zustehen, die sich wie Vasallen im Hintergrund halten m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie konnte es sein, dass einer der Detektive ermordet worden war? Waren sie nicht unsterblich?&#8220; fragt sich Salvatrio anfangs. Und hat nat\u00fcrlich recht. Die Detektive sind unsterblich, denn sie sind Fiktion. In der Realit\u00e4t k\u00f6nnen sie nicht \u00fcberleben, dort, wo ihr Mythos von den &#8222;Assistenten&#8220;, den Autoren n\u00e4mlich am Leben erhalten wird. Denn sie, die Assistenten, sind es, die die Abenteuer der Detektive in den Zeitschriften verbreiten, wo sie von Lesern wie Salvatrio verschlungen werden, Lesern, die manchmal selbst zu Assistenten \/ Autoren werden. So ergeht es Salvatrio, und am Ende steht die Demontage des Mythos. Dass Salvatrio dabei etwas vor ihm noch Unerreichtes schafft, begr\u00fcndet pikanterweise einen neuen Mythos.<\/p>\n\n\n\n<p>De Santis verbindet nun diese Lesart des Textes mit anderen, den anfangs bereits erw\u00e4hnten gro\u00dfen Themen seiner Arbeit. Trivialliteratur als Klammer zwischen den auseinanderstrebenden Elementen Ratio und Irratio, der technische Fortschritt als Inspirator und Eleminator der Phantasie, das Symbolische der Architektur als R\u00e4tsel und Aufl\u00f6sung zugleich. Doch, das liest sich immer wieder gut, befeuert selbst beides, den logischen wie den ausschweifenden Intellekt. Spannend ist es immer dann, wenn die Rechnung nicht aufgeht, das Rationale irrational und Irrationale rational wird. Daf\u00fcr sieht man gerne \u00fcber gelegentliche L\u00e4ngen des Textes hinweg.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Pablo De Santis: Das R\u00e4tsel von Paris. <br \/>Unionsverlag 2010 <br \/>(El Enigma de Paris. 2007. Deutsch von Claudia Wuttke). <br \/>316 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nichts Neues unter der argentinischen Sonne von Pablo De Santis. Auch in &#8222;Das R\u00e4tsel von Paris&#8220; dreht sich alles um Perfektion und Scheitern, Phantasie und Positivismus, Symbol und Mythos. 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