{"id":21883,"date":"2010-04-12T10:01:34","date_gmt":"2010-04-12T10:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/04\/opfer-und-taeter-taeter-und-opfer-1\/"},"modified":"2022-06-07T17:24:44","modified_gmt":"2022-06-07T15:24:44","slug":"opfer-und-taeter-taeter-und-opfer-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/04\/opfer-und-taeter-taeter-und-opfer-1\/","title":{"rendered":"Opfer und T\u00e4ter, T\u00e4ter und Opfer -1-"},"content":{"rendered":"\n<p>Einer der kleinsten gemeinsamen Nenner in der Kriminalliteratur ist die Notwendigkeit von Opfern und T\u00e4tern. Wer das eine ist und wer das andere, vor allem jedoch, dass kein Zweifel daran besteht, wem welche Rolle zuf\u00e4llt. Nun ist dies in Kriminalromanen kein gro\u00dfes Problem, denn meistens gibt es jemanden, der die Kugel abschie\u00dft und jemanden, den sie t\u00f6dlich trifft. Mag sein, dass wir gelegentlich Mitgef\u00fchl mit dem T\u00e4ter empfinden, seine T\u00e4terschaft darauf zur\u00fcckf\u00fchren, selbst einmal Opfer gewesen zu sein. Dennoch l\u00e4uft alles darauf hinaus, am Ende beide Seiten akkurat getrennt und benannt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wie die Kriminalliteratur braucht auch jede Gesellschaft Opfer und T\u00e4ter, um funktionieren zu k\u00f6nnen. Und ebenfalls wie die Kriminalliteratur legt sie gr\u00f6\u00dften Wert auf die Endg\u00fcltigkeit ihrer Definition. So wie es Sache des Autors ist, die Rollen zu verteilen, ist es Sache einer Gesellschaft, die Plausibilit\u00e4t ihrer Opfer-T\u00e4ter-Bestimmung logisch und m\u00f6glichst unangreifbar herzuleiten. Das gelingt in der Kriminalliteratur wie im wirklichen Leben nicht immer.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der Kriminalromane, in dem dieses klare Opfer-T\u00e4ter-Prinzip mit einem Frage- und keineswegs einem Ausrufezeichen versehen wurde, ist &#8222;Und die Gro\u00dfen l\u00e4\u00dft man laufen&#8220; von Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6. Ein Mann erschie\u00dft einen anderen, ein Gro\u00dfindustrieller wird von einem kleinen Angestellten ermordet, dessen Existenz durch die skrupellose Profitgier des sp\u00e4teren Opfers zerst\u00f6rt worden war. Wir erkennen sofort, dass hier zwei Opfer-T\u00e4ter-Definitionen in Konkurrenz zueinander stehen, die rechtliche und die ideologische. Der Leser befindet sich im Zwiespalt. So wenig er die T\u00f6tung eines Menschen gutheissen kann, so sehr sagt ihm doch sein Empfinden, hier sei einer nur deshalb zum T\u00e4ter geworden, weil man ihn zuvor zum Opfer werden lie\u00df. Wir sind am Ende so ratlos wie die ermittelnden Beamten, die ihre Pflicht tun, wenn auch mit einem mulmigen Gef\u00fchl.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich passte dieses Konstrukt sowohl in die Zeit der Romanentstehung als auch das generelle Konzept der sich zum Sozialismus bekennenden Autoren. Dennoch bildet es etwas Allt\u00e4gliches, uns stets Gegenw\u00e4rtiges ab, jenen toten Winkel zwischen Recht und Gerechtigkeit n\u00e4mlich. Ob nun wegen einiger Maultaschen jemand sein Arbeitsplatz verliert oder \u00fcber die Frage diskutiert wird, ob der Staat aus dubioser Quelle eine CD mit den Daten von Steuers\u00fcndern erwerben darf: stets wird die Opfer-T\u00e4ter-Definition der Paragraphen zu unserem &#8222;Rechtsempfinden&#8220; in Opposition stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Variante dieses Vorhandenseins zweier Definitionen von Opfern und T\u00e4tern findet man z.B. in Kriminalromanen j\u00fcngeren Datums, in Gerard Donovans &#8222;Winter in Maine&#8220; und Roberto Alajmos &#8222;Mammaherz&#8220;. Der Protogonist bei Donovan begeht eine Reihe von Morden, bei denen aus einem zwar nachvollziehbaren, nichts desto weniger unzureichenden Grund blutige Rache ge\u00fcbt wird und zwar, selbst f\u00fcr den T\u00e4ter offensichtlich, auch an Menschen, die keine Schuld am Inititalereignis (der Hund des T\u00e4ters wurde erschossen) tragen. Bei Alajmo begegnen wir dem skurrilen Besitzer einer unrentablen Fahrradreperaturwerkstatt, der \u2013 wohl f\u00fcr die Mafia \u2013 einen entf\u00fchrten Jungen gefangen h\u00e4lt. Aus Angst gewiss, aber auch in der Hoffnung auf Bezahlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum wir z\u00f6gern, hier die T\u00e4ter als solche unzweifelhaft dingfest zu machen, hat wiederum mit unserem Empfinden zu tun, das diesmal jedoch nicht ideologisch gepr\u00e4gt wird, sondern durch die Sympathie mit den Protagonisten. Indem wir die Biografien der Protagonisten kennenlernen, k\u00f6nnen wir ihre Taten unter psychologischen Aspekten verstehen. Sie sind Teil eines Defekts gewisserma\u00dfen, f\u00fcr den die T\u00e4ter nicht oder nur teilweise verantwortlich gemacht werden k\u00f6nnen. Die T\u00e4ter sind T\u00e4ter, weil sie Opfer anderer geworden sind, die eigentlichen Opfer zahlen eine fremde Zeche.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es ist so eine Sache mit dem Empfinden. Es ist, nicht nur in Romanen, manipulierbar, ja, eine Gesellschaft lebt genau davon, dass ein Konsens \u00fcber Opfer und T\u00e4ter hergestellt werden muss und so etwas wie ein &#8222;Volksempfinden&#8220; entsteht, dem h\u00e4ufig ein &#8222;gesund&#8220; vorgestellt wird, um sein Kranksein zu verbergen. Der uns interessierende Aspekt ist nun der, wie m\u00f6glicherweise auch die Kriminalliteratur zum Teil dieser manipulativen Prozesse werden kann. Dazu mehr im zweiten Teil.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer der kleinsten gemeinsamen Nenner in der Kriminalliteratur ist die Notwendigkeit von Opfern und T\u00e4tern. Wer das eine ist und wer das andere, vor allem jedoch, dass kein Zweifel daran besteht, wem welche Rolle zuf\u00e4llt. 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