{"id":21884,"date":"2010-04-14T07:44:16","date_gmt":"2010-04-14T07:44:16","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/04\/jo-nesbo-leopard\/"},"modified":"2022-06-17T22:15:12","modified_gmt":"2022-06-17T20:15:12","slug":"jo-nesbo-leopard","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/04\/jo-nesbo-leopard\/","title":{"rendered":"Jo Nesb\u00f8: Leopard"},"content":{"rendered":"\n<form class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-none\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2010\/cover\/3550087748.jpg\" alt=\"3550087748.jpg\" width=\"200\" height=\"319\"\/><\/form>\n\n\n\n<p><em>(Seit unsere Mitarbeiterin Anna Veronica Wutschel jenen unvergesslichsten aller deutschen Krimis\u00e4tze geh\u00f6rt hat \u2013 &#8222;Harry Hole mal den Wagen&#8220; \u2013 ist sie besonders empf\u00e4nglich f\u00fcr die Werke des norwegischen Autors Jo Nesb\u00f8. Und da es ihr endlich gelungen ist, bei ebay ein Sortiment durchgestrichener o&#8217;s zu ergattern, rezensiert sie die B\u00fccher nun auch. Lesen Sie den beiliegenden Tatsachenbeweis.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>G\u00e4be es eine miniaturisierte Spielart von Krimi, in der &#8211; kleiner, schneller, funktionaler &#8211; in kurz getimter Zeitspanne m\u00f6glichst viel vom Bestseller-Genre absolviert wird, k\u00f6nnte Jo Nesb\u00f8 mit &#8222;Leopard&#8220; ordentlich mit dieser Micro-Variante kokettiert haben. Auf 700 Seiten flackert durch den Roman n\u00e4mlich bedrohlich viel Krimi auf. Da fragt man sich umgehend, ob Nesb\u00f8 bei seinem komprimierten Rundumschlag auch ebenso viel Spannung liefert?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nat\u00fcrlich, Nesb\u00f8 schwelgt geradezu im Thrill. Zwei Frauen wurden auf perfide Art ermordet, weitere Opfer stehen auf der Liste des M\u00f6rders, und die Polizei kann sich den abscheulichen Tathergang nicht erkl\u00e4ren. Im Laufe der Ermittlungen taucht eine ganze Reihe Verd\u00e4chtiger auf und mit kluger erz\u00e4hlerischer Gewandtheit, die der Autor allerdings derart \u00fcberstrapaziert, dass sie auf Dauer etwas leichtgewichtig erscheint, werden durch b\u00f6se Manipulation und viel Suggestion nicht nur die Ermittler, sondern auch die mitr\u00e4tselnden Leser vielfach auf den Holzweg man\u00f6vriert. \u00dcberhaupt spielt Nesb\u00f8 gern mit Erwartungen und kreiselt best\u00e4ndig durch die Galerie seiner Verd\u00e4chtigen, denn praktisch ist jeder ein B\u00f6sewicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich wurde l\u00e4ngst erkannt, dass &#8211; bei aller Farbenfreude &#8211; die Welt moralisch betrachtet stark ins Grau tendiert. Die Grenzen zwischen Gut und B\u00f6s sind lange schon verwischt, die Charaktere komplex, und eine weitsichtige Rundschau ist vonn\u00f6ten, um das aufzuzeigen. Pers\u00f6nliche Traumata und andere Schatten der Vergangenheit liegen \u00fcber den Figuren. Aber auch die praktischen Machtfragen f\u00fchren zu enormen internen Querelen &#8211; und das nicht nur bei der Ermittler-, sondern auch bei der T\u00e4ter-Fraktion. Der T\u00e4ter, ein in Serie mordender Sadist, der vielleicht doch keiner ist, t\u00f6tet \u00e4u\u00dferst spektakul\u00e4r und mit recht absonderlichen Mitteln. Das Morddezernat in Oslo steht vor einem R\u00e4tsel und einem gro\u00dfen \u00c4rgernis, denn l\u00e4ngst wurde ihm vom Kriminalamt der brisante Fall entzogen. Pers\u00f6nliche Eitelkeiten, Macht und Prestige sowie viel Geld stehen auf dem Spiel. Und wenn man derart vom Gegner ins Abseits gedr\u00e4ngt wurde, hilft nur ein Trick: Man reaktiviert einen Helden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Held allerdings, der legend\u00e4re Harry Hole, hat seinen letzten gro\u00dfen (&#8222;Schneemann&#8220;-)Fall kaum \u00fcberlebt. Die norwegische Ermittler-Legende ist in Hongkong gestrandet, hat sich umgehend ordentlichen \u00c4rger mit der dort operierenden Mafia eingehandelt, um daraufhin v\u00f6llig abzutauchen und sich dem Alkohol- und Opium-Rausch auszuliefern. Nun muss der geniale, aber gestrauchelte, scharfsinnig ermittelnde Logiker aus dem Drogensumpf zur\u00fcck nach Oslo gelotst werden. Zudem liegt auch sein Vater im Sterben, so dass Harry, der privat bereits enorm unter der dramatischen Trennung von seiner gro\u00dfen Liebe Rakel leidet, nur wenig Zeit bleibt, um sich mit dem Sterbenden auszus\u00f6hnen. Obgleich widerwillig, kehrt Harry nach Oslo zur\u00fcck und nat\u00fcrlich kann er dann auch nicht die Finger vom Fall lassen, ermittelt bald im kleinen Kreise, inoffiziell, wenn nicht gar illegal, und fliegt mit seinem Spezial-Trupp rasch auf. Denn intern lauern l\u00e4ngst die Kollegen vom Kriminalamt, um nicht nur Harry das Leben schwer zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Den knallharten Ermittler kann das nicht schockieren, konsequent methodisch geht der einsame Querkopf in diesem von allen Seiten schwer verkomplizierten Fall vor und konsultiert letztlich gar seinen schlimmsten Feind, den &#8222;Schneemann&#8220;, der mit einer knappen Serienm\u00f6rder-Expertise \u00e0 la Hannibal Lecter den Ermittlungen tats\u00e4chlich eine neue Richtung weist.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele S\u00fcnden und S\u00fcnder f\u00e4hrt Nesb\u00f8 auf, die allesamt kr\u00e4ftige B\u00f6cke schie\u00dfen. Am Ende hat so ziemlich jeder jeden mehrfach hintergangen und verraten. Schmerz, Liebe, Schuld und Deals unter Feinden spiegelt Nesb\u00f8 sch\u00f6n abstrahiert. Viel Love, Sex and Drugs sorgen f\u00fcr den Drive. Eine spezielle Internet-Fahndung, aus der Psychiatrie rekrutiert, f\u00fchrt zu Motiv und T\u00e4ter. Exotische Schaupl\u00e4tze wie Hongkong und der Kongo (dort darf Harry noch rasch auf ein paar skrupellose Kindersoldaten treffen), ein ausgefallen folterndes Mordinstrument und viel, viel Action w\u00fcrzen das melancholisch skandinavische Krimi-Paket \u00e0 la Bestseller ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Ordentlicher Humbug also in gedr\u00e4ngter Form? Klar, doch spielt Nesb\u00f8 auch seinen Trumpf geschickt aus. Er ist n\u00e4mlich ein gro\u00dfartiger, sehr humorvoller Erz\u00e4hler, der wunderbar und v\u00f6llig ohne Psycho-Schnickschnack an der Oberfl\u00e4che erz\u00e4hlt und doch das Brodeln im Innern (des f\u00fcr den &#8222;Leopard&#8220; nicht ganz unwichtigen Vulkans) erfasst. Etwas wehm\u00fctig k\u00f6nnte man werden, denn Nesb\u00f8 k\u00f6nnte sicherlich auf seine aberwitzigen Plots verzichten und mit leichter Hand bestes Prime-Crime schreiben. Aber vielleicht will er das gar nicht. Und seinen Lesern scheint die norwegische Maximum-Show-Effekt-Variante gut zu gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>So gesehen kann &#8222;Leopard&#8220; nicht nur mit dem Harry-Hole-Bonus \u00fcberzeugen. Nesb\u00f8 spielt clever mit seinem \u00fcppig ausgeheckten Grusel-Depression-Kosmopolit-Bestseller-Spektakel, das in konzentriert verdichteter Form erfolgreich aus jedwedem Alltag entf\u00fchrt. K\u00f6nnte das Micro-Crime sein? Die Kurz-Variante von schneller, besser, die flugs m\u00f6glichst viel vom Ganzen spektakul\u00e4r ineinander knuddelt? Vielleicht. Flotter und wohl auch brutaler An-Der-Nase-Herumf\u00fchr-Lekt\u00fcre-Spa\u00df ist zumindest garantiert. Der langfristige Mehr-Gewinn, der Literatur zuweilen nachgesagt wird, bleibt hingegen durchweg zweifelhaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Anna Veronica Wutschel<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jo Nesb\u00f8: Leopard. Ullstein 2010 <br \/>(Panserhjerte, 2009. Deutsch von G\u00fcnther Frauenlob und Maike D\u00f6rries). <br \/>699 Seiten. Euro.<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Seit unsere Mitarbeiterin Anna Veronica Wutschel jenen unvergesslichsten aller deutschen Krimis\u00e4tze geh\u00f6rt hat \u2013 &#8222;Harry Hole mal den Wagen&#8220; \u2013 ist sie besonders empf\u00e4nglich f\u00fcr die Werke des norwegischen Autors Jo Nesb\u00f8. Und da es ihr endlich gelungen ist, bei ebay ein Sortiment durchgestrichener o&#8217;s zu ergattern, rezensiert sie die B\u00fccher nun auch. 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