{"id":21885,"date":"2010-04-15T10:13:35","date_gmt":"2010-04-15T10:13:35","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/04\/opfer-und-taeter-taeter-und-opfer-2\/"},"modified":"2022-06-06T22:42:57","modified_gmt":"2022-06-06T20:42:57","slug":"opfer-und-taeter-taeter-und-opfer-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/04\/opfer-und-taeter-taeter-und-opfer-2\/","title":{"rendered":"Opfer und T\u00e4ter, T\u00e4ter und Opfer -2-"},"content":{"rendered":"\n<p>Es kann ein Kennzeichen gelungener Kriminalliteratur sein, uns hinter die Kulissen der allgegenw\u00e4rtigen Dichotomien blicken zu lassen, die schematischen Darstellungen von gut und b\u00f6se, Opfer und T\u00e4ter. Weniger zum Zweck, uns zu suggerieren, ein T\u00e4ter sei immer auch ein Opfer und vice versa, sondern um ganz allgemein unseren Blick f\u00fcr das eben nie Eindeutige zu sch\u00e4rfen.<br \/>\u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2010\/04\/opfer-und-taeter-taeter-und-opfer-1.php\">Teil 1<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss mit dem Protagonisten in Donovans &#8222;Winter in Maine&#8220; keineswegs sympathisieren, um zu begreifen, wie da jemand zum Monster gegutmenscht worden ist und dass humanistische Bildung Antihumanismus zu bef\u00f6rdern vermag. Bei Donovan kam mir, \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/12\/gerard-donovan-winter-in-maine.php\">siehe Rezension<\/a>, sogleich Alfred Anderschs &#8222;Der Vater eines M\u00f6rders&#8220; in den Sinn, die Schilderung einer Schulstunde und des Gebarens des Vaters von Heinrich Himmler. Ich bin also aus der Fiktion in die Wirklichkeit gelangt, habe Verkn\u00fcpfungen hergestellt und etwas vergegenw\u00e4rtigt, das mir zwar nicht fremd war, aber immer wert ist, zu Literatur zu gerinnen. Wozu mir gerade eine weitere, diesmal durchaus lustige Anekdote einf\u00e4llt, die die Musikerin und S\u00e4ngerin Laurie Anderson bei einer ihrer Performances zum Besten gab. Sie sitzt am Fr\u00fchst\u00fcckstisch und l\u00f6ffelt ihre Cerials, ihr Blick f\u00e4llt auf die Packung mit der angeblich gesunden Nahrung, die Liste der Bestandteile und sie erkennt pl\u00f6tzlich: &#8222;What you read is what you eat.&#8220; Oder anders: W\u00e4hrend du dich in der Fiktion des Geschriebenen bewegst, bestimmt diese Fiktion dein Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem weiteren Beck-Roman von Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6, &#8222;Verschlossen und verriegelt&#8220;, begegnen wir einer weiteren Variante von Opfern und T\u00e4tern. Kommissar Beck besch\u00e4ftigt sich mit einem Klassiker der Kriminalliteratur, dem &#8222;locked room mystery&#8220;, dem Mord in einem verschlossenen Raum also. Es gelingt ihm sowohl den Hergang der Tat zu rekonstruieren als auch den T\u00e4ter zu \u00fcberf\u00fchren, das Tonband mit dem Gest\u00e4ndnis jedoch wird zerst\u00f6rt. Dennoch entgeht der M\u00f6rder seiner gerechten Strafe nicht; er wird f\u00fcr einen anderen Mord verurteilt, den er nicht begangen hat, w\u00e4hrend hier die eigentliche T\u00e4terin ungestraft davon kommt. Sie ist vom Typ &#8222;Opfer wird T\u00e4ter&#8220;, \u00e4hnlich wie in &#8222;Und die Gro\u00dfen l\u00e4sst man laufen&#8220;. Beck wei\u00df, dass formal Unrecht geschehen ist, er akzeptiert es jedoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hier passiert, geh\u00f6rt zu den Allt\u00e4glichkeiten des Lebens und geradezu den St\u00fctzen jeder &#8222;funktionierenden&#8220; Gesellschaft: Wer Opfer und T\u00e4ter ist, wird nach Gutd\u00fcnken festgesetzt, zu ganz bestimmten Zwecken manipuliert. Die Kriminalliteratur wimmelt nur so von S\u00fcndenb\u00f6cken, die zum Schutz des wahren T\u00e4ters ans Messer geliefert werden sollen, auch gelegentlich von wirklichen T\u00e4tern, die f\u00fcr etwas anderes zur Rechenschaft gezogen werden, weil man ihre eigentlichen Taten nicht ahnden kann (erinnert sei an Friedrich D\u00fcrrenmatts &#8222;Der Richter und sein Henker&#8220;). Was uns hier wie ein aussergew\u00f6hnlicher Plot erscheinen mag, ist, wie gesagt, Alltag und nur deshalb nicht &#8222;krimitauglich&#8220;, weil es nicht um Spektakul\u00e4res, nicht um Mord geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Beispiele. Wer einigerma\u00dfen klar denken kann, beobachtet seit geraumer Zeit, wie eine bestimmte Bev\u00f6lkerungsgruppe zu T\u00e4tern stilisiert wird, die Arbeitslosen n\u00e4mlich, in Sonderheit die Bezieher des sogenannten &#8222;Hartz-IV&#8220;. Keine Talkshow ohne den Satz &#8222;Wer arbeitet, muss mehr haben als diejenigen, die nicht arbeiten&#8220;, kein Politikerstatement ohne einen Hinweis auf den &#8222;Mi\u00dfbrauch von Leistungen&#8220;, jede dieser \u00c4u\u00dferungen von Applaus begleitet, dem Applaus derjenigen, die sich, sind die T\u00e4ter erst einmal identifiziert, sofort als &#8222;Opfer&#8220; begreifen, die zur Kasse gebeten werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Realit\u00e4t hat all das nichts zu tun, jede Statistik spricht dagegen. Abgesehen davon, dass Leute arbeitslos sind, weil es nicht gen\u00fcgend Arbeit gibt und zu fragen w\u00e4re, wer hier wen benachteiligt. Die &#8222;betr\u00fcgerischen Arbeitslosen&#8220; die Besitzer von Arbeitspl\u00e4tzen oder die Besitzer von Arbeitspl\u00e4tzen die Arbeitslosen, denen sie ja, ganz n\u00fcchtern betrachtet, die Arbeitspl\u00e4tze vorenthalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zweite Beispiel betrifft das aktuelle Gerangel um das bankrotte Griechenland. Ganz eindeutig: Ein Staat lebt \u00fcber seine Verh\u00e4ltnisse, f\u00e4lscht Statistiken und fordert nun Unterst\u00fctzung durch die EU. Wer muss zahlen? Wir. \u00dcberhaupt: WIR sind der Zahlmeister Europas, und wieder ist alles eindeutig, wieder wissen wir sofort, wer hier T\u00e4ter und wer Opfer ist. Von einer anderen Seite betrachtet, k\u00f6nnte es nat\u00fcrlich genau umgekehrt sein. WIR haben durch teure Kredite und ungebremsten Export Griechenland in den Ruin getrieben, WIR profitieren zuallererst von der Europ\u00e4ischen Union.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide F\u00e4lle zeigen nicht nur, wie vorsichtig man sein muss, vorschnell Opfer und T\u00e4ter zu identifizieren, sondern auch, dass jede Gesellschaft willk\u00fcrliche Festlegungen braucht, um ihre eigene Identit\u00e4t zu wahren. Eindeutige, mit geringem intellektuellen Aufwand nachvollziehbare T\u00e4ter-Opfer-Definitionen sind ein wunderbares Beruhigungsmittel, das Gef\u00fchl, selbst Opfer zu sein, allemal sch\u00f6ner als das, m\u00f6glicherweise der T\u00e4terseite n\u00e4her zu stehen. So wird unaufh\u00f6rlich inszeniert und geplottet, dramaturgisch vorbereitet, was im Grunde eskapistisch ist, da von den eigentlichen, so gar nicht eindeutigen Umst\u00e4nden ablenkend. Schlechter Krimi also, leicht konsumierbare Massenware aus der Flie\u00dfbandproduktion.<\/p>\n\n\n\n<p>Wird also die Kriminalliteratur zur Komplizin einer ganz auf simpelste Strickmuster fixierten Wirklichkeit? Nat\u00fcrlich wird sie das. Sie ist es von Anbeginn an. Ihre eigene Struktur f\u00f6rdert dies, das miserable Gesetz der Eindeutigkeit, der bis in die kleinste Ver\u00e4stelung auszubreitenden Logik, die, da es den Zustand vollkommener Eindeutigkeit nicht geben kann, selbst von haneb\u00fcchenster Unlogik ist. Aber tr\u00f6sten wir uns: Es gibt auch andere Kriminalliteratur. Irritierende Texte, die uns am Ende in einen labyrinthischen Interpretationsgarten locken, dessen Ariadnef\u00e4den allesamt tr\u00fcgerisch bleiben, uns aber wenigstens ein St\u00fcck dem n\u00e4herbringen, was jeder gute Text in sich birgt: dem Leben au\u00dferhalb der Literatur, dem Leben, das selbst schlechte Literatur ist, die man zu guter machen sollte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es kann ein Kennzeichen gelungener Kriminalliteratur sein, uns hinter die Kulissen der allgegenw\u00e4rtigen Dichotomien blicken zu lassen, die schematischen Darstellungen von gut und b\u00f6se, Opfer und T\u00e4ter. 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