{"id":21886,"date":"2010-04-19T08:14:07","date_gmt":"2010-04-19T08:14:07","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/04\/roberto-alajmo-mammaherz\/"},"modified":"2022-06-17T22:13:59","modified_gmt":"2022-06-17T20:13:59","slug":"roberto-alajmo-mammaherz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/04\/roberto-alajmo-mammaherz\/","title":{"rendered":"Roberto Alajmo: Mammaherz"},"content":{"rendered":"\n<p>Man lernt doch immer wieder was dazu. Ein sizilianischer Autor, eine eloquent-vertrackte, durchaus humorvolle Sprache, aha: Camilleri. Den der Verlag auch umgehend diesen Autor Roberto Alajmo als besonderes Erz\u00e4hltalent preisen l\u00e4sst. Tja. Recht hat er. Aber ganz anders als man zun\u00e4chst vermutet.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>&#8222;Mammaherz&#8220; wartet zun\u00e4chst mit einer f\u00fcr Kriminalromane typischen und vielversprechenden Ausgangssituation auf. Cosimo betreibt in seinem verschlafenen Dorf eine Reperaturwerkstatt f\u00fcr Fahrr\u00e4der. Leider halten ihn seine Mitbewohner f\u00fcr einen, der das Ungl\u00fcck anzieht und wollen daher nichts mit ihm zu tun haben. Schlecht f\u00fcrs Gesch\u00e4ft, schlecht f\u00fcr Cosimos soziales Leben. Dann kommen einige Leute vorbei und lassen ein Kind zur\u00fcck. Cosimo soll es f\u00fcr eine paar Tage in seine &#8222;Obhut&#8220; nehmen, ein kleines Honorar winkt und dann ist die Geschichte ausgestanden. Leider lassen sich diese Leute \u2013 nennen wir sie &#8222;Mafia&#8220; \u2013 nicht mehr blicken, das Kind erweist sich als bockig und Cosimos Lage wird immer verzweifelter. Was tun? Als dann La Mamma hinter Cosimos Aktion kommt und bei ihm einzieht, keimt Hoffnung auf. Eine tr\u00fcgerische allerdings.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, das ist kein klassischer Kriminalroman, bereits die Erz\u00e4hlweise bringt jeden potentiellen Spannungsbogen zum Einsturz. Alajmos Sprache ist pointenreich, abschweifend und detailliert bis zu Skurrilit\u00e4t, die Camilleris nicht un\u00e4hnlich. Als Leser genie\u00dft man das durchaus, zumal dann, wenn man es wie der Rezensent in den letzten Wochen eher mit Erzeugnissen eingeschr\u00e4nkter Sprachkompetenz zu tun hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Psychogramm eines liebenswerten, in einer heillosen Situation gefangenen Aussenseiters, typisch italienisch zudem in den ewigen F\u00e4ngen der Mamma, die mit allerlei leckeren Gerichten zu punkten versteht. \u00dcber allem, hinter allem das organisierte Verbrechen etc., auch das typisch italienisch oder was man daf\u00fcr h\u00e4lt. An einen &#8222;Kriminalfall&#8220; glaubt man von Anfang an nicht. Das Kind ist das Kind (erst sp\u00e4ter erf\u00e4hrt man beil\u00e4ufig sein Geschlecht), warum es entf\u00fchrt wurde \u2013 wurde es \u00fcberhaupt entf\u00fchrt? \u2013 wird man nicht erfahren, schon gar nicht von wem und warum und \u2013 tja. Frage einen also keiner nach dem &#8222;Subgenre&#8220;, man hat, bei allem Lesevergn\u00fcgen, schon M\u00fche genug, &#8222;Mammaherz&#8220; \u00fcberhaupt ins Genre zu argumentieren. Und dann ist der Roman aus und man weiss: Etwas, das eindeutiger &#8222;noir&#8220; ist, hat man selten gelesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn dieses sprachlich Elegante, h\u00fcbsch Gewundene, diese Geschichte um den ebenso liebenswerten wie erbarmungsw\u00fcrdigen Cosimo entpuppt sich zu ihrem Ende hin als so ziemlich das Heimt\u00fcckischste, zu dem Menschen in ihrer Allt\u00e4glichkeit f\u00e4hig sind, ganz ohne das obligatorische Gemetzel und den hinausgeblasenen Weltenhass, so gew\u00f6hnlich wie Essen kochen und einen defekten Fahrradschlauch flicken. Mit vielem war zu rechnen, damit aber nicht. Obwohl man, wenn man ehrlich ist, es h\u00e4tte fr\u00fchzeitig erkennen m\u00fcssen, w\u00e4re man nicht von der Sprache abgelenkt worden, von den geradezu zwangsl\u00e4ufig im Leserhirn gestrickten Mustern.<\/p>\n\n\n\n<p>So endet die Lekt\u00fcre mit einer T\u00e4uschung, die keine ist. Es gibt, man weiss es jetzt, witzig daherkommende, sentimentale Noirs, sehr weich in Szene gesetzt, die gibt es bekanntlich auch bei Camilleri, doch Alajmo toppt den Meister wenigstens in dieser Beziehung noch um einiges. Allein daf\u00fcr geb\u00fchrt ihm Hochachtung, ebenso dem \u00dcbersetzer f\u00fcr die gute Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Roberto Alajmo: Mammaherz. \nUnionsverlag 2010 \n(Cuore di Matre. 2003. Deutsch von Kurt Lanthaler). \n252 Seiten. 9,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man lernt doch immer wieder was dazu. Ein sizilianischer Autor, eine eloquent-vertrackte, durchaus humorvolle Sprache, aha: Camilleri. 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