{"id":21888,"date":"2010-04-26T09:10:59","date_gmt":"2010-04-26T09:10:59","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/04\/das-deutsche-element\/"},"modified":"2022-06-16T04:40:41","modified_gmt":"2022-06-16T02:40:41","slug":"das-deutsche-element","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/04\/das-deutsche-element\/","title":{"rendered":"Das deutsche Element"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8222;XYZ ist ein deutscher Thriller, der sich vor den amerikanischen nicht zu verstecken braucht.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Reden wir nicht von Vergangenheit und Tradition der deutschen Kriminalliteratur, reden wir von ihrer Gegenwart. Immerhin: Es gibt sie. Nicht mehr die entfernte Verwandte der Literatur, f\u00fcr deren Anwesenheit am Katzentisch der Familie man sich sch\u00e4mt, noch nicht \u2013 und vielleicht nie \u2013 dort platziert, wo die Sippe ihre gro\u00dfen Diskussionen f\u00fchrt, ihre Entscheidungen trifft. Aber \u00fcberhaupt: DEUTSCHE Kriminalliteratur?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Gewiss, deutschsprachige Autorinnen und Autoren schreiben deutschsprachige Kriminalromane f\u00fcr ein deutschsprachiges Publikum, \u00fcber die Grenzen ihres Sprachraums gelangen sie selten hinaus, beim Kampf um die Exportweltmeisterschaft ist man gar nicht erst dabei. Hingegen ist man Weltmeister im Importieren. Angloamerikanische Plottheorien, skandinavische Serienmordrezepte, ein modischer Hang zum globalism, gestern Argentinien, heute S\u00fcdafrika \u2013 das ist alles sch\u00f6n und gut richtig und war schon immer so, nicht nur in der Kriminalliteratur, auch in der gro\u00dfen allgemeinen, in der Kunst \u00fcberhaupt.<\/p>\n\n\n\n<p>So wie unsere Gesellschaft ein Schmelztiegel ist, den mehr oder weniger bedeutende Einwanderungswellen aufpeppten, so hat auch Literatur immer schon vereinnahmt, was jenseits ihrer Sprachgrenzen entstanden ist. Aber auch hier gibt es einen Unterschied zwischen Aktiv und Passiv, zwischen dem Vereinnahmen und dem Vereinnahmtwerden, dem Blick auf das eigene Milieu und den notwendigen Mitteln, es literarisch zu erkunden, und dem Schielen nach dem globalen Erfolgsrezept, der angesagten Strategie in einer hollywoodisierten Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der deutschsprachigen Krimiszene hat sich, noch bevor man das Wort Internet \u00fcberhaupt kannte, einiges getan. Nach den eher biederen und manchmal brachial realisierten Versuchen, die Gesellschaft kriminalliterarisch zu analysieren, sind in den letzten beiden Jahrzehnten diverse Ans\u00e4tze einer, nun nennen wir sie halt so: deutschen Nationalkrimiliteratur erkennbar geworden. Gemeint sind damit nicht die &#8222;Regionalkrimis&#8220;, so sehr sie uns auch besondere Bodenst\u00e4ndigkeit vorgaukeln. Auch nicht die \u00fcblichen &#8222;Psychotriller&#8220;, deren Autorinnen auf den Waschzetteln der Verlage zuverl\u00e4ssig &#8222;Weltniveau&#8220; erreichen und deren Baukastenattit\u00fcde doch von schreiender Provinzialit\u00e4t ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch wir wurden auch um Werke bereichert, die ihr &#8222;Deutschsein&#8220; auf sehr originelle und angenehm unpr\u00e4tenti\u00f6se Art kundtun, seien es nun die historischen Krimis eines Robert H\u00fcltner, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart irrlichternden und doch nicht desorientierten Romane einer Uta-Maria Heim, einer Elisabeth Herrmann, die lakonisch hitzk\u00f6pfigen \u00d6sterreichbilder Manfred Wieningers, das durchaus Experimentelle und dennoch nicht Unausgegorene Norbert Horsts, die politisch engagierten Krimis von Horst Eckert oder&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Nur einige Namen, die stellvertretend stehen f\u00fcr eine Richtung von &#8222;deutschem Krimi&#8220;, der zwar \u2013 wie k\u00f6nnte es anders sein \u2013 sich von Au\u00dfen anregen l\u00e4sst, dabei jedoch nie vergisst, wo er herkommt und wo er schlie\u00dflich landen wird. Hier. In dieser Gesellschaft, in dieser sowohl mental als auch historisch sehr eigenen Stimmungslage.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00e4re es leichter, die erfolgreichen und eben verkaufstr\u00e4chtigen Muster aus den USA oder Schweden zu \u00fcbernehmen, die auf solche Produkte fixierte Leserschaft ist nach wie vor in der \u00dcberzahl. Oder sich, ganz Weltmann und Weltfrau, dorthin zu begeben, wo man rein medientechnisch ja l\u00e4ngst ist: ins Globale, vornehmlich an solche Orte, die man fr\u00fcher &#8222;die Dritte Welt&#8220; nannte. Dagegen ist nichts, aber auch gar nichts einzuwenden, auch nichts gegen das Lesen solcher &#8222;Krimiweltliteratur&#8220;, die aber genau das gleiche Problem hat wie die deutschsprachige. Sie zehrt von den fremden Mustern, sie k\u00e4mpft stets um ihre Eigenst\u00e4ndigkeit, sie wird von Protagonisten okkupiert, die beileibe nicht repr\u00e4sentativ sind f\u00fcr die Kultur, deren Sprecher sie sein wollen, sondern eher f\u00fcr die herrschenden Verh\u00e4ltnisse, sie bestimmen nach drau\u00dfen schlie\u00dflich das Bild einer Kriminalliteratur, die dann vielleicht hierzulande &#8222;s\u00fcdafrikanischer Krimi&#8220; heisst und merkw\u00fcrdigerweise von weissen Autorinnen und Autoren dominiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist das, die Wahrnehmung au\u00dferhalb des eigenen Sprachraums, noch das geringste Problem unserer Kriminalliteratur, denn man kennt sie dort ja kaum und ist auch nicht sonderlich auf sie erpicht. Also ein guter Grund, nicht auch an den &#8222;internationalen M\u00e4rkten&#8220; interessiert zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber was dann? Eine Kriminalliteratur, die die eigene Mentalit\u00e4t und Geschichte in \u00fcber die Jahrzehnte vorz\u00fcglich andernorts geschneiderten formalen Korsetts verstaut, durchaus auch mit Blick auf die eigene Erz\u00e4hltradition, wobei es nat\u00fcrlich schade, wenngleich nicht zu \u00e4ndern ist, dass wir weder einen Wilkie Collins noch Charles Dickens, weder einen Edgar Poe noch einen Georges Simenon hatten. Tragisch ist das dennoch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir bisher von einer deutschsprachigen Kriminalliteratur gesprochen haben, muss sp\u00e4testens jetzt der Einwand kommen, die \u00f6sterreichischen Kolleginnen und Kollegen machten ihren Sprachgenossen vor, wie sich nationale Eigenarten und Ererbtes in guten Texten unterbringen l\u00e4sst. Und tats\u00e4chlich kn\u00fcpft man in \u00d6sterreich an allgemeine literarische Traditionen an, irgendwo zwischen abgr\u00fcndigem Witz, grantelndem Zynismus und zelebrierter Morbidit\u00e4t. Inwieweit solche literarischen Artefakte einen &#8222;Volkscharakter&#8220; wiederspiegeln, vermag ich nicht zu beurteilen, aber sie scheinen mir erheblich n\u00e4her an ihrem Publikum zu sein als ihre n\u00f6rdlichen Nachbarn.<\/p>\n\n\n\n<p>Was also not t\u00e4te, w\u00e4re ein zugleich konzentrierterer und unverkrampfterer Umgang mit den importierten Mustern, ein Sichbesinnen auf den Saft, in dem man br\u00e4t, mag dies auch von den Bef\u00fcrwortern einer internationalisierten Kriminalliteratur als zutiefst selbstreferentiell und bieder gescholten werden. Aber gute Literatur war schon immer ohne den Bezug auf sich selbst und die eigene Tradition mit ihren Segen und S\u00fcnden undenkbar. Sie schottet sich nicht ab, ganz im Gegenteil. Sie handelt mit den Importen und wird nicht zu ihrer Sklavin, sie strebt nicht nach weltweiter Anerkennung, was eh nur den Produkten des kriminalliterarischen Hollywood gelingt, sie weiss, dass sie, um nicht als winziger Posten in einer Exportstatistik zu enden, dort bleiben muss, wo sie herkommt. Nur dann hat sie eine Chance, jenseits ihrer Grenzen wahrgenommen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;XYZ ist ein deutscher Thriller, der sich vor den amerikanischen nicht zu verstecken braucht.&#8220; Reden wir nicht von Vergangenheit und Tradition der deutschen Kriminalliteratur, reden wir von ihrer Gegenwart. Immerhin: Es gibt sie. 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