{"id":21890,"date":"2010-05-06T08:37:54","date_gmt":"2010-05-06T08:37:54","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/05\/peter-odonnell\/"},"modified":"2022-06-16T04:40:24","modified_gmt":"2022-06-16T02:40:24","slug":"peter-odonnell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/05\/peter-odonnell\/","title":{"rendered":"Peter O&#8217;Donnell"},"content":{"rendered":"\n<p>Peter O&#8217;Donnell ist tot. Er starb am 3. Mai 2010 im Ater von 90 Jahren in London, ein Kriminalschriftsteller, dessen bekannteste Serienfigur Modesty Blaise heisst, eine taffe Powerfrau auf den ersten Blick, auf den zweiten von irritierender Ambivalenz.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Modesty Blaise hat es wirklich gegeben, aber ganz anders, so wie in der Literatur eben \u00fcblich. Der auf dem Balkan stationierte Soldat O&#8217;Donnell war im Zweiten Weltkrieg einem Fl\u00fcchtlingsm\u00e4dchen begegnet, einem von unz\u00e4hligen im gro\u00dfen Strom der Entwurzelten. Es war nur eine kurze Begegnung, dann war das M\u00e4dchen weiter seines Weges gezogen und hatte sich doch in O&#8217;Donnells Autorenged\u00e4chtnis eingebrannt, um Jahre sp\u00e4ter als Modesty Blaise wieder aufzuerstehen. Zun\u00e4chst ab 1963 als Comic, dann im Film und schlie\u00dflich, 1965, im ersten Roman.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Modesty ist durch den Krieg entwurzelt, ein Opfer, das es in der harten Schule des Lebens zur T\u00e4terin bringt, bevor, wie auch immer, das Gute siegt. Aus der Verbrecherorganisation, der Modesty vorsteht, wird eine Antiverbrecherorganisation, aber nat\u00fcrlich sind auch hier die Grenzen flie\u00dfend. Jedenfalls: Modesty ist eine Superfrau und doch auch wieder nicht. Sie hat ihre Vergangenheit, ihre Verletzungen, ihre dunkle Seite, und das unterscheidet sie etwa von Emma Peel (&#8222;The Avengers&#8220;), die nicht nur \u00e4u\u00dferlich von Modesty inspiriert wurde, sondern auch in ihrer Ironie, allerdings ohne das tragische Element, das dem role model innewohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Modesty-Blaise-Romane sind Abenteuergeschichten, in denen die Macht des B\u00f6sen gebrochen wird, ohne dass sie tats\u00e4chlich verschw\u00e4nde. Man ist miteinander verwandt, auch die Guten bedienen sich fragw\u00fcrdiger Mittel, sie m\u00fcssen es tun, Gesetzb\u00fccher w\u00e4ren nur st\u00f6rend. Was die Romane auszeichnet, ist ihr unverbl\u00fcmter Unterhaltungscharakter. O&#8217;Donnell legt es nicht darauf an, uns die Welt zu erkl\u00e4ren, er h\u00e4lt sie zu recht f\u00fcr selbsterkl\u00e4rend. Ein einziger Kampf ist das, bei dem nur gewinnt, wer technisch am besten best\u00fcckt und skrupellos genug ist, seine Waffen auch zu gebrauchen. Diese Welt ist auch nur ironisch zu begreifen, beinahe zynisch. Dieser Zynismus jedoch ist niemals denkbar ohne das Traumatische, das ihn hervorgebracht hat und ohne die resignative Sehnsucht nach einer Zeit vor den Tragischen. Er ist also entt\u00e4uschte Liebe und Hass in einem, die Suche nach dem Paradies und das Wissen darum, dass auch in diesem Paradies die Schlangen im Gras unter den Apfelb\u00e4umen warten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor wenigen Jahren feierte Modesty Blaise ihre Wiederauferstehung in den Romanen von Stieg Larsson. Sie heisst jetzt Lisbeth Salander und ist doch nur eine Karikatur ihres Vorbilds, ein im Grunde in ihrer Beliebigkeit schwelgendes Showgirl, die fastfood-Version.<\/p>\n\n\n\n<p>Peter O&#8217;Donnell also, Modesty Blaise: Der ewige Beweis daf\u00fcr, wie pure Unterhaltung die Welt nachhaltiger erhellen kann als manch ambitioniertes St\u00fcck Literatur, wie die schiere Spannung, das Am\u00fcsement immer auch die H\u00f6lle in sich zu tragen imstande ist, der sie entkommen ist. O&#8217;Donnell tot, Modesty Blaise unsterblich.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter O&#8217;Donnell ist tot. Er starb am 3. 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