{"id":21907,"date":"2010-08-05T09:18:05","date_gmt":"2010-08-05T09:18:05","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/08\/detektei-geheimnislos\/"},"modified":"2022-06-13T00:32:00","modified_gmt":"2022-06-12T22:32:00","slug":"detektei-geheimnislos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/08\/detektei-geheimnislos\/","title":{"rendered":"Detektei Geheimnislos"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Detektei Geheimnislos hat ihr kleines B\u00fcro im Hinterhof der Literatur. Kein Firmenschild, keine Annoncen, das Mobiliar sch\u00e4big, der Detektiv mit der ausgebeulten Polsterung seines Sessels verwachsen, Kriminalromane lesend. Sie langweilen ihn, er wartet.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Manchmal, aber selten kommt Kundschaft. Die Detektei Geheimnislos ist ein Geheimtipp, man fl\u00fcstert sich den Namen zu, nach erregten Diskussionen zumeist, wenn sich die Gem\u00fcter langsam beruhigen und die Entt\u00e4uschung alle K\u00f6pfe nach unten dr\u00fcckt, bis fast auf den Tisch, bis fast in das Buch, das auf diesem Tisch liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Detektiv erhebt sich, versucht es wenigstens, er dr\u00fcckt die Hand des Klienten, den er insgeheim Bittsteller nennt und den er verachtet, er bietet Platz an, sagt &#8222;so&#8220; und &#8222;Was f\u00fchrt Sie zu mir?&#8220;, obwohl er es weiss.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das Buch da&#8220;, sagt der Klient und kramt ein Buch aus der Tasche. Es k\u00f6nnte der &#8222;K\u00f6nig \u00d6dipus&#8220; von Sophokles sein, damit hat vielleicht alles angefangen, vor \u00fcber 2500 Jahren, so lange gibt es die Detektei schon. &#8222;Aha&#8220;, sagt der Detektiv. &#8222;Ja&#8220;, antwortet der Klient. &#8222;Dieses Buch hat ein Geheimnis und das ist&#8230;&#8220; \u2013 &#8222;Ein Verbrechen&#8220;, erg\u00e4nzt der Detektiv. &#8222;Genau&#8220;, best\u00e4tigt der Klient.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn darauf hat sich die Detektei Geheimnislos spezialisiert: Sie macht aus Geheimnissen Erkenntnisse, aus Fragezeichen Ausrufezeichen, aus Nichtwissen Wissen, aus R\u00e4tseln L\u00f6sungen. Mit anderen Worten: Sie schreitet ein, wenn die Literatur versagt hat, wenn sie den Leser mit einem Geheimnis zur\u00fcckl\u00e4sst, f\u00fcr das er nicht bezahlt hat. \u00d6dipus t\u00f6tet seinen Vater und schl\u00e4ft mit seiner Mutter und wird daf\u00fcr bestraft, aber warum eigentlich? Er wusste doch nicht, dass&#8230; Gretchen hingegen, eine Kindsm\u00f6rderin, wird errettet und Faust wohl auch. Und wieso will der ALLES wissen? Was hat er davon? Man weiss es nicht. Geheimnisse halt, und deswegen hat sich der Leser nicht hingesetzt und mit dem Lesen angefangen. Er will ja erfahren, er will wissen. Er liebt das Geheimnis, aber nur dann, wenn es aufgel\u00f6st wird. Er f\u00fcrchtet sich vor den erhitzten Diskussionen in einem der repr\u00e4sentativen R\u00e4ume der Literatur, die doch alle damit enden, dass das Geheimnis pl\u00f6tzlich so oder so eliminiert werden kann. Und das ist dann wieder ein Geheimnis. Wieso eine Gleichung mit einer Unbekannten mehrere L\u00f6sungen haben kann, als w\u00e4re man in der Mathematik.<\/p>\n\n\n\n<p>Kafka. Der Detektiv erinnert sich und l\u00e4chelt. Kafka gibt ihm sein Brot, die anderen liefern die Butter f\u00fcrs Brot, aber Kafka ist der Hauptern\u00e4hrer. Jemand wird in ein Schloss einbestellt und wei\u00df nicht warum und man erf\u00e4hrt es auch gar nicht, vielleicht weil Kafka starb, bevor er die Aufl\u00f6sung formulieren konnte. Jemand wird zum K\u00e4fer und wei\u00df nicht warum und man erf\u00e4hrt es auch hier nicht. Da stehen sie bisweilen Schlange vor der T\u00fcr der Detektei Geheimnislos, schwenken gelbe B\u00fcchelchen und schreien: &#8222;L\u00f6se diesen Fall, Detektiv!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der Detektiv l\u00e4chelt nur. Er kann den Fall nicht l\u00f6sen, er zuckt mit den Schultern, sieht die Entt\u00e4uschung im Gesicht seines Klienten, dann greift er unter den Tisch, wohin er den Krimi getan hat, als der Klient eingetreten ist, und er holt den Krimi hervor, legt ihn vor den Klienten und sagt: &#8222;Das kommt davon, weil Sie das Falsche lesen, mein Freund. Literatur ist im Allgemeinen nicht perfekt. Sie l\u00f6st sich nicht in Wohlgefallen auf, was sie doch eigentlich tun sollte. Deshalb haben intelligente Menschen den Krimi erschaffen. Im Krimi gibt es anfangs viele Geheimnisse, aber alle werden aufgel\u00f6st. Nichts bleibt im Dunkeln, nichts ungel\u00f6st. Jede Person wird ausgebreitet wie ein&#8230;nun ja&#8230; ein offenes Buch, gewisserma\u00dfen. F\u00fcr alles gibt es ein Motiv, jeder Nebensatz, der vielleicht geeignet sein k\u00f6nnte, ein Geheimnis zu sein, wird irgendwann durch einen anderen Nebensatz aufgehoben und ist dann garantiert kein Geheimnis mehr. Der Autor f\u00fchrt eine Strichliste. Sobald er ein Geheimnis erschafft, notiert er es sich. Um wenn er es wieder beseitigt, hakt er es auf der Liste ab. So endet alles ohne Geheimnis, ohne Fragen, ohne Diskussionen. Das ist der Sinn des Krimis. Er l\u00e4sst den Leser dort ankommen, von wo aus er gestartet ist: auf einer wei\u00dfen Seite Vorsatzpapier.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist der Klient gegangen, den &#8222;K\u00f6nig \u00d6dipus&#8220; hat er drau\u00dfen in der M\u00fclltonne vergessen, den Krimi, den ihm der Detektiv \u00fcberlassen hat, tr\u00e4gt er als kostbaren Schatz nach Hause. Der Detektiv selbst sitzt wieder wartend auf seinem Stuhl. Er hat sich einen neuen Krimi aus der Schublade genommen und zu lesen begonnen. Eine Uhr tickt schwer, ein Pendel schwingt. Und so vergeht die Zeit in der Detektei Geheimnislos.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Detektei Geheimnislos hat ihr kleines B\u00fcro im Hinterhof der Literatur. Kein Firmenschild, keine Annoncen, das Mobiliar sch\u00e4big, der Detektiv mit der ausgebeulten Polsterung seines Sessels verwachsen, Kriminalromane lesend. 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