{"id":21912,"date":"2010-08-12T10:24:10","date_gmt":"2010-08-12T10:24:10","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/08\/3-minuten-noir\/"},"modified":"2022-06-16T22:21:52","modified_gmt":"2022-06-16T20:21:52","slug":"3-minuten-noir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/08\/3-minuten-noir\/","title":{"rendered":"3 Minuten noir"},"content":{"rendered":"\n<p>Man muss nicht wie Derek Raymond die Gesellschaft f\u00fcr einen Zustand halten, der nur im Schreibmodus des noir sichtbar wird. Ein R\u00f6ntgenger\u00e4t ist er durchaus, denn noir erlaubt einen Blick durch das Fleisch auf die Knochen unseres Zusammenlebens und seiner Regeln. Nur: Ein Skelett ist ein Skelett, und das agiert h\u00f6chstens in Gruselfilmen als zusammenh\u00e4ngend Menschliches. Ansonsten ist es nichts weiter als ein Haufen Knochen, ohne Muskeln und Sehnen, ohne Fleisch und Fett die Andeutung von Form.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Noir ist eine Denk- und Sichtweise, lediglich dann erkennbar, wenn Muskeln und Sehnen durchtrennt werden oder in Fleisch geschnitten, bei Verletzungen also. Noir ist kein Subgenre der Kriminalliteratur, sondern kann im Gegenteil von allen Subgenres verwendet werden. Im hardboiled taucht es zum ersten Mal auf, bei Hammett und Chandler, wir begegnen ihm bei Chester Himes und Derek Raymond, als hardboiled l\u00e4ngst seine Attit\u00fcde verloren hat, seinen Zynismus aus entt\u00e4uschter Liebe und menschenfreundlicher Resignation. Im franz\u00f6sischen n\u00e9o polar zeigt noir seine aggressiv-analytische Seite und auch seinen Humor, obwohl wir dem schon sehr fr\u00fch auch bei Hammett (&#8222;Das gro\u00dfe Umlegen&#8220;) begegnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den vier ersten B\u00e4ndchen der Reihe \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2010\/07\/suite-noire.php\">Suite Noire<\/a>, die der Distel Verlag nun vorgelegt hat (und die bald einzeln besprochen werden sollen), f\u00e4llt die Allgegenwart von Humor ins Auge. Da wird eine Frau ermordet, weil sie nicht gut kochen kann, eine andere erh\u00e4lt immerhin noch Pr\u00fcgel daf\u00fcr, ein Mann, der gerade einen t\u00f6dlichen Autounfall verursacht hat, beginnt wie selbstverst\u00e4ndlich zu morden, ein Detektiv l\u00f6st den Fall nicht, l\u00e4sst sich daf\u00fcr von den Ganoven krankenhausreif schlagen und akzeptiert das, weil es seine Nase in Sachen gesteckt hat, die eine Nummer zu gro\u00df f\u00fcr ihn sind. Das alles lebt von der \u00dcbertreibung und die \u00dcbertreibung attackiert die Lachmuskeln, aber in allem steckt jenes Skelett des noir. Nur im vierten B\u00fcchlein, &#8222;Papas Musik&#8220; von Jos\u00e9-Louis Bocquet betreten wir die vollst\u00e4ndig humorfreie Zone und befinden uns in einem Definitionsbereich des noir, der uns gel\u00e4ufig ist. Hier kommt noir als &#8222;griechische Trag\u00f6die&#8220; daher, es gibt nichts zu lachen, die Dinge sind essentiell und tragisch. Aber gibt es wirklich nichts zu lachen? Es werden eine Menge wichtiger Dinge in diesem Text gesagt, Massen von Luft aus dem Mund geblasen. Doch am Ende kommt ein kurzer Wind aus einem anderen Loch, die Dinge regeln sich durch einen Furz von Handlung. Und das wiederum besitzt seine eigene Komik.<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss den noir suchen, dann findet man ihn gelegentlich auch dort, wo man ihn nicht vermutet. Er ist Antipode der in der Kriminalliteratur omnipr\u00e4senten Theorie des Heilbaren, des positiven Effekts von Entwicklung, wie sie durch Recherche gew\u00e4hrleistet werden soll. Alles nur T\u00e4uschung, das wusste schon Raymond: &#8222;Im Noir-Roman f\u00e4llt die Menschheit in einer Bar oder in der Dunkelheit dem Wahnsinn anheim.&#8220; Und was machen Wahnsinnige? Sie lachen und verrenken ihre Glieder, aber das Skelett bleibt in seiner Form.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man muss nicht wie Derek Raymond die Gesellschaft f\u00fcr einen Zustand halten, der nur im Schreibmodus des noir sichtbar wird. Ein R\u00f6ntgenger\u00e4t ist er durchaus, denn noir erlaubt einen Blick durch das Fleisch auf die Knochen unseres Zusammenlebens und seiner Regeln. 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