{"id":21913,"date":"2010-08-16T11:07:23","date_gmt":"2010-08-16T11:07:23","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/08\/die-verwischte-deutlichkeit\/"},"modified":"2022-06-17T21:16:14","modified_gmt":"2022-06-17T19:16:14","slug":"die-verwischte-deutlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/08\/die-verwischte-deutlichkeit\/","title":{"rendered":"Die verwischte Deutlichkeit"},"content":{"rendered":"\n<form class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2010\/cover\/parkes.jpg\" alt=\"parkes.jpg\" width=\"180\" height=\"299\"\/><\/form>\n\n\n\n<p>Andrea Bajanis &#8222;Mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen&#8220; oder &#8222;Die Spur des Bienenfressers&#8220; von Nii Parkes: eines der beiden B\u00fccher, die ich gerade lese, ist ein Krimi, aber welches? Das eine ist wie ein Krimi aufgebaut und dennoch&#8230; das andere ist dezidiert KEIN Krimi und dennoch&#8230;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Also wieder die alte Suche nach der Definition von &#8222;Krimi&#8220;? Was ja gemeinhin so lustig ist wie Einsteins Suche nach der Weltformel, bei der man aber leider nicht wei\u00df, was die Gravitation in dem ganzen sch\u00f6nen System soll. Dabei kann man nur ermuntern, sich dem Definieren von &#8222;Krimi&#8220; zu widmen. Nicht weil am Ende so etwas wie eine &#8222;Definition&#8220; stehen k\u00f6nnte, sondern weil durch das Definieren selbst eine Definition illusorisch wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wissenschaft vom bedruckten Papier kennt eine ganze Reihe von M\u00f6glichkeiten, einen Gegenstand wie &#8222;Krimi&#8220; definitorisch in die Enge zu treiben. Von eher textimmanenten Methoden bis hin zur literatursoziologischen, wobei der Clou darin besteht, dass sich all diese Wege irgendwann einmal kreuzen. Gehe ich etwa den Weg der Rezeptionstheorie und frage mich, wie &#8222;Krimi&#8220; von seinen Lesern definiert wird, was sie von ihm erwarten und eben nicht, dann gelange ich zwangsl\u00e4ufig an einen Punkt, der mich dazu zwingt herauszuarbeiten, wie die Erwartungshaltung des Lesers die Dramaturgie eines Krimis und seine Themenpalette beeinflusst.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weitere M\u00f6glichkeit w\u00e4re eher (kriminal-)literaturgeschichtlicher Natur. Warum etwa hat Alfred D\u00f6blin, als er 1924 seine Erz\u00e4hlung &#8222;Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord&#8220; schrieb, diesen &#8222;dokumentarischen Fall&#8220; nicht als &#8222;Krimi&#8220; bezeichnet? Und warum gibt es heutzutage Leute, die dies tun? (J\u00fcngst erst in einer kleinen Facebook-Debatte. Mehr dar\u00fcber darf ich hier allerdings nicht verraten, denn Facebook ist ja, wie jedermann wei\u00df, ein privates Forum zum Meinungsaustausch.) Selbstverst\u00e4ndlich muss ich dazu wissen, was man 1924 unter einem Kriminalroman verstand und was heute, im Jahr des Herrn 2010.<\/p>\n\n\n\n<p>Das bringt uns zu einem weiteren interessanten Ansatz, den ich pers\u00f6nlich bevorzuge. Er geht davon aus, dass es so etwas wie &#8222;Entwicklung&#8220; gibt. \u00c4hnlich wie beim Menschen, der in der Steinzeit ein anderer war als im Internetzeitalter und dennoch Mensch geblieben ist. Er wurde kein BESSERER Mensch, das ganz und gar nicht. Der Zweif\u00fc\u00dfler der Steinzeit hatte ein harmonischeres Verh\u00e4ltnis zu seiner Umwelt als der heutige, es war gef\u00e4hrlicher, aber es passte halt. Auch Kriminalliteratur (wie jede andere Literatur) entwickelt sich aus Anf\u00e4ngen, macht Erfindungen und Entdeckungen, muss sich Gegebenheiten anpassen, ver\u00e4stelt sich, ist Gegenstand von Selektion etc.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich nun den Krimi als Genre in progress wahrnehme, definiere ich lediglich Schnappsch\u00fcsse mit einer Kamera, die die Bewegung als Unsch\u00e4rfe fixiert. Zugleich wird einem banalen Umstand Rechnung getragen, dem n\u00e4mlich, dass kein Autor den Krimi neu erfindet, sondern immer auf irgend jemandes Schultern steht. Darauf sollte man hinweisen, daran sollte man immer denken, wenn wieder einmal behauptet wird, der oder die Altvordere sei ja wohl str\u00e4flich \u00fcbersch\u00e4tzt und habe doch nicht den ihm oder ihr zugewiesenen gro\u00dfen Einfluss gehabt. Aber hallo.<\/p>\n\n\n\n<form class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2010\/cover\/bajani.jpg\" alt=\"bajani.jpg\" width=\"190\" height=\"298\"\/><\/form>\n\n\n\n<p>Was nun bei den eingangs erw\u00e4hnten Texten von Bajani und Parks evident ist, l\u00e4sst sich ermitteln, wenn man eine der Grundformeln des &#8222;Was ist Krimi?&#8220; anwendet. Diese Grundformel geht von vier Konstanten aus, die zueinander in irgend einem Verh\u00e4ltnis stehen sollten. Es gibt einen Fall (1), es wird von einem Ermittler (2) ermittelt (3) und zwar zum Zwecke der Aufkl\u00e4rung (4) dieses Falles. Die Dynamik dieser Formel und damit auch das Verh\u00e4ltnis, in dem die Konstanten stehen, l\u00e4sst sich von der Pr\u00e4misse herleiten, die Entwicklung zwischen 1 und 4 solle zielgerichtet und logisch aufkl\u00e4rend sein. Die Nebel lichten sich also.<br \/>Liest man nun den Text von Parkes, so sind zun\u00e4chst alle diese vier Konstanten gegeben. Nur mit der Dynamik ist es so eine Sache, denn von hergebrachter Logik und Aufkl\u00e4rung kann bald die Rede nicht mehr sein. Dennoch ist das, was Parks hier veranstaltet, auf seine Art sehr schl\u00fcssig. Allerdings auf Kosten der Funktionst\u00fcchtigkeit besagter Krimiformel.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Bajanis Buch hingegen haben wir es mit einem Text zu tun, der weder als Krimi angelegt ist noch seinen Konstanten huldigt. Dennoch gibt es einen &#8222;Killer&#8220;, jemanden, der, indem er blumig-zynische K\u00fcndigungsschreiben formuliert, Menschen t\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber soll an anderer Stelle mehr ausgef\u00fchrt werden, festzuhalten sei hier aber, dass auch diese Irritationen etwas mit &#8222;Entwicklung&#8220; zu tun haben und durchaus auch mit den Erwartungen von Lesern des 21. Jahrhunderts. Doch erwarte niemand so etwas wie eine Definition. Was wir zuspitzen, l\u00e4uft am Ende doch nur auseinander wie Tinte auf w\u00e4ssrigem Papier. Und das ist gut so, das ist n\u00e4mlich Literatur.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Andrea Bajani: Mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen. <br \/>Dtv 2010 (Cordiali Saluti. 2005). <br \/>Deutsch von Pieke Biermann. 138 Seiten. 12,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Nii Parkes: Die Spur des Bienenfressers. <br \/>Unionsverlag 2010 (Tail of the Blue Bird. 2009). <br \/>Deutsch von Uta Goridis. 221 Seiten. 16,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andrea Bajanis &#8222;Mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen&#8220; oder &#8222;Die Spur des Bienenfressers&#8220; von Nii Parkes: eines der beiden B\u00fccher, die ich gerade lese, ist ein Krimi, aber welches? 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