{"id":21917,"date":"2010-08-29T11:27:36","date_gmt":"2010-08-29T11:27:36","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/08\/australische-blogschelte\/"},"modified":"2022-06-17T20:49:18","modified_gmt":"2022-06-17T18:49:18","slug":"australische-blogschelte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/08\/australische-blogschelte\/","title":{"rendered":"Australische Blogschelte"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8222;Challis sinnierte eine Weile \u00fcber die Idee von Blogs nach, vor allem in Dirk Roes Fall. Es schien ganz so, als h\u00e4tten Privatsph\u00e4re, W\u00fcrde und Zur\u00fcckhaltung f\u00fcr die Cyberspace-Generation keinerlei Bedeutung mehr. Man konnte meinen, dass es heute vollkommen in Ordnung war, jeden halb ausgegorenen, langweiligen oder b\u00f6sartigen Gedanken, jedes Gef\u00fchl, jeden verletzten Stolz hinauszuposaunen.&#8220;<\/em> ( Garry Disher, &#8222;Rostmond&#8220;, Unionsverlag 2010, S. 67\/68)<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ups, da hat mal wieder einer bei watching the detectives reingeschaut. Na, peinlich, peinlich. Aber nat\u00fcrlich trifft das, was Held Challis in Garry Dishers neuem Krimi &#8222;Rostmond&#8220; sinniert (sinniert? Na, das lassen wir mal so stehen), durchaus bei denen ins Schwarze, die sich schon immer als die Wei\u00dfen gerierten und deren Welt deshalb auch entsprechend aussieht. Drei Dutzend Seiten weiter &#8222;sinniert&#8220; auch Challis&#8216; Berufs- und Privatpartnerin \u00fcber Blogs.<br \/><em><br \/>&#8222;Ellen sch\u00fcttelte m\u00fcde den Kopf. &#8218;Was ist das nur mit diesen Blogs? Warum machen die Leute so was?'&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Fragen \u00fcber Fragen, die sich Ellen nat\u00fcrlich selbst beantwortet. <em>&#8222;Ich verstehe, dass sie zur Verrohung der Welt beitragen&#8220;<\/em>, versteht sie und weiss: <em>&#8222;Au\u00dferdem kosten Blogs nichts, und man muss sich auch nicht mit seinen Mitmenschen auseinandersetzen.&#8220; <\/em>(S. 101\/102)<\/p>\n\n\n\n<p>Nun hat es sich wohl noch nicht bis Australien herumgesprochen, dass man auch ohne zu bloggen seit Jahr und Tag seinen Unsinn \u00fcber die Welt gie\u00dfen kann und dass die deutschen Dirk Roes dann etwa Thilo Sarrazin hei\u00dfen und via Print und Fernsehen &#8222;Denkanst\u00f6\u00dfe&#8220; geben, bei denen wir nicht wissen wollen, wie es um die Beschaffenheit der Denkapparate steht, die solcherart angesto\u00dfen werden m\u00fcssen. Aber es ist schon mehr als nur h\u00f6herer Bl\u00f6dsinn, die Qualit\u00e4t eines Mediums vom Grad seiner Verf\u00fcgbarkeit abh\u00e4ngig zu machen. Nat\u00fcrlich ist der Weg in die &#8222;klassischen Medien&#8220;, wo <em>&#8222;Privatsph\u00e4re, W\u00fcrde und Zur\u00fcckhaltung&#8220; <\/em>bekannterma\u00dfen h\u00f6chste Guter sind, nicht kostenlos. Dem Chefredakteur in den Arsch kriechen, dem Hype der Saison lauthals huldigen oder jeden Satz so formulieren, als habe ihn Thomas Mann im Delirium erdacht, das ist ein hoher Preis, der indes gerne gezahlt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun bin ich mir nat\u00fcrlich im Klaren dar\u00fcber, dass die Abf\u00e4lligkeiten \u00fcber Blogs in Dishers Buch nicht die Meinungen des Autors, sondern zun\u00e4chst die seines Personals darstellen. Nach einem Drittel von &#8222;Rostmond&#8220; indes f\u00e4llt auf, wie larmoyant und schwarzwei\u00df plakativ dieser Krimi daherkommt. Australien muss scheisse sein, das mag uns tr\u00f6sten, wenn wir wieder einmal in Fernweh schwelgen. Und au\u00dferdem reden dort 16j\u00e4hrige M\u00e4dchen, als seien ihre Gehirne mit Rhetorikpulver gewaschen worden. Aber erst einmal fertiglesen, das Ding. Seine Aussagen \u00fcber Blogs zumindest sind sehr erhellend. Wir gedenken ihrer bei der n\u00e4chsten flachbr\u00fcstigen Diskussion \u00fcber verschleierte Geb\u00e4rmaschinen und die Kinder von Langzeitarbeitslosen, die statt akademischen Graden den Ehrentitel &#8222;Hartz-IV-Kind&#8220; erhalten und mit Chipkarten belohnt werden. Schick. Nat\u00fcrlich alles bei Print und Funk und Fernsehen und schon gar nicht kostenlos. Ein paar Gehirnzellen gehen immer dabei drauf.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Challis sinnierte eine Weile \u00fcber die Idee von Blogs nach, vor allem in Dirk Roes Fall. Es schien ganz so, als h\u00e4tten Privatsph\u00e4re, W\u00fcrde und Zur\u00fcckhaltung f\u00fcr die Cyberspace-Generation keinerlei Bedeutung mehr. 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