{"id":21918,"date":"2010-09-01T11:00:47","date_gmt":"2010-09-01T11:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/09\/hansjoerg-schneider-hunkeler-und-die-augen-des-oedipus\/"},"modified":"2022-06-13T01:08:36","modified_gmt":"2022-06-12T23:08:36","slug":"hansjoerg-schneider-hunkeler-und-die-augen-des-oedipus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/09\/hansjoerg-schneider-hunkeler-und-die-augen-des-oedipus\/","title":{"rendered":"Hansj\u00f6rg Schneider: Hunkeler und die Augen des \u00d6dipus"},"content":{"rendered":"\n<form class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2010\/cover\/hunkeler.jpg\" alt=\"hunkeler.jpg\" width=\"132\" height=\"211\"\/><\/form>\n\n\n\n<p>Ein Krimi, in dem \u00fcber Sophokles und Adorno r\u00e4sonniert wird, kann nur bei Diogenes erscheinen, erspart es doch Patricia Highsmith und Georges Simenon, den Friedhof zu wechseln, wenn sie sich in ihren Gr\u00e4bern w\u00e4lzen. Eine Art Bildungsb\u00fcrgerkrimi ist das, \u00fcberraschenderweise, denn vielleicht hatte man geglaubt, der sei nur eine Schim\u00e4re, es gebe ihn gar nicht. Aber es gibt ihn wie etwa die Menschen, die ihre Kinder nicht mit &#8222;Unterprivilegierten&#8220; allzu lange die Schulb\u00e4nke dr\u00fccken lassen wollen, liberal-asoziales Pack eben, doch pardon: Das passt jetzt nicht zu Hansj\u00f6rg Schneiders &#8222;Hunkeler&#8220;-Roman, das ist eine spontane Assoziation des Kritikers, der die Gem\u00fcter durch die Versicherung zu beruhigen versucht, dass sie in &#8222;Hunkeler und die Augen des \u00d6dipus&#8220; kein bisschen in Gefahr schweben werden, irgend etwas assoziieren zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Harte Worte zu einem butterweichen &#8222;Krimi&#8220;, der mit Anf\u00fchrungszeichen totgeboren wurde. Ein Theaterregisseur wird ermordet und ein Polizist, der kurz vor seiner Pensionierung steht, m\u00f6chte den Fall l\u00f6sen. Dieser Polizist hat in einem fr\u00fcheren Leben auch etwas mit dem Theater zu tun gehabt, was fatal ist, denn fortan wird er uns st\u00e4ndig mit seinen Erkenntnissen beuteln. Wir befinden uns in Basel, in der Schweiz, und dort scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, irgendwo in den Siebzigern wohl, als es auf dem Theater noch f\u00fcr einen veritablen Skandal reichte, blutige Monatsbinden zu schwenken. Nat\u00fcrlich ist auch das Personal irgendwie historisch-antiquiert, g\u00e4ngiges Krimipersonal eben, wie es Herbert Reinecker in seinen uns\u00e4glichen Fernsehmoralschinken nicht besser hingekriegt h\u00e4tte. Gescheiterte Autoren und Schauspieler, jede Menge Angeber und M\u00f6chtegerns, ein wie aufgezogen denkender Hunkeler nebst allzu verst\u00e4ndnisvoller Lebensgef\u00e4hrtin \u2013 doch wer glaubt, diese Unwelt des Theaters sei das Gr\u00f6bste an Schneiders Roman, der wird bitter entt\u00e4uscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn Basel hat auch einen Hafen, und dort tummeln sie sich dann erst recht, die Pappnasen aus den trivialen Papierwelten des besseren, weil zitierf\u00e4higen Krimis. Akkordeonspielende Zuh\u00e4lter, tiefdenkende Ganoven, herzige Nutten, nett-verr\u00fcckte K\u00fcnstlerinnen, und das alles h\u00fcbsch vermischt mit der oben skizzierten Theaterbagage, das ist mehr, als selbst der gutm\u00fctigste Leser zu ertragen vermag.<\/p>\n\n\n\n<p>Und Krimi? Fast m\u00f6chte man es als den besten Einfall Schneiders bezeichnen, seinen Hunkeler den Fall nicht kl\u00e4ren zu lassen, sondern die allf\u00e4llige Aufl\u00f6sung nur zur Kenntnis zu nehmen. Es ist eh wurscht, denn wer diesen Krimi liest und gut findet, m\u00f6chte eigentlich gar keinen Krimi lesen. Da geht es um die Gedanken eines Mannes vor der Rente, der gerne mal den Rhein runterschwimmen m\u00f6chte, es geht um die Vergewisserung, dass das Leben beruhigenderweise noch immer aus glasklar konturierten, &#8222;interessanten Typen&#8220; besteht und man im Elsass nach wie vor am allerfeinsten spachteln kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer nun denkt, all das habe mit Kriminalliteratur nichts mehr zu tun, liegt richtig. Es ist der \u00fcbliche vorgekaute Denkbrei f\u00fcr Menschen am Rande der intellektuellen Belanglosigkeit, f\u00fcr Kulturisten und andere Besitzer monstr\u00f6s harmloser Weltbilder. Die werden achen und jauchzen bei diesem Hunkeler, die werden, kaum haben sie das Ding gelesen, ihre Gedankenschreine wieder sauber abschlie\u00dfen, damit blo\u00df kein St\u00e4ubchen Wirklichkeit sie entweihe. Auch daf\u00fcr ist also gut, wo Krimi zwar nicht explizit draufsteht, aber halt auch nicht drin ist. Mach die Augen zu, \u00d6dipus, und schlafe weiter.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Hansj\u00f6rg Schneider: Hunkeler und die Augen des \u00d6dipus. <br \/>Diogenes 2010. 233 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Krimi, in dem \u00fcber Sophokles und Adorno r\u00e4sonniert wird, kann nur bei Diogenes erscheinen, erspart es doch Patricia Highsmith und Georges Simenon, den Friedhof zu wechseln, wenn sie sich in ihren Gr\u00e4bern w\u00e4lzen. Eine Art Bildungsb\u00fcrgerkrimi ist das, \u00fcberraschenderweise, denn vielleicht hatte man geglaubt, der sei nur eine Schim\u00e4re, es gebe ihn gar nicht. 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